Kulturmagazin mit Charakter

Kunststücke
Eigentlich sollte es in der ganzen Stadt so aussehen: Kunst und Kommerz liegen Tür an Tür, die Begegnung mit Kunst ist so selbstverständlich wie der tägliche Einkauf. An der Königsallee in Düsseldorf konnte man in der jüngeren Vergangenheit bemerken, dass leerstehende Ladenlokale, die auf ihre Wiederverwendung oder den Abriss warten, vorübergehend mit Kunstwerken ausgestattet wurden. Ein Trend? Schön wäre es.

Foto © Michael Zerban
Wolfgang Sohn, Fotokünstler und Kurator, der unter anderem mit seiner Fotoausstellung PhotoPopUpFair bekannt wurde, hat mit seiner Idee den richtigen Zeitpunkt ausgewählt. In den kommenden Wochen, genauer bis zum 14. Dezember, hat er ein Ladenlokal in der Kö-Galerie mit seiner Ausstellung The Sixty belegt, die schlicht nach der Hausnummer des Einkaufszentrums an der Königsallee benannt ist. 20 Fotokünstler bekommen so die Gelegenheit, ihre Werke in einer vorübergehenden Galerie auf einer Fläche von 600 Quadratmetern auszustellen, mitten im Vorweihnachtsgeschäft zwischen Espresso-Bar und Fotofachgeschäft.
Die Glastüren in der Fensterfront sind weit geöffnet. Einladender kann es nicht sein. Vorher war hier ein Mode- und Parfumkonzern ansässig. Geblieben sind die aufwändige Beleuchtung, Spiegel an der Wand und großzügige Flächen. An der Kopfwand ein Sofa auf einem Podest, eine Sitzgruppe zur Rechten, im Untergeschoss weitere Sitzgruppen. Sohn freut sich über eine ungewöhnliche Hängung. Er hat nicht, wie üblich, die Fotografien gemeinsam mit den Künstlern angebracht, sondern allein darüber entschieden, wo welche Arbeiten hängen. Und es ist geglückt. Auf einer Fläche, die so groß ist, dass die Bilder Gefahr laufen, an Wirkung zu verlieren, ist es Sohn gelungen, Einheiten und Gruppen zu schaffen, die ein Auseinanderfallen verhindern.
Was die Ausstellung besonders reizvoll auch für Menschen macht, die mal zufällig vorbeikommen und sich vielleicht in der Kunst der Fotografie nicht so bewandert fühlen, ist die Vielfalt. An einer Säule in der Raummitte des Erdgeschosses finden sich Exponate von Kai Schäfer aus seiner Serie Worldrecords – Made in Germany, die Alben der Musikgeschichte in kräftigen Farben auf ausgefallenen Plattenspielern zeigen. Gleich links davon gibt es großformatige Bilder von La isla bonita zu sehen, die Michael Heinsen wie gemalt erscheinen lässt. Großformatige Werke haben auch die Künstlerinnen Martina Ziegler und Georgia Ortner beigesteuert, die eine aus Düsseldorf, die andere aus Bonn. In den beiden Umkleiden findet sich dann unvermittelt Objektkunst von Kai Uhle aka Killer, der nicht nur Barbie, sondern auch verschiedene Gegenstände in Acrylboxen an die Wand gebracht hat.

Foto © Michael Zerban
Auch ein Gang in das Untergeschoss lohnt. Hier findet man zwar keine Werke von Andreas Gursky, dafür sieht man den Düsseldorfer Fotografen selbst, wie er neben einer Axt und einem Haufen Holzscheite steht. Die Aufnahme ist Teil einer Serie von Frank Bodenmüller, der von der Kellnerin bis zum Politiker Menschen mit derselben Axt porträtiert hat. Ebenfalls bemerkenswert: Eine Arbeit von Sohn selbst, die urbane Eindrücke farbenfroh schichtet. Auffällig in der Ausstellung auf Zeit ist, dass sich viele Künstler nicht mehr mit dem Foto an sich begnügen, sondern das Material weiterverarbeiten, indem sie es beispielsweise abstrahieren oder in der Form verändern.
Dem Kurator Sohn ist es ein Anliegen, Fotokunst im öffentlichen Raum für alle zugänglich zu machen. Um die Attraktivität seiner Ausstellung zu erhöhen, hat er ein umfangreiches Rahmenprogramm entwickelt. Vom Gespräch mit den Künstlern über den Tätowierer, der seine Arbeit live im Ausstellungsraum zeigt, bis zu dem Modell, das er zur Verfügung stellt, damit sich andere Fotografen daran versuchen können. Neben einer kostenlosen Meisterklasse mit dem Fotografen Sascha Hüttenhain fertigt auch Sohn im Live-Fotostudio individuelle Porträts. Bei einigen der Veranstaltungen ist es allerdings ratsam, sich vorher anzumelden. Die Möglichkeit, das online zu erledigen, gibt es nicht. Sohn setzt konsequent auf die persönliche Begegnung. In der Galerie hängt ein Veranstaltungsplan aus, und der Kurator steht in den Öffnungszeiten montags bis samstags von 10 bis 19 Uhr stets zum Gespräch bereit.
Der Besuch ist denkbar unkompliziert und bietet einen schönen Einblick in unterschiedliche Aspekte der – örtlichen bis internationalen – Fotokunst der Gegenwart. Von daher: Unbedingt empfehlenswert.
Michael S. Zerban