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Kommentar
Wenn einem ein Preis verliehen wird, ist die Freude groß. Sie sollte allerdings nicht so überschäumend sein, dass man sich nicht erkundigt, wer derjenige ist, der die Auszeichnung vornehmen will. Sonst könnte es zu einer unangenehmen Überraschung kommen. So wie beim Stadttheater in Regensburg, das heuer als „Bestes Opernhaus“ geehrt wird. Von einem Medium, das die Menschenwürde mit Füßen tritt.

Das Theater Regensburg muss sich mit einem zweifelhaften Preis auseinandersetzen – Foto © Marie Liebig
Es gehört ja inzwischen für die Theater der Republik zum guten Ton, sich als moralische Instanz zu gerieren. Da werden auf den Netzseiten der Häuser große Erklärungen abgegeben, wie tolerant, divers, international und was weiß ich nicht noch sie alle sind. Das Stadttheater in Regensburg, nach eigenen Angaben Bayerns größtes kommunales Mehrspartenhaus mit eigenen Ensembles für Musiktheater, Schauspiel, Tanz und Junges Theater, das zudem über ein eigenes Orchester und einen Opernchor verfügt, hält sich da noch erfrischend zurück, wenn es sich darauf beschränkt, für sein „Community Theater“ zu erklären: „Gleich welchen Alters, welcher Herkunft, welcher Identität, welcher Lebenslage oder Fähigkeiten: Im Community Theater sind alle willkommen.“ Nach dem 23. Februar dürfte dieser Satz Makulatur sein. Denn dann wird sich das Theater mit einer Geisteshaltung gemein machen, die ihresgleichen an Menschenverachtung sucht.
Dabei fing doch alles gut an. Da bekommt Intendant Sebastian Ritschel die Nachricht, dass sein Haus die Auszeichnung „Bestes Opernhaus“ erhält. Ein städtisches Theater wird mir nichts dir nichts zum Opernhaus. Klar, dass die Freude so groß ist, dass man die unangemessene Übertreibung glatt übersieht. Ja, so überschäumend, dass man glatt vergisst, mal nachzuschauen, wer einem da eigentlich einen Preis überreichen will. Eine Recherche hätte sich in diesem Fall allerdings gelohnt, um unangenehmen Überraschungen zu entgehen. Denn der Preis wird von Leuten verliehen, deren Weltbild kaum übler sein könnte. Die Menschen, die es im Leben nicht ganz so glücklich getroffen hat, als „Menschenmüll“ bezeichnen. Unter ihnen die Kritiker Manuel Brug und Eleonore Büning, die sich bis heute nicht von der unsäglichen Beschreibung des Jury-Vorsitzenden Ulrich Ruhnke, seines Zeichens Chefredakteur des Mediums Oper! und Gründer der Oper! Awards, distanziert haben.
Zur Erinnerung: 2023 erteilten die Oper! Awards in der Kategorie „Größtes Ärgernis“ einen „Preis“ an das Theater Krefeld Mönchengladbach, weil sich auf dem Vorplatz des Theaters Krefeld vermehrt Drogen- und Alkoholabhängige sowie Drogenverkäufer aufhielten. Ruhnke sprach in einer Pressemitteilung von „Menschenmüll“, bekräftigte seine Aussage später noch einmal und erntete damit keinen Widerspruch seiner Jury-Mitglieder (O-Ton kommentierte). Dieselben Juroren, die nun nach Regensburg reisen werden, um dort ihre Gesinnung weiter zu vertreten. Preise von Leuten, die ein solches Menschenbild haben, will niemand – das ist zumindest die Hoffnung von jemandem, der alle Menschen als gleich ansieht, egal, welches Schicksal ihnen im Leben widerfahren ist. Gesinnung verjährt nicht. Das ist zumindest etwas, was die Deutschen gelernt haben sollten. Und wer am 23. Februar auch nur irgendeinen Preis in Regensburg feiern will, macht sich mit diesen Gesinnungstätern gemein, die offenbar glauben, zu den „besseren Menschen“ zu gehören.
In Regensburg gibt es kein Opernhaus. Aber ein Stadttheater, das immer wieder mit interessanten Programmangeboten auf sich aufmerksam macht. In den nächsten Wochen allerdings wird Intendant Ritschel sich Gedanken machen müssen, wie er mit einem Preis für sein Theater umgeht, dessen Juroren nicht nur Teile der Gesellschaft offensichtlich ausgrenzen wollen, sondern sie auch gleich auch noch auf die niedrigste denkbare Stufe herabsetzen. Mit Kultur hat das nichts zu tun. Bleibt die Hoffnung, dass wenigstens das Theater sich diesem Begriff verbunden fühlt.
Michael S. Zerban