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Kunststücke
Bunker mit Schießscharten: Das ist in etwa die freundlichste Beschreibung eines Architektenentwurfs, der im Wettbewerb um den Bau einer neuen Oper in Düsseldorf den ersten Platz belegt. „Betonbunker“, „Wellblechkiste“ oder „Müllverbrennungsanlage“ lauten andere Assoziationen. Eine Ausstellung im 34OST zeigt auch die Entwürfe der Mitbewerber. Fazit: Der Siegerentwurf ist nicht der allerschlechteste von allen.

Reger Zulauf nicht nur vor den Tafeln des Siegerentwurfs – Foto © Michael Zerban
Inmitten einer Nachkriegsbebauung, die geprägt ist von Pragmatismus, Langeweile und Konsum, erhebt sich ein riesiger, dreigeteilter Betonklotz, wie man ihn sich abschreckender kaum vorstellen kann. Schießschartenähnliche Fensterchen assoziieren Abwehr, eine Glaswand gibt den Blick frei auf das Kaufhaus auf der anderen Straßenseite. Da ging es im Brutalismus deutlich freundlicher zu. Aber so sieht er aus, der Siegerentwurf, den das 25-köpfige Preisgericht in Düsseldorf zum Neubau der Oper ausgewählt hat. Die Architekten des norwegischen Büros Snøhetta waren von Anfang an in der Favoritenrolle. Schließlich ist das Opernhaus in Oslo, das sie entworfen haben, ähnlich visionär wie das in Sydney. Wenngleich schon das hätte ein Warnzeichen sein können. Ein gestrandetes Raumschiff, das in einer Betonwüste nicht einmal Platz für Pflanzkübel vorsieht. Einladend wirkt an diesem Objekt wohl nur die Betonbrücke, die davon wegführt. In Düsseldorf hatten die Architekten ein weiteres Problem zu lösen. An dem umstrittenen neuen Standort am Wehrhahn gibt es keinen Landeplatz für ein gefährlich wirkendes Raumschiff, sondern hier muss sich das Gebäude an andere anschließen, sich einfügen.
Jetzt sind auf dem Architekturmodell in sterilem Weiß drei aneinandergeklebte, gegenläufige Betonriegel zu erkennen, die immerhin verdeutlichen, dass es sich hier nicht um ein Opernhaus, sondern eine willkürliche Mischung aus Musikschule, Bibliothek und Theaterneubau handelt. Dabei hatte Heiner Farwick, selbst Architekt und Stadtplaner sowie jetzt Vorsitzender des Preisgerichts, die Anforderungen für das Haus klar vorgegeben. „Es muss nahbar und einladend sein für Menschen mit unterschiedlichsten Interessen. Gleichzeitig muss es ein Ort sein, der inspirierend und anregend wirkt“, sagt er vollkommen richtig. Wie er allerdings zu dem Schluss gelangt, „Alle vier Siegerentwürfe schaffen diesen Spagat. Sie vereinen die Besonderheit, auch die Festlichkeit, die ein Opernhaus ausstrahlen soll mit einem Ort, der im Alltag funktioniert“, bleibt bei allen vier Siegerentwürfen vollkommen schleierhaft. Und dass es im Innern des abschreckenden Betonklotzes aus Norwegen noch erheblichen Optimierungsbedarf gibt, umschreibt Alexandra Stampler-Brown, Geschäftsführerin der Rheinoper. „In der Flexibilität der Raumnutzungen ist noch viel Spiel für die Ausgestaltung“, erklärt sie.
Davon können die Bürger sich nun selbst ein Bild machen. Denn bis zum 7. Dezember werden alle 27 Entwürfe des Gesamtwettbewerbs in einer Ausstellung gleich am künftigen Bauort gezeigt. 34OST nennt sich der ehemalige Elektrofachmarkt an der Oststraße, der im Sommer dem Asphalt-Festival als zusätzliche Spielstätte dient und nun genug Platz für all die Schautafeln bietet, auf denen die Architekturbüros ihre Ideen visualisieren und zu erklären versuchen. Die Ausstellung ist täglich von 16 bis 20 Uhr geöffnet und stößt zumindest an einem Donnerstagnachmittag auf reges Interesse. Gleich vorn im Eingangsbereich ist der Snøhetta-Entwurf zu sehen. In einer Ecke kann man sich die Ergebnisse des parallel ausgerichteten Kinder- und Jugendarchitekturwettbewerbs anschauen, den die Deutsche Oper am Rhein gemeinsam mit der Clara-Schumann-Musikhochschule und der Musikbibliothek der Stadtbüchereien Düsseldorf ausgerichtet hat.
In der Mitte des Raums sind die Schautafeln in viereckigen Räumen angeordnet. Das ist nicht schön, aber funktional und informativ. Der Eindruck, der haften bleibt, ist, dass es tatsächlich schlimmere Lösungen gegeben hätte. Aber immerhin finden sich unter „ferner liefen“ auch zwei Entwürfe, die den Attributen einladend und nahbar gerecht werden.

Es lohnt sich, die Alternativen anzuschauen – Foto © Michael Zerban
Es gibt übrigens keinen Grund, die Ausstellung wütend oder frustriert zu verlassen, weil die Hoffnung auf ein „schöneres“ Stadtbild angesichts der vier Siegerentwürfe geplatzt ist. Denn erst im kommenden Jahr beginnen die Vergabeverhandlungen mit den vier Preisträgern, danach muss der Beschluss des Stadtrates erfolgen, welches Büro als Generalplaner beauftragt wird, und erst 2028 ist mit dem geplanten Ausführungs- und Finanzierungsbeschluss im Stadtrat zu rechnen. Wenn der Zeitplan überhaupt eingehalten werden kann, denn die Stadt will sich vertraglich absichern, dass es bei einer Milliarde Baukosten bleibt. Da wird man sehen müssen, wer solche Garantien gibt.
Derweil wächst der Widerstand gegen den Opernneubau. Zu viele offene Fragen stehen im Raum, und viele Bürger sehen angesichts einer maroden Infrastruktur in der Stadt eine Geldausgabe in solcher Höhe als nicht gerechtfertigt an. Da ist die Bekanntgabe der Stadt Hamburg, ein wesentlich schöneres Opernhaus – und keinen Gemischtwarenladen – für die Hälfte des Preises zu erstellen, keine Unterstützung für die Befürworter eines luxuriösen Neubaus in Düsseldorf.
Es lohnt sich also, sich die Ausstellung bei kostenlosem Eintritt einmal anzusehen, weil es durchaus sein kann, dass die hochfliegenden Pläne allesamt in der Schublade verschwinden. Im Übrigen sollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich vor dem Besuch einen persönlichen Eindruck vom Umfeld des geplanten Neubaus zu verschaffen. Dann versteht man sehr schnell, warum das Projekt hier nicht für zusätzlichen Glanz sorgen, sondern immer ein Fremdkörper bleiben wird.
Michael S. Zerban
Einen informativen Überblick über den Stand in Sachen Opernneubau gibt Alexandra Scholz-Markovich in der Neuen Düsseldorfer Online-Zeitung.