O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Jörg Wohlfromm

Kunststücke

Mahnmal der Gegenwart

Seit 1999 gibt es die Nordart, die sich inzwischen zu einer der größten jährlichen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa mit etwa 100.000 Besuchern im Kunstwerk Carlshütte im norddeutschen Büdelsdorf entwickelt hat. Aus bis zu 3.000 Bewerbungen wählt eine Jury um die 200 Künstler aus, die in verschiedenen Räumen ausstellen. In diesem Jahr ist der Kölner Künstler Bernd Reiter mit seiner großen Installation Ironie des Schicksals dabei.

Die Rückkehr der Konfrontationslogik: Installation „Ironie des Schicksals“ – Foto © Bernd Reiter

Büdelsdorf ist eine Stadt mit mehr als 10.000 Einwohnern im schleswig-holsteinischen Kreis Rendsburg-Eckernförde. 1827 wurde dort die Eisengießerei Carlshütte gegründet, die bis 1997 das wirtschaftliche Geschehen der Stadt bestimmte. Seit 1999 findet in den ehemaligen Industriehallen die Nordart statt, eine der größten jährlichen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa. Das Kunstwerk Carlshütte umfasst die Hallenschiffe der Gießerei, eine restaurierte Wagenremise und ein großzügiges Parkgelände, wo an unterschiedlichen Spiel- und Präsentationsstätten Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Theater- und Filmvorführungen stattfinden. Hier zeigen mehr als 200 Künstler aus aller Welt, die zuvor von einer Jury ausgewählt wurden, ihre Bilder, Fotografien, Videos, Skulpturen und Installationen. Selbsterklärend, mal im Dialog, manchmal im Widerspruch. Der Anspruch der Kuratoren Wolfgang Gramm und Inga Aru ist kein geringerer, als dass sich die Ausstellung jedes Jahr neu erfindet.

Einer der Künstler, die in diesem Jahr vom 6. Juni bis zum 4. Oktober ausstellen, ist Bernd Reiter. Reiter wurde 1948 in Köln geboren, wo er bis heute lebt und arbeitet. Seit seiner Kindheit ist er künstlerisch tätig – bereits mit zehn Jahren begann er, Materialien zu erforschen und künstlerisch zu verarbeiten. Als Autodidakt entwickelte er im Laufe der Jahrzehnte eine unverwechselbare künstlerische Sprache, die auf der Verbindung von Skulptur, Malerei und Installation basiert. Seine Werke verbinden industrielle Materialien, Readymades und mediale Elemente mit gesellschaftlichen Themen. Wiederkehrend geht es um Macht, Verantwortung und die Frage, wie Kunst in politische und moralische Gegenwart eingreifen kann. Er steht fest in der Tradition avantgardistischer Künstler, die ein Verantwortungsbewusstsein und eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft empfinden. Für ihn ist Kunst untrennbar vom Leben, wie auch das Leben untrennbar von der Kunst ist. Doch Reiter gibt sich nicht damit zufrieden, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, sondern nutzt seine Kunst, nutzt die Provokation und Agitation, um die Gesellschaft – unsere Gesellschaft – wachzurütteln. „Ich verstehe meine Werke als Einsprüche, Proteste, Mahnungen und vor allen Dingen als Fragezeichen. Was sehen wir? Was lassen wir zu? Wie reden wir darüber?“, sagt der Künstler selbst über das Verständnis seiner Arbeit.

Die Bilder sitzen in Flugzeug und Fahrzeugen wie Fremdkörper, wie Splitter, wie flackernde Einschüsse der Gegenwart – Foto © Bernd Reiter

Vor zehn Jahren stellte er zum ersten Mal seine Installation Ironie des Schicksals vor, die zwei Jahre später auf der Art Karlsruhe gezeigt wurde und seither weiterentwickelt wird. Mit dem Kunstwerk präsentiert Reiter sein zentrales Thema „Macht“ nicht abstrakt, sondern durch reale Gegenstände. Ein ausrangierter Düsenjäger MiG-21 der sowjetischen Streitkräfte, zwei schwere amerikanische Luxuslimousinen, Stahl, Schrott, flimmernde Monitore mit dokumentarischem Bildmaterial, Sandsäcke, Panzersperren und die ukrainische Nationalflagge, die die Arbeit in der Gegenwart verankert. Auf den Bildschirmen zu sehen: Bewegtbilder aus dem Ukraine-Krieg mit Kampf, Zerstörung und Leid, die die Installation in die Jetztzeit katapultieren, sowie politische Bilder jener Machtblöcke, die diesen Krieg prägen – mit Bildern zu scheinbar endlosen Sequenzen verdichtet. Die Installation illustriert keinen Konflikt, sondern macht ihn physisch erfahrbar und beinhaltet darüber hinaus einen medienreflektierenden Ansatz.

Das Sonderprojekt der diesjährigen Ausstellung verweist auf eine erneute Realität der Stellvertreterlogik und der Eskalation: Stellvertreterkriege, von der Ukraine bis in den Nahen Osten, fordern weiterhin zivile Opfer, während Bilder sie zugleich entgrenzen und abstumpfen. „Ironie des Schicksals ist kein historisches Tableau, sondern eine Installation, die sich an der Gegenwart neu justiert“, sagt der Künstler. „Der bewaffnete Konflikt ist nicht weit weg, er hat Europa erreicht, politisch, medial und moralisch“, fügt er noch hinzu.

Wie es ihm persönlich damit geht, dass die Menschen nicht aus dem Schicksal der Vergangenheit lernen, wird er vielleicht bei der Vernissage am 6. Juni ab 11 Uhr erzählen.

Michael S. Zerban