O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

„Hömma, somma nomma?“

Wenn sich Ruhris irgendwo außerhalb des Ruhrgebietes treffen, verstehen sie sich blind: Hör mal, sollen wir noch einmal? Dabei ist nirgendwo festgelegt, wo denn das Ruhrgebiet liegt, wie groß es ist, was dazu gehört … Wolfram Eilenberger spricht vom „männlich beinhebenden Revier“ oder dem „zärtlich eigen-deprivierenden Pott“ und stellt zur neuen Namensfindung „Metropole Ruhr“ fest: „Auf keiner Karte dieser Welt verzeichnet, in keiner Verwaltungsdatei vermerkt, in keinem als solche erwähnt … ein klassischer Nicht-Ort.“ Zu diesem Nicht-Ort unternimmt Eilenberger umfangreiche Literaturrecherchen und begibt sich, gefördert von der Brost-Stiftung, die „nützlich sein (will) für eine gute Zukunft des Ruhrgebiets“, auf Erkundungsreise durch die Metropole Ruhr. Auf seiner Literaturliste finden sich zahlreiche Ruhr-Klassiker wie Heinrich Böll, Fotografien von Chargesheimer, Erika Runge und Frank Goosen, um nur einige zu nennen. Seine Eindrücke und Erkenntnisse fasst er zusammen in  dem Begriffspaar Verwurzelung und Entwurzelung.

Eilenberger konzentriert sich auf die Zeit von 1966 bis heute, um das Gebiet zwischen Dortmund, Bochum, Essen, Oberhausen und Duisburg zu charakterisieren. Die inzwischen „umgetaufte“ Metropole Ruhr ist soziologisch durchaus ein Schwergewicht: Mehr als fünf Millionen Menschen verteilen sich auf 53 Städte, darunter so merkwürdige Namen wie Bottrop, Castrop-Rauxel, Herne, Moers. Ein beliebter Geck im Ruhrgebiet: Weiss se, wie Wanne-Eickel auf Griechisch heißt? … Is doch klaa: Castrop-Rauxel.

In einer bemerkenswert anschaulichen Sprache mit fantasievollen Wortschöpfungen wie etwa der „schwarzen, leicht schimmernden Aura des Ruhrgebietes“ oder dem Fußball als „Kit der Generationen“, als „Identitätsanker des Reviers“ muss der Leser vieles erst entschlüsseln, wenn Eilenberger etwa vom „Tagewerk unter den Bedingungen der dunkelsten Nacht“ oder von einer Lebensform spricht, die zu „romantischer Dauerverklärung ebenso einlud wie zu revolutionärem Sozial-Aktivismus“. Er spricht – durchaus realistisch – von einer Welt, in der sich Fördern und Ausbeuten bis zur Unkenntlichkeit überlappen. Er nimmt den Leser gemeinsam mit dem Bergmann Ch. von der Zeche Möller/Rheinbaban mit in eine „inhumane Region“, die „aus Menschen Arbeitssklaven“ macht. Die Bergleute, die Eilenberger nur ausnahmsweise mal Kumpel nennt, bekommen mit ihrer „Lohntüte im Kopf die Krankheit der Entwurzelung am akutesten zu spüren“.

Ihm ist schon früh klar, dass es trotz des neuesten, international überlegenen technischen Standes „für die Kohleförderung an der Ruhr keine Gewinnperspektive mehr“ gibt. Er sieht mit Erika Runge in ihren Bottroper Protokollen kommen, dass „das gesamte Ruhrgebiet ein Schlafgebiet wird“, für die damaligen Bergleute und unsere heutige Betrachtung kaum vorstellbar. Manchem Kumpel wie beispielsweise dem Kollegen Ch. auf einer Betriebsversammlung in Bottrop war klar, Regierung und Politiker müssen „dem ganzen Ruhrgebiet wieder eine neue Lebensauffassung“ geben.

Dass wir heute, gut 60 Jahre später, weiter sind und die Menschen im Ruhrgebiet tatsächlich eine „neue Lebensauffassung“ gefunden haben, kann Eilenberger an anderer Stelle mit Erstaunen und Bewunderung feststellen: das Ruhrgebiet – ein Kulturzentrum. Um diesen Wandel, diese Leistung festzustellen, braucht man nur Namen wie die Ruhrfestspiele, den Landschaftspark Duisburg, die Jahrhunderthalle in Bochum, das MKM – Küppersmühle-Museum oder den Skulpturengarten in Duisburg zu erwähnen. Wo findet man sonst auf dem Gelände früherer Industriebrachen – von einigen Großstädten abgesehen – eine solche Konzentration von Theatern, Musiksälen und Orchestern wie im Ruhrgebiet? Welches Bundesland kann eine solche Dichte von Universitäten und Hochschulen aufweisen wie das Ruhrgebiet? Eilenberger sieht aber auch, dass neben den vielfältigen Kultur-, Ausflugs- und Naturangeboten in den Lebensqualitätsrankings der Republik … eine Phalanx der Abgeschlagenen, „mit Gelsenkirchen als verlässlichem Träger der roten Laterne“ existiert. Simone Weil, Erika Runge und Heinrich Böll haben sich mit der Entwurzelung der arbeitslos gewordenen Bergleute intensiv befasst. Auch andere Merkwürdigkeiten fallen Böll auf, wenn er das Ruhrgebiet als „schwarz von Kohlenstaub, grau von Gesteinsstaub, eine Welt ohne Frauen“ beschreibt. Eilenbergers Detailbeobachtungen sind ebenso genau und originell wie seine zusammenfassenden Begriffe: Das Ruhrgebiet ist für ihn „der wahr gewordene Entwurzelungs-Albtraum der industrialisierten Moderne als fossiler Kapitalismus“. Mit Böll überreicht er den Kumpels im Ruhrgebiet einen besonderen Blumenstrauß und verortet südlich der A40 einen „nostalgisch getränkten Ruhrpottkult“ im bürgerlichen Milieu, der sogar mit dem WDR 2 einen eigenen Sender besitzt, der zuverlässig „anglophonen Poppmüll“ auf den Pott rieseln lässt. Er spricht von den Solidaritätsanforderungen unter Tage. „Nirgendwo sonst in Deutschland sind die Menschen so nüchtern, herzlich, einfach und schlagfertig.“ Die Maßstäbe, mit denen das Ruhrgebiet zu messen wäre, gebe es noch nicht. Da ist noch viel mit den Kollegen zu „bekakeln“ So, wie Herbert Grönemeyer, der Kerl aus Bochum fragt „Oh Willi, wat is mit dir? Trinkste noch ´n Bier?“

Beispielhaft für die „identitätsfeste Verwurzelung; getragen und fundiert von der arbeitsbestimmten Lebensform des Bergmanns oder eben Kumpels“ haben die Menschen im Ruhrgebiet ein unverwechselbares Selbstbewusstsein entwickelt. Der Autor sieht darin „eine heroisch konnotierte Männlichkeit“. Das „Glück auf!“ wird im Ruhrgebiet zum Alltagsgruß.

Da ist die Rede von der Büdchenkultur, dem Loft statt der Maloche, dem Weltniveau des Bochumer Schauspielhauses und dem Fußball, nie Weltniveau, aber immer geliebt. Gemeinsam mit dem Ruhrgebietsjournalisten Christoph Amend schwelgt Eilenberger in romantischen Erinnerungen. Anstelle der aufgeblasenen Kommentare von „Heuschreckenschwärmen von Kulturträgern“ beantworten sie die alltäglich Frage „Wat is mit dir?“ und sehen in dem Erinnerungsort Zeche Zollverein ein „rostbraunes Riesenablenkungsmanöver“. Hier entdecken Biermann und Eilenberger etwa seit 1997 den zweiten, entscheidenden „Identitätsschub“ des Reviers mit dem Höhepunkt 2010 und dem Jahresevent der Europäischen Kulturhauptstadt.

In der klassischen Ruhrgebiets-Literatur bei Böll, Biermann, Goosen, Rothmann und Runge findet Eilenberger aktuelle „Spielarten sentimentaler Selbstbestimmung der Ruhr“, die eine neue Lebensauffassung des Ruhrgebiets andeuten, gekennzeichnet durch eine „Schrebergarten-Welt mit Sportplatz, Zeche und Pommes-Bude.“ Eilenberger geht auf Konflikte ein, die er wie andere Kinder in der Zechenwelt der Eltern aushalten musste, bis hin zu der Erfahrung, als sein Vater im Schacht von einem Gesteinsbrocken erschlagen wird – undramatisch, kühl, authentisch. Am Beispiel Herne beschreibt er mit Biermann die Rolle des Fußballs im Ruhrgebiet, wo irgendwo hundert Meter unter dem Stadion einer der vielen tausend Stollen, der Wurmgänge des Goldenen Zeitalters der Kohle“ Teile dieser Stadt abgesackt sind. Wie mit Ganoven umzugehen ist, macht der „Testosteron-Kommissar Schimanski“ klar, und den Enkeln der Generation „Maloche“ wird der Spruch zugeschrieben: „Woanders ist auch Scheiße“. Ob eigene Beobachtungen oder Ergebnisse seiner Literaturrecherchen, Eilenberger bleibt genau, authentisch und originell. Er akzeptiert, dass sich das Ruhrgebiet „das Recht erarbeitet, sich hemmungslos zu stilisieren.“  Kein Wunder, dass sie wiederholen: “Nä, schön ist das nich. Abba meins!“

Eilenberger belässt es nicht bei dem Blick zurück. Richtig Spaß machen die Zukunftsvisionen, seine Fantasien, die er sich im Schlusskapitel einfallen lässt, wenn er von dem „greisen Herbert Grönemeyer in buddhistischer Mönchskutte seine Karriere mit Currytofuwurst“ beendet. „Sach einer, dat Ruhrgebiet hätte keine Fantasie …“ – im Hintergrund erklingt ganz verhalten „Glück auf, Glück auf, der Steiger …“

Horst Dichanz