O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

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„Kultur – Gerade jetzt!“

Mehr als 10.000 Künstler aller Sparten kämpfen allein im Ruhrgebiet zum großen Teil nicht nur seit Monaten um ihre Existenz. Es droht auch die Gefahr, angesichts weggebrochener Darstellungsmöglichkeiten, in Vergessenheit zu geraten. Schriftsteller konnten zwar schreiben, aber nicht auf Lesereisen gehen, Musiker üben und komponieren, sich aber nicht live dem Publikum widmen, Maler malen, aber keine Ausstellungen ausrichten. Schauspieler konnten und können oft nicht einmal proben und auch die Arbeitsbedingungen und Vorführungsmöglichkeiten der Filmemacher sind stark eingeschränkt.

„Kultur – Gerade jetzt“: Das Motto der zweiten diesjährigen Ausgabe des Magazins Metropole Ruhr, herausgegeben vom Regionalverband Ruhr, möchte daran erinnern, welch pulsierende Kulturlandschaft das Ruhrgebiet mit seinen über fünf Millionen Einwohnern auch außerhalb der großen etablierten Theater, Opernhäuser, Museen und großen Festivals zu bieten hat. Das 32-seitige Heft will sich nicht nur als Zeitschrift verstanden wissen, sondern als „Ersatzbühne“ für die brachliegende Live-Kultur. Verbunden mit der Absicht, „sich auf andere Formen als das Bekannte einzulassen“, wie Olaf Kröck, der Intendant der Ruhrfestspiele, bei der Pressepräsentation des Hefts bemerkte. Wobei er nach eigenen Erfahrungen eine große Bereitschaft bei Künstlern und Konsumenten erfahren haben will, auch neue Wege beschreiten zu wollen.

Print-Medien wie Metropole Ruhr könnten nach Ansicht von Karola Geiß-Netthöfel, RVR-Regionaldirektorin des Regionalverbands Ruhr, zu diesen „anderen Formen“ gezählt werden. Denn das Heft wurde ausschließlich von 34 Künstlern des Reviers aus allen Sparten selbst gestaltet. Wobei das Corona-Thema natürlich eine zentrale Rolle spielt. In den Händen hält man kein Hochglanzprodukt wie das erste Heft aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Regionalverbands, sondern eine optisch, stilistisch und inhaltlich denkbar bunt gemischte Revue unterschiedlicher Umgangsformen mit dem Thema. Die Duisburger Lyrikerin Lütfiye Güzel, vor drei Jahren mit dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet, schildert, wie sie im Lockdown begonnen hat, aus den vielen gestapelten Zeitungen auf ihrem Tisch Gedichte zusammenzuschneiden und zu einer marxlohmontage zu montieren. Das Künstlerpaar Senem Gökce Ogultekin und Levent Duran aus Essen stellt sein während des Lockdowns entstandenes experimentelles Videoprojekt zum Zustand des „Zusamengepackt-Seins“ in der Familie vor. Ein Künstlerquartett aus Unna stellte eine Foto-Galerie von Gesichtern mit Schutzmasken zusammen, die sie im Mai und Juni in der Unnaer Innenstadt ausstellten. Wobei die Künstler ihren künstlerischen Horizont erweiterten, indem sie Pinsel und Meißel mit dem Fotoapparat tauschen mussten.

Das Heft präsentiert sich insgesamt wie eine kleine Ausstellung, die auch den Anspruch erfüllt, das hohe und vitale Niveau der Ruhrpott-Szene komprimiert widerzuspiegeln. Was allerdings nur Sinn machte, wenn auch weiteren Künstlern die Möglichkeit zur Selbstdarstellung geboten würde. Was nach Meinung von Geiß-Netthöfel wünschenswert, aber nur mit Sponsoren durchführbar wäre. Denn der Regionalverband Ruhr hat durch die Pandemie selbst einen Verlust von über einer Milliarde Euro zu verkraften.

Die Beiträge zeigen mehr oder weniger ausgeprägt und deutlich durchaus Wege für neue Präsentationsformen auf, die auch in „gesünderen“ Zeiten weiterentwickelt werden könnten. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Öffnung nach außen, die Erschließung neuer Aufführungs- und Ausstellungsstätten, der direktere Kontakt zum Menschen. Die feste Bindung der Kultur an feste Institutionen wie Theater und Museen macht sie in Krisenzeiten erheblich verletzlicher als eine Kulturszene, die sich flexibler präsentiert. Was auch die subventionierten Kultureinrichtungen zu neuen Formen anregen könnte.

Die aktuellen wirtschaftlichen Einbußen der Künstler kann Metropole Ruhr natürlich nicht auffangen, auch wenn die Beiträge honoriert wurden. Auch kann dieses Format den Erlebniswert der Live-Kultur ebenso wenig ersetzen wie Video-Streams. Bereichern kann es unsere Landschaft mit Sicherheit.

Das Magazin kann man hier herunterladen oder als Druckversion bestellen.

Pedro Obiera