O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

DVD

Der doppelte Zwerg

Bist du es, feindliches Bild“: Jäh, brutal ist der Fortissimo-Aufschrei im Orchester und gewaltig das Erschrecken beim erstmaligen Erkennen seines hässlichen Spiegelbildes und ein Höhepunkt der Oper Der Zwerg von Alexander von Zemlinsky. In der jetzt bei Naxos erschienenen DVD und Blu-ray-Disc aus der Deutschen Oper Berlin hat Regisseur Tobias Kratzer diesen Moment spannungsgeladen mit einem Kunstgriff noch dadurch verstärkt, dass er die Figur des Zwerges mit einem Sänger und einem kleinwüchsigen Schauspieler verdoppelt hat. Beide sind im Frack, der Tenor zunächst nur vor einem Notenpult, der Schauspieler zuerst als Dirigent vor einem auch auf der Bühne befindlichen Orchester. Anfangs verleiht der Tenor dem anderen nur Stimme, dann geraten beide immer mehr in Konflikt, der letal endet, denn der Sänger erwürgt den Schauspieler und stirbt dann auch.

Die Oper beruht auf Oscar Wildes Märchen Der Geburtstag der Infantin, bei dem die Prinzessin von einem Sultan einen Zwerg geschenkt bekommt, der aber nichts von seiner Missgestalt weiß. Der Einakter wird auf einer weißen Konzertbühne gezeigt, die von einer Orgel dominiert und von weißen Büsten von Komponisten, die Ausstattung ist von Rainer Sellmaier, umrahmt wird, die zum Finale von ihren Konsolen gestürzt werden. Das Spiel mit und über Musik wirkt sehr kunstvoll wie auch das Zusammenkommen der Luftballon schwenkenden, in heutigen Gewändern steckenden Hofgesellschaft mit dem am Podium sitzenden Orchester, auch etwas bemüht.

Butt Philip als tenoraler Zwerg singt die schwere Partie höhensicher, vielleicht eine Spur zu eindimensional, sein lyrisches Lied von der blutenden Orange gelingt ihm sehr schön. Mich Morris Mehnert zeigt als Schauspieler den Zwerg mimisch und gestisch sehr beeindruckend. Elena Tsallagova singt die beschenkte Infantin Donna Clara im Glitzerkleid und anfänglich vor Langeweile stets kaugummikauend mit glasklarem, geschärftem Sopran, mit Koketterie, aber auch Anmut. Zum Schluss mischt sich in ihre Herzlosigkeit und dem grausamen Spiel mit dem Zwerg – „Geschenkt und schon verdorben“, so ihr Zitat – doch eine Ahnung von Liebe. Philip Jekal als Haushofmeister Don Esteban und Emily Magee als Lieblingszofe Ghita singen beide souverän, ebenso wie die vielen kleineren Rollen und der Chor der Deutschen Oper, dessen Einstudierung Jeremy Bines vornahm.

Donald Runnicles am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin weiß die spätromantische Musik von Zemlinsky, das Geflecht der Themen und Harmonien  mit vielen aufregenden Details und wunderbaren Farben zum Glitzern und Leuchten zu bringen.

Da in dieser Oper der selbst kleinwüchsige Komponist Zemlinsky autobiografisch seine Beziehung zu seiner Schülerin Alma Mahler-Werfel verarbeitet hat, wird bei dieser Berliner Produktion eine achteinhalbminütige inszenierte Szene mit der „Begleitmusik zu einer Lichtspielscene“ von Zemlinskys Schwager Arnold Schönberg vorangestellt. Alma Mahler, sie hieß damals noch Schindler, nimmt beim kleinen, realiter nur 1,60 Meter großen Zemlinsky Klavierunterricht und schmachtet ihn an. Gemeinsam steigern sie sich in einen Klang- und Liebesrausch. Plötzlich stößt sie ihn von sich und verweist auf sein Spiegelbild. Die Gattin des Dirigenten, Adelle Eslinger-Runnicles, verleiht ihr die Haltung einer Grande Dame, während der Pianist Evgeny Nikoforov einen keinesfalls unansehnlichen Zemlinsky darstellt.

Die Videoregie von Götz Filenius weiß in allen Perspektiven und Einstellungen in der Totalen und in den Nahaufnahmen immer am Brennpunkt des Geschehens zu sein. Viel Beifall.

Helmut Christian Mayer