O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Michael S. Zerban - Foto © Michaela Büttgen

Kommentar

Großes Staunen

Die Überraschung hält sich in Grenzen. Im Düsseldorfer Opernhaus wurden erhebliche bauliche Mängel festgestellt. Die werden den Spielbetrieb erheblich beeinträchtigen. Bei einem Unternehmen dieser Größenordnung sollte man glauben, dass sofort ein Plan B greift. Den gibt es auch bei der Oper – und der erstaunt dann allerdings doch. Vorstellungsabsagen und -verschiebungen werden angekündigt.

Die Oper an der Heinrich-Heine-Allee wird erhalten bleiben – Foto © Michael Zerban

Bei einer turnusmäßigen Sicherheitsüberprüfung während der Sommerpause sind statische Mängel an der Trägerkonstruktion im vorderen Bereich des Bühnenturms über dem Bühnenportal festgestellt worden. Eine Sicherheitsfreigabe zur Nutzung des Bühnenturms für den Probe- und Spielbetrieb auf der Bühne wurde vom zuständigen Statikbüro nicht erteilt.“ Das teilt die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg zum Opernhaus Düsseldorf mit. Von den statischen Beeinträchtigungen betroffen sind Teile der Trägerkonstruktion im vorderen Bereich des Bühnenturms, die größtenteils aus der Zeit der Wiedereröffnung des Düsseldorfer Opernhauses nach dem Zweiten Weltkrieg stammen. Die Lasten im Tragwerk müssen nun auf verschiedene neue Träger verteilt werden, um die Arbeitsgalerien links- und rechtsseitig der Bühne sowie die Portalbrücke weiterhin sicher halten zu können. Die städtische Immobilien Projekt Management Düsseldorf, die für die laufende Ertüchtigung des Opernhauses zuständig ist, arbeite gemeinsam mit den beteiligten Fachleuten mit Hochdruck an der temporären Sicherung der Trägerkonstruktion, heißt es. Dazu sollen unter anderem spezielle Drahtseile und Ersatzträger eingebracht werden.

Eine solche oder ähnliche Meldung war zu erwarten. Bereits vor sechs Jahren war gutachterlich festgestellt worden, dass das Haus in einem derart heruntergekommenen Zustand ist, dass die Kosten der Sanierung im Vergleich zu denen eines Neubaus nicht gerechtfertigt seien. Mit viel Getöse wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, der nebenbei einen eher mediokren Siegerentwurf erbrachte. Zudem wurde ein Grundstück angekauft, auf dem die neue Oper entstehen sollte. Vor den Sommerferien erkannte der Oberbürgermeister, dass die Stadt sich eigentlich keinen Neubau leisten kann und stoppte das Vorhaben. Das bestehende Opernhaus solle „ertüchtigt“ werden. Richtig daran ist: Eine Stadt, die kein Geld für ein neues Opernhaus hat, kann es auch nicht ausgeben. Also, so sollte man meinen, unternähme nun die Leitung des Hauses alles, um den Spielbetrieb im alten Haus aufrechtzuerhalten. Denn das ist ihre Aufgabe, dafür sind Leute angestellt, die mit sechsstelligen Jahreseinkommen auskömmlich versorgt sind. Die überdies einen Jahresetat von mehr als 60 Millionen Euro zur Verfügung haben.

Statt eines „nun erst recht“ hörte man allerdings aus der Führungsetage nur Ratlosigkeit, Wehklagen und ein „weiter, als wäre nichts geschehen“. Wohlgemerkt. Zu diesem Zeitpunkt war bekannt, dass jederzeit mit einer Verschlechterung des Bauzustandes zu rechnen war. Man muss kein Fachmann für das Bauwesen oder einen Opernbetrieb sein, um zu wissen, was spätestens seit der Bekanntgabe der „Ertüchtigung“ die vordringlichste Aufgabe der Führung des Hauses sein musste. Da gilt es, Krisenpläne zu erarbeiten, um den Betrieb auch dann aufrechtzuerhalten, wenn bauliche Mängel auftreten. Ja, womöglich sogar einmal als kaufmännischer und künstlerischer Leiter seinen Sommerurlaub zu verschieben, bis für alle Eventualitäten vorgesorgt ist.

In der Rheinoper war man damit augenscheinlich schnell fertig. Weniger überraschend war die Feststellung der Statiker in den Sommerferien, dass die Bühne vorübergehend nicht bespielt werden darf. Was einen wirklich staunen lässt, ist die Reaktion der Opernhausleitung. Na und? Dann lassen wir eben die Spielzeiteröffnung und zwei Vorstellungsreihen einfach ausfallen. Und die Premiere im November verschieben wir auch gleich noch. Erst mal. Schließlich arbeiten immerhin die Statiker „unter Hochdruck“, um das Problem zu lösen. Und wenn das nicht klappt, legen wir noch ein bisschen länger die Beine hoch. Da darf das Publikum sich freuen, dass nicht auch noch das Schloss an der Eingangstür klemmt, damit Kostümverkauf und Opernführungen stattfinden können, offenbar die originären Aufgaben eines Opernhauses.

An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, ob die Leitungskräfte der Führung des Opernhauses gewachsen sind oder nicht dringend durch Menschen abgelöst werden müssen, die den Opernbetrieb auch bei temporären Herausforderungen aufrechterhalten können. Denn was gerade mit der Oper in Düsseldorf passiert, ist nicht nur an Fantasielosigkeit kaum zu überbieten, sondern kostet die Stadt ebenfalls einen zusätzlichen Haufen Geld. Gelder aus Einnahmen, auf die die Stadt eigentlich nicht leichtfertig verzichten sollte.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung  des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O-Ton wieder.