O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

DVD

Und der Tod tanzt immer mit

Er ist fast immer omnipräsent: Schon von Anbeginn sieht man den Tänzer auf der fast leergeräumten, durch einen Spiegel nach hinten begrenzten Bühne. Und er trägt immer eine Maske, oft eine Stiermaske, meist aber eine Totenmaske, vor allem zum Finale. Und diese Figur, sie wird als Joker bezeichnet, agiert immer wieder als Strippenzieher, der in das Geschehen eingreift. So führt er Figuren in die Szenerie herein oder heraus. Er mischt anstelle von Frasquita und Mercedes die Karten, versucht Carmens Hände in seine erogenen Zonen zu lenken. Und er drängt sich wiederholt fast penetrant zwischen die Protagonisten, auch beim Schlussduett zwischen der Titelheldin und Don José, dem er zum Finale auch das Messer reicht, in das aber die Titelheldin selbst hineinläuft: Diesen offenbar personifizierten Tod hat der Regisseur Stephan Märki bei Georges Bizets Carmen erfunden, eine Produktion, die am Konzert-Theater Bern 2018 Premiere hatte und jetzt kürzlich auf DVD und CD – beide sind gleich zusammen in einer Box – bei Arthaus Musik erschienen ist.  Die tänzerischen Leistungen von Winston R. Arnon sind großartig, nur allein man versteht nicht die Sinnhaftigkeit der Figur. Carmen und Micaëla wirken wie Doppelgängerinnen. Sie tragen die gleichen Frisuren und die gleiche weiße Kleidung, die Philipp Führhofer kreiert hat. Der Kinderchor ist wie bei einer Misswahl ausgestattet. Der Männerchor in Alltagskleidung singt meist aus den Proszeniumslogen. Rund um den Orchestergraben führen Stege, die immer wieder bespielt werden. Don José sitzt überhaupt im Publikum und tritt von hier auf. Uniformen von Soldaten sucht man vergebens. Und immer flimmern die heute schon mit Penetranz verwendeten Videoprojektionen auf einer Leinwand im Hintergrund.

Neuheiten gibt es auch im musikalischen Bereich, wo es weder Dialoge noch Rezitative gibt, dafür einige ungewohnte Takte vom Dirigenten neu entdeckter Musik, wie etwa vor dem Kinderchor, vor der Habanera und im Schlussduett. Mario Venzago dirigiert das Berner Symphonieorchester zündend und nuancenreich. Die Sänger, die dem Konzert-Theater Bern meist schon länger verbunden sind, wirken alle sehr ansprechend. Claude Eichenberger ist mit ihrem schlanken und flexiblen Mezzosopran eine sehr ausdrucksstarke Carmen. Elissa Huber singt die Micaëla teils mit zu viel Forte und etwas zu wenig Innigkeit, aber großer Reinheit. Xavier Moreno ist ein stämmiger, kraftvoll singender Don José, der aber teilweise nicht unangestrengt wirkt. Jordan Shanahan singt den Escamillo mit leichten Tiefenproblemen, aber großer Durchschlagskraft. Young Kwon klingt als Zuniga ziemlich mulmig.

Immer am Puls des Geschehens ist die intelligente Video-Regie von Bettina Ehrhardt.

Einhelliger Beifall für alle.

Helmut Christian Mayer