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Die Liebe – ein Schmetterling

Gleich mehrere griechische Götter muss Polifemo bemühen, um vielleicht  doch den Weg zu seiner verehrten Galatea zu finden: den Meeresgottes Nereus, die Künste der Zauberin Circe und schließlich noch Venus.

Bononcini, auch als „Meister des frühen Belcanto“ bekannt, war an den adeligen Höfen seiner Zeit um 1700 bestens eingeführt. Ob in Wien, Potsdam/Berlin oder London, gern nahm man seine Dienste als Kompositeur und Musiker in Anspruch, wenn es darum ging, wieder einmal einen fürstlichen Abend auszurichten.

Und so beginnt die Aufzeichnung des Potsdamer Konzertes in gemächlichem Tempo mit dem Eintreffen der Gäste, die eine gravitätisch wirkende Ouvertüre auf das kommende Fest einstimmt. Natürlich geht es – wieder einmal – um die Liebe, die nur mithilfe überirdischer Kräfte vor den Gefahren des Dunkels, des Jenseits bewahrt und mit Götterhilfe schließlich zum Erfolg geführt werden kann.

Der Fischer Glauco ist ein einfacher Mann, dem die schöne Silla den Kopf verdreht hat, doch noch viel mehr von dem Scheusal Polifemo, einem aus der griechischen Sagenwelt entliehenen, einäugigen Ungeheuer begehrt wird. Das Konkurrenzpaar Aci und Galatea mischt sich intrigant in die Liebesaffäre, der Polifemo zum Schluss durch Erschlagen des Aci ein Ende setzt. Venus kann versichern, „der Tod hat keine Macht in diesem Reich“ und holt Aci zurück ins Leben, der Schlusschor kann einsetzen. Die Romanze um den Hirten Aci und Galatea und die Bedrohung durch Polifemo haben gleich mehrere Komponisten des frühen Barock beschäftigt. Der Italiener Lully, der den größten Teil seines Lebens am Hofe Ludwigs XIV. verbrachte,  sein Landsmann Bononcini aus Modena und Händel greifen den Stoff gleich mehrmals auf, wobei sich die Urheberschaft einzelner Stücke gelegentlich verwischt.

Dorothee Oberlinger gründete 2002 in Köln das Ensemble 1700, das sich intensiv und mit großem Erfolg der europäischen Kammermusik des 17. und 18. Jahrhunderts widmet. Die inzwischen international bekannten Konzerte des 15-köpfigen Ensembles wurden „von Presse und Publikum gleichermaßen enthusiastisch aufgenommen“. Auch die Polifemo-Aufführung im vergangenen Jahr in Potsdam lässt musikalisch keine Wünsche offen.

Das Intrigenspiel zwischen Silla, Glauco, Galatea und Aci wird immer wieder gestört durch das Ungeheuer Polifemo, einer Figur, die man bei Ovid entlehnt hat. Oberlinger hat für die unterschiedlichen Charaktere ausgezeichnete und ausdrucksstarke Sänger engagiert. João Fernandez bringt mit weicher Bass-Bariton-Stimme den Polifemo eher freundlich, Bruno de Sá singt den Aci als Sopranist, Helena Rasker, Sopran, gibt dem Fischer Glauco die glaubwürdige Verliebtheit, Liliya Gaysinas Circe wirkt fest und entschlossen, Roberta Mameli, Sopran, glänzt als Silla mit klaren, festen Höhen und leicht getupften Koloraturen, Roberta Invernizzi gibt der Galatea ein ebenbürtiges Auftreten, Maria Ladurner als Venere passt mit leichtem Sopran in diese Stimmenfolge.

In ständig wechselnden Arien und Rezitativen zeigen die Solisten eine klangreiche Barockmusik, einige Duette, beispielsweise von Galatea und Polifemo oder von Aci und Galatea sind musikalische Leckerbissen, oft begleitet von Cellopassagen quasi als Basso continuo. Berührend präsentieren in Szene fünf Galatea und Aci ein Duett. Die zahlreichen Wechselgesänge der zweiten CD des Doppelpacks sind gesanglich und musikalisch ein Genuss, denen der Zuhörer gern aufmerksam folgt. Gelegentliche Temperamentausbrüche der Silla und des Polifemo steigern die Spannung.  Das Ensemble fungiert mit großer Zurückhaltung weitgehend als Begleitung, lediglich die Celli und das Bassoon treten schon mal stärker in den Vordergrund.

Der am Anfang dieses Jahres bei Sony Music auf zwei CD erschienene Mitschnitt der Potsdamer Aufführung wird für alle Liebhaber der Barockmusik ein besonderer Genuss sein. Ein leichtfüßig intonierter Melodienreigen, locker und mit Spiellust präsentiert vom Ensemble 1700 und ein Bouquet schöner, weicher Stimmen laden dazu ein, zumindest im Geiste an diesem höfischen Fest teilzunehmen. Die Solistinnen und Solisten und das Ensemble 1700 unter der Leitung von Dorothee Oberlinger präsentieren einen Melodienstrauß, den die Zuhörer zu gern als Einladung verstehen.

Horst Dichanz