O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Mythos und Wirklichkeit

Kaum ein Dirigent des 20. Jahrhundert wurde als Orchesterleiter von Musikern und vom Publikum so verehrt wie Wilhelm Furtwängler. Kaum einer war aber auch persönlich so umstritten. Was an seiner widersprüchlichen Haltung während des Nationalsozialismus lag, die ihm viel Ablehnung einbrachte.

Bis heute wird darüber spekuliert, ob er Mitläufer war, die Realität nicht wahrhaben wollte oder in den inneren Widerstand ging. Ein Theaterstück, ein Film und auch ein Buch, verfasst vom ehemaligen SFB-Musikredakteur Klaus Lang, beschäftigen sich ausschließlich mit diesem Thema.

Hingegen hat der Kulturpublizist Herbert Haffner in seiner rund vierhundertseitigen Biografie Wilhelm Furtwängler – Im Brennpunkt von Macht und Musik dessen gesamte Lebensgeschichte im Blick. Ergebnis ist ein äußerst vielschichtiges, exzellent recherchiertes und nie wertendes Porträt, das nicht nur den Werdegang des Dirigenten im Fokus hat, sondern auch dem Komponisten und Privatmenschen Beachtung schenkt.

Furtwängler wird 1886 in Berlin geboren, sein Vater ist ein renommierter Archäologe. Mit sieben Jahren komponiert der musikalisch Hochbegabte sein erstes Stück, mit elf verlässt er die Schule und erhält zu Hause Privatunterricht mit Musik als Schwerpunkt.

Seine erste Stelle tritt er 1905 als Korrepetitor am Stadttheater Breslau an. 1908 wechselt er in gleicher Funktion an die Münchner Hofoper, dann wird er Kapellmeister in Straßburg, Lübeck und Mannheim. Sein wachsendes Ansehen führt bald zu Konzerten in wichtigen Kulturzentren. 1920 dirigiert er an der Berliner Staatsoper, und 1922 wird er Leiter der Berliner Philharmoniker. Daneben ist er ständiger Gast bei den Wiener Philharmonikern, bei den Salzburger und Bayreuther Festspielen. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, steht Furtwängler schnell im Spannungsfeld zwischen seiner Profession und der Politik. Einerseits setzt er sich für jüdische Musiker ein, andererseits lässt er sich vom Regime, das ihn als kulturelles Aushängeschild benutzt, hofieren. 1934 macht der Fall Hindemith Schlagzeilen. Als Reaktion auf das Verbot der Uraufführung von dessen Oper Mathis der Maler legt Furtwängler seine Ämter als Chefdirigent und als Vizepräsident der Reichsmusikkammer nieder. Doch die Verbundenheit zu den politischen Spitzen bleibt, er übernimmt repräsentative Konzerte und Aufgaben, dazu vertiefen ungeschickte Äußerungen den Eindruck einer Nähe zum nationalsozialistischen Gedankengut.

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Nach dem zweiten Weltkrieg wird ihm seine Verstrickung mit den Machthabern vorgehalten und es gibt teilweise massive Proteste gegen seine Konzerte.

Erst nach der Entnazifizierung fast zwei Jahre später kann er wieder überall, mit Ausnahme von Amerika, gastieren, 1952 wird er zum Chef der Berliner Philharmoniker auf Lebenszeit ernannt. Etliche Tondokumente, die teilweise Kultstatus haben, zeugen von Furtwänglers totaler Hingabe an die Musik und suggestiver Kraft.

„Furtwängler brachte eine besondere Aura mit sich. … In der Widersprüchlichkeit der geistigen Existenz lag die Besonderheit seiner Wirkung, seiner Kunst, seines Erfolgs“, schreibt der Kritiker Hans Heinz Stuckenschmidt, als Furtwängler 1954 stirbt.

Dieser Auszug aus einem Nachruf ist eines der zahlreichen Dokumente, die Haffner in der Biografie zitiert. Weiter sind es Erinnerungen von Angehörigen und Furtwängler selber, Kommentare von Zeitzeugen und Weggefährten, die ihr Authentizität und Lebendigkeit verleihen. Eine Lebenschronologie, die Diskographie, dazu Fotos und sorgfältige Quellenangaben vervollständigen die empfehlenswerte Lektüre.

Karin Coper