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Buch

Was ein Meisterwerk ist

Wer kennt nicht diese Situation. Man ist in einem Konzert oder in einer Opernaufführung, und plötzlich kommen einem die merkwürdigsten Fragen, deren Antwort man garantiert nicht in einem klassischen Opern- oder Konzertführer findet, und auch Google oder Wikipedia helfen da nicht immer weiter.

Die bekannte Rezensentin und Autorin Eleonore Büning hat sich genau diesem Thema gewidmet und mit der Reihe Fragen Sie Eleonore Büning viele zeitlose Kolumnen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung publiziert. Das vorliegende Buch ist nun eine Art best of dieser Kolumnen aus den Jahren 2016 bis 2020.

Die 58 Kapitel, verteilt auf 224 Seiten, bedeuten gleichsam 58 Fragen zu Oper und Konzert, die teilweise heiter und mit viel Humor, manchmal auch mit einem Augenzwinkern beantwortet, teilweise aber auch musikwissenschaftlich sehr tiefgründig analysiert und abgehandelt werden. Somit findet sowohl der musikalische Laie als auch der versierte Musikkenner hier Antworten, die er vorher so noch nicht gekannt hat. Warum die Ukulele Ukulele heißt, warum das Horn kiekst, oder wann man klatschen darf oder nicht, auf all diese Fragen findet Büning zeitlose und fundierte Antworten.

Da ist auch ein bisschen Klatsch und Tratsch dabei, wenn Sie sich beispielsweise der Frage widmet, „Warum geht der Dirigent so oft zum Friseur?“ Diese Frage ist auch gleichzeitig der Titel des Buches. Natürlich gibt es auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort, aber bei einem Besuch der Elbphilharmonie Hamburg mit einem Konzert unter dem Dirigenten Kent Nagano, der mit frisch geföhnter und wehender „Indianerhäuptlingsmähne“ hereineilte, wurde ihr diese Frage von einem Mitbesucher gestellt. Und so gibt es eine witzige Abhandlung über das Haupthaar der vielen Maestros und ihrer Eitelkeiten, über Karajans Bürstenhaarschnitt und dem Faktum, dass Thomas Hengelbrock jedwede Veröffentlichung von Fotos, die ihn von hinten zeigen, untersagt. Hier muss man das Kapitel schon mit einem gewissen Schmunzeln lesen. Und wer das diesjährige Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker vor Schloss Schönbrunn gesehen hat, dem ist sicher aufgefallen, dass der Dirigent Valery Gergiev da keine Eitelkeit besitzt oder den falschen Friseur hat. Insofern hat dieser Auftritt Bünings These teilweise widerlegt.

Neben den vielen humorvollen Fragen gibt es aber auch musikalisch tiefgründige und auch weder musikwissenschaftlich belegt noch allgemeingültig zu beantworten. Auf die Frage „Was hat das hohe C, was das hohe D nicht hat?“ erfolgt zuerst eine rein physikalische Erklärung, die natürlich niemandem weiterhilft. Doch Büning wäre nicht Büning, wenn Sie darauf nicht eine tiefenpsychologische Antwort finden würde und analysiert das ausgehend von der berühmten Arie des Tonio Ah, mes amis, quel jour de fete aus Donizettis Regimentstochter mit den berüchtigten neun hohen Cs, die ein gewisser Luciano Pavarotti anno 1966 in London, Covent Garden, unters Volk schleuderte, locker „wie ein Karnevalsprinz die Kamellen“ und damit seinen legendären Ruf begründete.

Auch auf die Frage: „Was ist ein Meisterwerk?“ gibt es unzählige Antwortmöglichkeiten. Büning listet da eine ganze Reihe ihrer eigenen Favoriten auf, ohne Gewähr auf Vollständigkeit. Aber sie widmet sich auch ernsteren, politisch-gesellschaftlich relevanten Fragen, die immer wiederkehren. So die immer wieder gerne gestellte Frage: „Sind Wagners Meistersinger antisemitisch?“ Über das grundlegende Thema Wagner und Antisemitismus sind so viele Bücher und Abhandlungen geschrieben worden, die können halbe Bibliotheken füllen. Büning beschränkt sich in ihrer Antwort auf gut drei Seiten, geht dabei von der Rezeptionsgeschichte des Werkes aus bis hin zur aktuellen Bayreuther Inszenierung des jüdischen Regisseurs Barrie Kosky. Quasi eine Abhandlung im Schnelldurchlauf, aber mit fundierten Aussagen, vor denen sich Büning sowieso nicht scheut. Und schließt an diese Frage direkt die nächste: „Warum muss ein Wagner die Wagnerfestspiele leiten?“ Die initiale Antwort von Büning ist simpel und humorvoll zugleich: „… weil die Mitglieder der Familie Wagner andernfalls auf Dauer arbeitslos wären.“ Natürlich belässt es die Autorin nicht bei dieser Aussage, sondern führt durch die zugegebenermaßen nicht einfach zu durchschauenden Statuten der   Richard-Wagner-Stiftung aus dem Jahre 1973.

„Warum gib es so wenige Dirigentinnen?“, „War Richard Strauss ein Feminist?“ oder „Was finden Homosexuelle an der Oper so toll?“ Auf all diese Fragen findet Büning ganz konkrete Antworten, teilweise mit einhergehender Gesellschaftskritik, aber immer tiefgründig und auf den Punkt gebracht, auch wenn die Antworten nicht jedem gefallen. Aber das ist auch nicht ihr Anspruch. Dass Büning dazu auch eine Meisterin des Wortwitzes und der Sprache ist, beweist sie mit den Antworten auf die eine oder andere nicht ganz ernst gemeinte Frage: „Was ist so komisch an einem Scherzo?“, „Wozu ist der Tusch gut, und warum tuscht es immer dreimal?“ oder „Was ist und wie funktioniert ein Ohrwurm?“ Büning räumt in diesem Buch auch mit vielen Vorurteilen auf, beantwortet die Fragen gerne pointiert, aber immer auf der Grundlage fundierter Sach- und Fachkenntnis. Und das wichtigste dabei ist, sie nimmt weder sich noch das Sujet zu ernst. „Warum müssen Musiker sich verbeugen?“, „Was machen Musiker eigentlich tagsüber?“ und ganz interessant: „Warum machen Cellisten so seltsame Geräusche, vor allem die männlichen?“ Büning findet auf alle scheinbar noch so absurden Fragen eine passende Antwort. Ob die dem Leser weiterhilft, muss er schon für sich selbst entscheiden.

Eine der interessantesten Fragen ist die Nr. 26, quasi mittendrin und nicht am Anfang oder zum Schluss gestellt: „Wem nützen und wer liest eigentlich noch Musikkritiken?“ Die Antwort ist simpel und erschreckend zugleich: „Niemandem und Niemand“. Büning zitiert dabei das Resultat von „Readerscan, einem computergestützten Anaylseverfahren des Leserverhaltens. Das Ergebnis: „Null Prozent der Gesamtleserschaft“ interessieren sich heutzutage für die Musikkritiken in den diversen Printprodukten.

Ein erschreckendes Ergebnis, stellt es doch damit Bünings Arbeit konkret in Frage. Doch Büning setzt sich tapfer mit diesem Phänomen auseinander und zitiert dabei den Komponisten und Misanthropen Frederic Rzewski mit den Worten: „Wir brauchen Musikkritik, weil die Musikkritiker Arbeit brauchen. Das ist der Hauptgrund. Es kommt vor, dass jemand intelligent über Musik schreibt, aber nicht sehr oft. Denn Musiker sind dumm. Und die meisten Musikkritiker waren mal Musiker, wahrscheinlich nicht sehr gute Musiker. Deswegen sind Musikkritiker nicht nur schlechte Musiker, sondern auch dumm.“ Nun denn. Büning hat dafür auch die rechte Antwort und zitiert den Intendanten der Kölner Philharmonie, Louwrens Langevoort, der für den 6. Mai 2016 einen Wettbewerb ausgeschrieben hatte, das Publikum solle seine Musikkritiken künftig selbst schreiben. An diesem Tag spielte übrigens das Ensemble Intercontemporain in der Kölner Philharmonie Werke von Jonathan Harvey, Gerard Grisey und Johannes Maria Staud. Büning führt hierzu weiter aus: „Das Publikum schreibt die Kritiken. Die beste Kritik wird prämiert, der Preis ist ein Frühstück mit Langevoort. Der hat sie dann sicher gelesen, wenigstens einer.“

Und so lesen sich die 58 Fragen und ihre manchmal mit spitzer Feder geschriebenen Antworten wie ein eigener kleiner Mikrokosmos in dieser für den Normalsterblichen so unerreichbaren großen und weiten Welt der Musik und ihrer Gestalter. Und um mit Bünings Frage Nr. 26 in abgewandelter Form zu schließen: „Wem nützt dieses Buch und die Rezension darüber?“ Sehr wahrscheinlich niemandem, aber es macht trotzdem sehr viel Spaß, dieses humorvolle und nicht immer ganz ernste Buch mit den besten Kolumnen aus vier Jahren zu lesen, sich dabei Vorurteile bestätigen zu lassen oder gänzlich über Bord zu schmeißen und den einen oder anderen Blickwinkel einzunehmen, den man bisher vermieden hat. Ein Buch, sowohl für Freunde der Klassik als auch für Einsteiger, und um Frederic Rzewski abzuwandeln: „Man wird dadurch nicht dümmer.“

Andreas H. Hölscher