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Jenseits aller Linien

Am 13. März 2022 vollendet der in Karlsruhe geborene Komponist Wolfgang Rihm sein 70. Lebensjahr. Sein Werk zeichnet sich vor allem durch eines aus: künstlerische Freiheit. In seinem Œuvre lotet er die expressive Kraft der Musik aus und widersetzt sich dabei jedem Versuch der Einordnung. Moderne klassische Musik? Neue Musik? Wolfgang Rihms Musik steht für sich selbst. Anlass genug, den Meisterkomponisten der modernen Klassik mit vielen Sondersendungen, Porträts und musikalischen Analysen zu ehren.

Zwei Bücher erscheinen fast zeitgleich über ihn, besonders interessant ist zu lesen ist die Biografie Wolfgang Rihm – Über die Linie von der Musikkritikerin und Autorin Eleonore Büning. Sie beschreibt in dieser Biografie zum ersten Mal das Leben und das Werk dieses in keine feste Kategorie passenden Musikers. Durch ihre umfassende Musikkenntnis, aber auch ihre langjährige Freundschaft zu Rihm gelingt ihr eine Darstellung des Komponisten, die ebenso fundiert wie persönlich ist. Büning hat mit der Reihe Fragen Sie Eleonore Büning viele zeitlose Kolumnen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zum Thema Oper und Klassik publiziert. Ihr im Herbst 2020 erschienenes Buch Warum geht der Dirigent so oft zum Friseur? hat schon Kultstatus. Büning schafft es, musikwissenschaftlich schwierige Themen pointiert und mit flapsigem Humor auf den Punkt zu bringen und damit auch Gruppen für diese Thematik zu begeistern, die sich normalerweise für so viel Theorie gar nicht interessieren. Doch in diesem Buch geht es weitaus um mehr als nur pointiert dargestelltes Musikwissen. Diese Biografie ist eine Hommage an einen großen Künstler, an einen persönlichen Freund, und es ist ein Kompendium des Rihmschen Schaffen, dessen aufgelistete Werke mehr Kompositionen enthält als Mozart, der allerdings auch sehr jung starb.

Der Untertitel dieser Biografie Über die Linie ist bewusst doppeldeutig gewählt. Zum einen ist es eine Komposition für Violoncello, am 5. April 1999 in der Kölner Philharmonie durch Heinrich Schiff zur Uraufführung gebracht. Das Werk ist elektrisierend, aufreibend, spannungsgeladen und lässt sich überhaupt nicht einordnen, wie die meisten Werke Rihms. Es gibt aber das Klarinettenkonzert Über die Linie II, von dem Rihms Meisterschüler Jörg Widmann sagt, „dass es bis an die Grenze der Unmöglichkeiten führt“. Über die Linie steht auch für eine Werkfamilie von Konzert- und Kammermusikstücken Rihms, die in den ersten Jahren dieses Jahrtausends entstanden sind. Rihm hat sich den Titel im Übrigen ausgeliehen bei einem umstrittenen Essay von Ernst Jünger, der sich mit Martin Heidegger über die Möglichkeit einer geschichtlichen Überwindung des Nihilismus austauschte. Es könne sich aber, so Brüning, auch um musikalische Grenzüberschreitungen im Beethovenschen Sinne handeln. Über die Linie meint daher auch die Grenzen der modernen Musik, die Rihm sprengte, überschritt oder neu ordnete.

Das Vorwort steckt bereits den Rahmen der Biografie ab und nennt die Beweggründe für Eleonore Büning, sich an diese Mammutaufgabe zu wagen. Für Büning ist Rihm ein Sonderfall, „weil er innerhalb der relativ kleinen Welt der zeitgenössischen Musik, die sich seit jeher aufteilte in feindliche Lager und einander ablösende Schulen, nie zu einer Seilschaft gehörte und auch keine begründet hat.“ Dieses Statement ordnet Rihm in keine feste Kategorie ein, er ist ein Einzelgänger, wie es Schubert einer war. Ein weiterer Aspekt, warum Rihm ein Sonderfall sei, ist die Tatsache, „dass er Bach oder Beethoven für Zeitgenossen hält.“ Das Besondere sei, dass seine Musik auch Menschen berühre, die keine Lust auf Avantgarde haben.

Ganz entscheidend aber ist Rihms eigene Auffassung zu seiner Musik: „Ich möchte eine Musik schreiben, die man nicht erklären kann mit herkömmlichen Begriffen.“ Der einzige, der in der Lage ist, Rihms Musik zu erklären, ist Rihm selbst. Und das ist auch die Herausforderung einer Biografie, der Person Rihms und seinem Gesamtkunstwerk, das mehr als sechshundert Kompositionen umfasst, gerecht zu werden. Büning wurde schon Mitte der Zweitausenderjahre von Rihm gebeten, eine Biografie zu schreiben. Freimütig bekennt die Autorin, dass sie Rihm, bevor sie ihn persönlich kennengelernt hatte, einen „Epigonen“ genannt hatte, dessen Musik „nichts Eigenes habe, weder Farbe noch Ausdruck, nur von allem ein bisschen.“ Rihm bezeichnete sie dagegen als „plemplem“ und „ahnungslos“. Und doch war dieser dokumentierte Zoff der Beginn einer Künstlerfreundschaft, die nun dreiunddreißig Jahre andauert und mit dieser Biografie, an der sie über zehn Jahre gearbeitet hat, ihre Krönung erlebt.

Das Buch versucht, neben den Lebensstationen Rihms die wichtigsten Werke im Kontext zu seiner Vita zu betrachten, zeigt die Einflüsse auf, denen er ausgesetzt war und die er selbst auf die nachfolgende Komponistengeneration genommen hat. Rihm wuchs in Karlsruhe auf. Angeregt durch frühe Begegnungen mit Malerei, Literatur und Musik begann er bereits im Alter von elf Jahren zu komponieren. Bereits während seiner Schulzeit am humanistischen Bismarck-Gymnasium studierte er von 1968 bis 1972 Komposition bei Eugen Werner Velte an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Er beschäftigte sich mit der Musik der Zweiten Wiener Schule, instrumentierte Arnold Schönbergs Klavierstücke op. 19 und orientierte sich vorübergehend am aphoristisch-knappen Stil Anton Weberns. Weitere Kompositionslehrer von Rihm waren Wolfgang Fortner und Humphrey Searle. Parallel zum Abitur legte er 1972 das Staatsexamen in Komposition und Musiktheorie an der Musikhochschule ab. Es folgten Studien bei Karlheinz Stockhausen von 1972 bis 1973 in Köln sowie von 1973 bis 1976 an der Hochschule für Musik Freiburg bei Klaus Huber im Fach Komposition und Hans Heinrich Eggebrecht in der Musikwissenschaft. Erste eigene Erfahrung als Dozent sammelte Rihm 1973 bis 1978 in Karlsruhe, ab 1978 bei den Darmstädter Ferienkursen und 1981 an der Musikhochschule München. 1985 übernahm er als Nachfolger seines Lehrers Eugen Werner Velte den Lehrstuhl für Komposition an der Musikhochschule Karlsruhe. Nach der Aufführung seines Orchesterstücks Morphonie – Sektor IV bei den Donaueschinger Musiktagen 1974 fand Rihm endlich die breite Anerkennung der Musikwelt, da war er grade mal zweiundzwanzig Jahre alt. Der Morphonie widmet sich Büning sehr ausführlich, wohl weil es die Initialzündung für Rihms schier unendliche Schaffenskraft war und ihn schon damals zu einem Sonderfall werden ließ. Als Komponist und Musikschriftsteller vertritt Rihm eine Ästhetik, die das subjektive Ausdrucksbedürfnis in den Mittelpunkt stellt. Vorbilder in diesem Sinn waren für ihn Hans Werner Henze, später Karlheinz Stockhausen und noch später Luigi Nono.

Darüber hinaus vermittelten ihm literarische Texte wichtige Impulse: die Lyrik Paul Celans, die Philosophie Friedrich Nietzsches, die Theater-Schriften von Antonin Artaud und Heiner Müller. Rihm benutzt gern Metaphern aus der bildenden Kunst, er spricht von „Übermalungen“ oder von Bildhauerei: „Ich habe die Vorstellung eines großen Musikblocks, der in mir ist. Jede Komposition ist zugleich ein Teil von ihm, als auch eine in ihn gemeißelte Physiognomie.“ Stilistisch lassen sich grob drei Perioden im Schaffen von Rihm unterscheiden: Seine frühen Stücke knüpfen an eine Tradition an, die sich von den späten Instrumentalwerken Beethovens hin zu Schönberg, Berg und Webern spannt. Wegen ihrer dezidierten Subjektivität wurde Rihms Musik damals gelegentlich der sogenannten Neuen Einfachheit zugerechnet.

Zu Beginn der 1990-er Jahre entwickelte sich Rihms Komponieren „weg von der Emphase des Einzelereignisses hin zu einem Konzept des Fließens, der Gestaltung größerer Zusammenhänge“. Ausdruck dafür ist das kantable Violinkonzert Gesungene Zeit, das 1992 von Anne-Sophie Mutter in Zürich uraufgeführt wurde. Neben zahlreichen Kompositionen für kleinere Besetzungen und drei Symphonien schreibt Rihm auch Bühnenwerke. Von ihm wurde zunächst die Kammeroper Faust und Yorick bekannt. Ein großer Erfolg wurde die 1979 von der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführte Kammeroper Jakob Lenz. Zwischen 1983 und 1986 folgte Die Hamletmaschine, ein Musiktheaterstück in fünf Teilen mit einem Libretto nach dem gleichnamigen Theaterstück und 1987 Oedipus nach Texten von Sophokles. 1992 brachte die Hamburger Staatsoper Die Eroberung von Mexico von ihm auf die Bühne. Proserpina, nach dem gleichnamigen Stück von Johann Wolfgang von Goethe, 2009 im Schwetzinger Schlosstheater uraufgeführt. Die über Friedrich Nietzsche fantasierende Oper Dionysos, 2010 in Salzburg, Berlin und Amsterdam zur Aufführung gebracht sowie ein Hornkonzert aus dem Jahr 2014 waren seine neueren großen Arbeiten. Rihm wurde mit einer Komposition für die Auftaktveranstaltung in der Hamburger Elbphilharmonie im Großen Saal am 11. Januar 2017 beauftragt.

Büning wäre nicht Büning, würde sie sich ausschließlich auf das umfangreiche Gesamtkunstwerk Rihms fokussieren. Da gibt es auch viele private und zwischenmenschliche Anekdoten in diesem Buch, die Rihm nicht als rastlose Komponiermaschine abstempeln, sondern als humorvollen und bodenständigen Zeitgenossen zeigen, der aufmerksam das Leben um sich herum verfolgt. Im siebten Kapitel verlässt Büning die Bühne der Biografie und führt mit Rihm ein Interview, das die Überschrift Gezielte Verdunkelung trägt und 25 Fragen und Antworten zum Alltag des Komponierens enthält. Und diese Fragen und Antworten, ebenfalls im Laufe von zehn Jahren aufgezeichnet, haben es ebenfalls in sich, da ist nichts gefällig, da wird auf Augenhöhe analysiert und gedeutet, mit einem hohen Erkenntnisgewinn nicht nur über das Verständnis modernen Komponierens, sondern es sind auch tiefe Einblicke in den Menschen Wolfgang Rihm. Die vielleicht offenste und schonungsloseste Antwort gibt Rihm auf die Frage nach den Augenblicken der Verzweiflung und der Möglichkeit des Scheiterns: „Scheitern ist immer Gewissheit. Aus diesem Grund besteht keine Furcht davor. Außerdem: Wirkliches Scheitern bemerkt man sowieso nur selbst und kennt es von Anbeginn als die eigene Möglichkeit.“

Dass Büning auch eine Meisterin der Recherche ist, zeigen die aufgelisteten 243 Anmerkungen im Anschluss an das Interview-Kapitel mit vielen Hinweisen darauf, das Gelesene weiter zu vertiefen oder zu verdauen. Am Schluss des Buches erfolgt eine umfangreiche Diskografie der bisher eingespielten Werke Rihms, was aber nur einen kleinen Ausschnitt seines umfangreichen Gesamtschaffens abbildet.

Die Biografie Rihms ist eine Hommage an einen freien Geist und einen Meister der modernen Klassik, die sein Gesamtkunstwerk zu seinem 70. Geburtstag würdigt, aber vor allem neugierig macht auf diese Musik, die vielen Freunden der klassischen Musik bisher nicht erschlossen war oder die per se moderne, zeitgenössische Musik ablehnen. Dass das nicht so bleiben muss, ist sicher auch ein Verdienst der Autorin, die den Menschen und Komponisten Wolfgang Rihm in einer bisher noch nicht dargestellten Weise porträtiert hat.

Andreas H. Hölscher