O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Die ganze Welt in einem Stadtteil

Heimat ist in diesen Tagen eher ein Begriff, den so mancher misstrauisch beäugt. Heimat heißt dank des unfähigen Krisenmanagements der Regierung, in der eigenen Wohnung gefangen zu sein, de facto einem Reiseverbot zu unterliegen. Es heißt mitzuerleben, wie immer mehr Geschäfte in der Umgebung endgültig schließen, die viel zur Lebensqualität im eigenen Stadtviertel beigetragen haben. Spaziergänge werden zu psychologischen Herausforderungen, weil sie die ewig gleichen Bilder bieten. Da ist ziemlich wohltuend, dass ein Buch erscheint, in dem einem erklärt wird, wie wertvoll die Heimat ist.

Alexandra Wehrmann und Markus Luigs sind Düsseldorfer. Ein Stadtteil allerdings hat es ihnen ganz besonders angetan. Nein, es ist nicht die Königsallee, nicht der Marktplatz vor dem Rathaus, die Altstadt, Ehrenhof, Nordpark oder gar Oberkassel. Das sind die Orte, wo man Touristen hinschickt. Das „echte“ Düsseldorf sind Bilk, Oberbilk und Flingern. Und die beiden legen sich noch genauer fest. Oberbilk. Hinterm Bahnhof heißt der rund 300-seitige Wort-Bildband mit 300 Fotografien, den Journalistin und Fotograf jetzt – endlich – veröffentlicht haben. Im Eigenverlag mit umfangreicher Crowdsourcing- und Marketing-Kampagne. Schon allein das war ein wahnsinniger Arbeitsaufwand. Und da ist die eigentliche Arbeit noch gar nicht mit eingerechnet. 38 Menschen hat Wehrmann interviewt, ihre Geschichten aufgeschrieben. Luigs hat sie dabei mit der Kamera begleitet, eindrucksvolle Bilder aus dem Stadtteil festgehalten, vor allem aber von jenen, die die beiden am meisten interessiert haben: den Menschen, die in diesem Stadtteil leben.

Wie macht man einem Veedel eine Liebeserklärung? Nun, indem man beispielsweise ein Lied schreibt. En unserem Veedel von der Kölner Band Bläck Fööss entwickelte sich ja über die Jahre zu so etwas wie einer Hymne, die nicht nur in Köln zum schönsten, auf jeden Fall innigsten Liedgut gehört, das auch Menschen mitsingen, die der rheinischen Mundart weit entfernt sind. Da können Wehrmann und Luigs eigentlich nicht mithalten. Sie ist Journalistin, schreibt für verschiedene Medien und betreibt seit 2015 ihren Blog Theycallitkleinparis, der sich mit Düsseldorfer Themen im weitesten Sinne befasst. Daneben organisiert sie in „normalen“ Zeiten Stadtrundgänge, die eben nicht die üblichen Touristen-Stationen im Fokus haben. Sie lebt am Lessingplatz in Oberbilk. Er ist Fotograf und Designer mit Büro in Flingern. Also keine guten Voraussetzungen, um den Bläck Fööss musikalisch etwas entgegenzusetzen. Zumal ja auch die Veedel, die die Kölner Band besingt, viel pittoresker sind als der Stadtteil hinter dem Düsseldorfer Hauptbahnhof. Denn Oberbilk ist eher die raue Schale als der weiche Kern einer Stadt. Hier geht man nicht hin, um schick zu essen oder nobel einzukaufen. Hier leben viele Nationen auf kleinem Raum. Das große Geld wird woanders verdient, auch wenn immer wieder Razzien der Polizei versuchen, das Gegenteil zu beweisen. In Oberbilk schaut man auch schon mal misstrauisch auf Leute „von außerhalb“. Da fällt die Liebeserklärung schwer.

Nicht so Wehrmann und Luigs. Sie haben sich entschlossen, in Wort und Bild eine Welt nachzuzeichnen, die so mannigfaltig wie heterogen ist. Und das ist ihnen einzigartig gelungen. Wehrmann zieht alle Register journalistischen Handwerks. Nicht literarische Ambitionen zieren das Werk, sondern journalistisch gut erzählte Geschichten. Jeder der 38 befragten Menschen, das sei blind bezeugt, werden sich in diesen Miniaturen voll und ganz wiederfinden. Ganz nebenbei lässt Wehrmann auf diesem Weg Vergangenheit und Zukunft des Stadtteils mit einfließen. Das ist großartig. Das Kapitel mit der gendernden Doktorin kann man getrost überspringen, um dafür umso begeisterter in die Lebensgeschichten von Menschen mit kleinen und großen Träumen einzutauchen. Menschen, von denen viele an diesem Ort gestrandet sind und so etwas wie ein kleines Glück gefunden haben. Menschen, die im sozialen Geflecht abseits von Reichtum und Schickimicki aufgewachsen sind und auch gar nichts anderes wollen. Da darf man ob manches Einzelschicksals auch gern mal eine Träne verdrücken und sich gerührt an die eigene Lebensgeschichte erinnert fühlen. Oder sich auch mit dem Leiter der Zentralbibliothek auf die größere Zukunft im neuen Gebäude vor dem Hauptbahnhof freuen. Der Facettenreichtum ist überwältigend und nicht gekünstelt strukturiert. Wehrmann – und auch Luigs mit seinen sehr persönlichen Fotos – kommen den Menschen so nah, dass sich die Frage nach einer Repräsentanz gar nicht stellt. Bloßgestellt wird niemand.

Das Buch zu öffnen, heißt, sich in eine ganz eigene Welt zu begeben, die andererseits viele Stadtteile in der Welt beschreibt, ohne die Eigenarten dieses Viertels außer Acht zu lassen. Ob Wehrmann und Luigs sich bewusst sind, ein Manifest der Menschlichkeit verfasst zu haben, wird man kaum erfahren. Gelungen ist es ihnen. Und möglicherweise ist es sogar Politikern ein Fingerzeig, mit mehr Feingefühl mit den Stadtteilen umzugehen. Denn auch das Biotop Oberbilk ist in seiner Einzigartigkeit bedroht.

Eigentlich war es „nur“ als Liebeserklärung gedacht, aber es ist viel mehr daraus geworden. Es ist ein Beispiel dafür, wie wir Menschen miteinander umgehen können. Deshalb ist es kein Buch für Düsseldorfer – für die sowieso – kein Buch für Touristen, die eine Stadt abseits von Kirchen und Protz wahrhaftig entdecken wollen, sondern ein Werk für Menschen, die sich in ihrer Heimat wieder richtig wohlfühlen wollen. Absolut empfehlenswert!

Michael S. Zerban