O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Reise ohne Ende

Wenn man sich Christian Thielemanns neuem Buch Meine Reise zu Beethoven nähern möchte, dann fallen zwei Dinge sofort auf. Aufbau, Struktur und Cover ähneln sehr seinem ersten Buch Mein Leben mit Wagner, das vor acht Jahren ebenfalls im C.H. Beck-Verlag und ebenfalls unter der Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey erschienen ist. Die Kenntnis dieses Buches ist natürlich nicht unabdingbare Voraussetzung, um Thielemanns neues Buch zu verstehen, aber es erleichtert doch so manches. Ein weiterer Aspekt ist Richard Wagners Novelle Eine Pilgerfahrt zu Beethoven, in der Wagner selbst die fiktive Geschichte von sich als jungem Musiker erzählt, der in voller Beethoven-Begeisterung entflammt sich auf eine „Pilgerfahrt“ nach Wien zu dem „Genius“ begibt, um sich von Beethoven unterrichten zu lassen. In großer Ehrfurcht vor dem lange verstorbenen Meister gerät die Reise zu einer regelrechten Wallfahrt. Dieser Verweis auf die Wagnersche Novelle ist auch deshalb gar nicht so abwegig, da auch in diesem Buch immer wieder Querverweise zu Richard Wagner und seinen Werken zu finden sind. Thielemann im Spannungsfeld zwischen Beethoven und Wagner, das ist der thematische Leitfaden. „Für mich ist die Beschäftigung mit Beethoven mehr als die Aufgabe, geniale Noten zum Leben zu erwecken (was schon nicht wenig wäre): Sie ist eine Existenzweise, ein Credo. Davon möchte ich in diesem Buch erzählen.“

Das Buch ist einerseits Biografie und Rezeptionsgeschichte Beethovens, es gewährt aber auch gleichzeitig tiefe Eindrücke nicht nur in die Biografie Thielemanns, sondern er lässt, deutlich mehr als in seinem Wagner-Buch, auch Einblicke in sein Seelenleben gewähren. Da werden selbstkritisch Fehler und Fehleinschätzungen offenbart, auch Ängste werden offen angesprochen. Ein durchweg überraschender Aspekt, da man Thielemann eigentlich als souveränen, manchmal etwas überheblich wirkenden Stardirigenten in der Öffentlichkeit wahrnimmt, der keine Fehler duldet und selbst auch keine macht. Die Eingeständnisse rücken die scheinbar so perfekte Aura in ein anderes, zutiefst menschliches Bild Thielemanns, der nun im gereiftem Alter mit den Fehlern der Jugend kokettiert. Und noch etwas fällt auf: Ist Mein Leben mit Wagner dem ehemaligem Bayreuther Festspielleiter Wolfgang Wagner „in großer Bewunderung und Dankbarkeit“ gewidmet, so stehen in Meine Reise zu Beethoven an selber Stelle lediglich drei Buchstaben: LvB. Sein Vorwort ist wie eine Ouvertüre, in denen die wichtigsten Leitmotive thematisch aneinandergereiht werden und die den Leser auf Thielemanns lange, bis heute nicht endende Reise mitnimmt: Meine Reise zu Beethoven beginnt mit Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern. Mit ihrem hellen, fast apollinischen Orchesterklang bin ich aufgewachsen. Später kam für mich die Dirigentengeneration vor Karajan dazu – dunkleres Timbre, flexiblere Tempi –, und ich ahnte: Mit Beethoven bist du nicht schnell fertig. So war es auch, so ist es bis heute. Je besser man sein Werk kennt, desto höher schießen die Fragen in den Himmel.

Da Thielemann ein großer Anhänger von zeitchronologischen Abfolgen ist, ist sein Buch auch entsprechend in insgesamt neun Kapitel gegliedert, in denen er den Leser auf eine imaginäre Konzertreise an vier Abenden mit allen neun Symphonien mitnimmt. Die neun Symphonien sind für Thielemann Herz und Gipfel der symphonischen Tradition und ein Kosmos für sich, den man ein Leben lang erforschen kann. Aber auch das Violinkonzert und die fünf Klavierkonzerte sind aus seinem Dirigentenleben nicht wegzudenken. Und ohne die Klaviersonaten und Streichquartette, die späten zumal, wäre sein Beethoven-Bild ebenso wenig vollständig wie ohne die Missa solemnis. In ihr, findet Thielemann, kristallisiert sich der ganze Beethoven. Während die Missa für Thielemann also so etwas wie ein Herzensstück ist, fremdelt er mit dem Fidelio, hat ihn bisher bewusst gemieden und auch noch nicht dirigiert, was schon bezeichnend ist, steht doch Beethovens einzige Freiheitsoper bei besonderen Anlässen regelmäßig auf den Spielplänen nahezu aller großer Häuser.

POINTS OF HONOR

Buchidee
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„Meine Reise zu Beethoven ist eine Lebensreise, obwohl es natürlich Phasen gibt, in denen ich kaum Beethoven dirigiere, weil andere Projekte im Vordergrund stehen. Trotzdem bleibt er immer präsent. Auch wenn ich an Bach oder Mozart arbeite, an Wagner, Schumann, Bruckner oder Mahler, kreisen meine Gedanken viel um ihn. Auf Beethoven, denke ich, zielt alles hin, von Beethoven geht alles aus. Und jeder wählt seine eigene Reiseroute: Die Geigerin oder der Pianist hat eine andere als der Musikwissenschaftler, die Streichquartett-Spieler eine andere als die Sänger, das Publikum oder die Presse. Meine Route als Dirigent führt hauptsächlich über die Symphonien, die Ouvertüren und Konzerte.“ Immer wieder kommt Thielemann auf das schwierige Thema Tempo und Rhythmus bei Beethoven zu sprechen, den oft nicht zu durchschauenden Metronomzahlen, die Thielemann im Vergleich zu anderen Kollegen weniger dogmatisch sieht. „Ein Leben ohne Beethoven kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Sein 250. Geburtstag bietet mir die Gelegenheit, meiner Beziehung zu ihm ausführlicher auf den Grund zu gehen. Was fasziniert mich (immer wieder) am Gang durch die neun Symphonien, warum scheue ich mich bislang vor seiner einzigen Oper Fidelio, und was lernt man als Dirigent von den 32 Klaviersonaten?“ Diese Fragen, die Thielemann sich stellt, sind nicht rhetorisch, er sucht Antworten, teilt sie mit dem Leser. Sein Erzählstil ist phasenweise so wechselhaft wie sein Dirigierstil. Fröhlich, heiter, manchmal schon urkomisch, wenn er typische Dirigentenanekdoten über Kollegen erzählt. Dabei ist er nie herablassend, sondern begegnet vor allem den „Alten“ mit großem Respekt. Dabei taucht ein Name immer wieder auf: Wilhelm Furtwängler. Die Art, wie er alte Aufnahmen Furtwänglers bewertet und analysiert, lässt schon darauf schließen, dass dieser Dirigent sein großes Vorbild ist, auch im Taktschlagen. Wenn er von Furtwänglers rudernden Armbewegungen spricht, dann muss man fast ein wenig schmunzeln, denn diese Bewegungen sind auch typisch für Thielemann.

Mit Karajan, dessen Assistent er ja in jungen Jahren war, hat er dagegen mehr Diskrepanzen in Analyse und Interpretation. Er wird aber dann ernst, manchmal sogar etwas pedantisch, wenn er mit kurzen musikwissenschaftlichen Abhandlungen Tonartwechsel, Tempo- und Rhythmuswechsel analysiert und erklärt. Das sind die Momente, wenn das Lesen etwas sperrig wird, vor allem für den musikalischen Laien, der dann zum Verständnis den einen oder anderen Begriff in einem Musiklexikon nachschlagen muss. Das ist zwar manchmal etwas ermüdend, aber man lernt natürlich auch eine Menge dazu. Es ist also nicht nur unterhaltsame Musikliteratur, sondern auch ernste Musikwissenschaft. Wenn man dann plötzlich etwas ins Stocken geraten ist, vollführt Thielemann mit einem Schlag einen Tempowechsel und überrascht den Leser mit dieser Aussage: „Für mich hatten seine Symphonien früh Farben. Die Vierte ist grün, die Dritte hat ein helles Orange. Wobei das keine spezifischen Beethoven-Farben sind, sie richten sich mehr nach den Tonarten. A-Dur ist blau, As-Dur lila, c-Moll ist schwärzlich oder grau.“ Das ist ein ganz neuer Aspekt, der im wahrsten Sinne des Wortes Farbe ins Spiel bringt und hier einen weiteren Sinn anspricht. Eine Symphonie nicht nur zu hören, sondern sie auch bildlich zu sehen, eine interessante Variante, auf die man sich einfach mal einlassen muss.

Das erste Kapitel ist mit der martialischen Überschrift In die Todeszone und immer wieder zurück übertitelt. Schon der erste Satz: „Beethoven wird mich bis an mein Grab beschäftigen“ impliziert ja, dass seine Reise zu Beethoven noch lange nicht zu Ende ist. Warum das so ist, verdeutlicht Thielemann auch mit diesen Aussagen: „Beethoven war mir immer nah, ist mir immer nah. Er ist mir Grundnahrungsmittel wie Bach oder Mozart. Alles, was Beethoven erfunden hat, begegnet uns später wieder. Bei Wagner, bei Brahms, bei Schönberg, bei allen. An Beethoven entscheidet sich alles. Er ist der Orgelpunkt eines jeden Musikerlebens. Mehr als Bach, nein: anders als Bach. Denn Bach wurde in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von der historisch informierten Aufführungspraxis gekapert – und aus dieser Haft nie wieder ganz entlassen. So etwas gibt es bei Beethoven nicht. Beethoven gehört allen: den Aufführungspraktikern wie den Romantikern, den Exzentrikern und auch den politischen Exegeten. Das macht ihn modern. Das bringt ihn uns nah.“ Damit stellt er Beethoven in ein musikalisches Zentrum, das von Bach bis Schönberg reicht, also in etwa eine Schaffensspanne von 250 Jahren. Gerade in diesem ersten Kapitel lässt Thielemann bildlich gesprochen die Hosen runter und überrascht immer wieder durch offene, manchmal schon intime Äußerungen zu seinem Musikempfinden: „Jeder erwachende Mensch sucht nach Extremen, macht Drogenerfahrungen. Meine Droge war die Musik, und Beethoven stellte für mich ein ähnliches Erlebnis dar wie Wagner. Auch Konzertabende von Maurizio Pollini und Daniel Barenboim mit späten Beethoven-Sonaten zählten dazu. Schwere Kost für einen Schüler, sollte man meinen, aber das Extreme war mir bald geläufig, ich bin ja auch mit Wagners Tristan und Isolde bedenklich früh in Berührung gekommen.

Beethovens musikalische Sprache hatte für mich von Anfang an etwas unmittelbar Vertrautes. Ich habe es nie verstanden und verstehe es bis heute nicht, dass viele Menschen mit dem späten, tauben, ach so verrückten Beethoven ein Problem haben. Bei mir war es eher so, dass ich den jungen, frühen Komponisten nicht begriff, ich dachte, da interessiert Beethoven mich nicht, weil er noch so harmlos ist. Was natürlich nicht stimmt. Und dann habe ich versucht, das Werk von hinten aufzudröseln, und habe beim frühen Beethoven vieles gefunden, was mich an den späten erinnerte. In der Klaviersonate Opus 10 Nr. 3 zum Beispiel entdeckt man, wenn man genau hinhört, gewisse Dinge aus der Missa solemnis! Also kann ich eigentlich jedem Interpreten nur raten, fangt mit dem späten Beethoven an!“

So arbeitet man sich dann in diesem Buch an vier imaginären Konzertabenden durch die neun Symphonien, erfährt neben allerlei Musiktheoretischem auch eine ganze Menge über die unterschiedlichen Orchester, ihre Musiker und ihren besonderen Klang. Neben seiner eigenen Dresdner Staatskapelle sind es vor allem die Wiener Philharmoniker, mit denen er vor rund zehn Jahren alle neun Symphonien in einem Live-Zyklus aufgeführt hat. Diese Aufnahmen sind sowohl als CD als auch als DVD erhältlich und bei YouTube zu sehen. Es bewährt sich, nach einigen theoretischen Abhandlungen beispielsweise über die Eroica, Beethovens dritte Symphonie in Es-Dur, sich anschließend die Symphonie einmal anzuhören oder besser noch anzuschauen, und das eben Gelesene dann musikalisch auf sich wirken zu lassen. In dieser dualen Herangehensweise lernt man Beethoven noch einmal ganz neu, und auch Thielemann am Pult sehen wir dann wohl mit anderen Augen. Dazu passt auch dieses Statement von ihm: „Mit Beethoven muss man leben als Musiker. Und immer wieder neu kämpfen. Ich halte gar nichts davon, sich erst im vorgerückten, reiferen Alter die Gipfelwerke des Repertoires zuzutrauen. Flapsig formuliert: Mit Mitte fünfzig ist bei Beethovens Neunter der Zug abgefahren! Die Reife dafür erwirbt man, indem man sich von dieser Symphonie gleichsam berieseln lässt und viele, viele Jahre lang weder ein noch aus weiß. Das muss man aushalten. Denn nur so beginnt es in einem zu reifen. Viele junge Dirigenten wollen heute vor allem Mahler dirigieren. Ich würde den Spieß umdrehen: Für Beethoven muss man jung sein, an Beethoven sollte man sich so früh wie nur irgend möglich die Pfoten verbrennen. An Mahler verbrennt man sie sich ohnehin, damit kann man auch noch etwas warten. Beim einen wie beim anderen muss man lernen, die Dinge mit Abstand zu sehen – und nicht in jede Falle zu tappen. Mahler stellt uns eine Falle nach der anderen; Beethoven ist eine einzige Falle. Im Grunde ist er unüberwindbar“.

Zwar bilden die Symphonien wie schon eingangs erwähnt das Hauptgerüst, aber auch die diversen Ouvertüren und vor allem die Missa Solemnis kommen hier nicht zu kurz: „Auch zur Missa solemnis bin ich sehr früh gekommen, über eine Karajan-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern, da muss ich zwölf oder dreizehn gewesen sein. Die Missa hat mir sofort eingeleuchtet und gefallen, und im Gegensatz zu vielen von mir hoch verehrten Kollegen habe ich später nie gefunden, dass sie uns dirigentisch vor unlösbare Probleme stellt.

Meine erste Missa habe ich mit dem Chor und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt dirigiert (wie es damals hieß). Und schon da dachte ich: Die Missa ist kein unbezwingbarer Berg. Inzwischen habe ich sie an die fünfzehn Mal dirigiert. Vielleicht darf man vor diesem Typen mit der grimmigen Miene und den wilden Haaren einfach keine Angst haben. Jedenfalls ist und bleibt die Missa solemnis mein absolutes Herzensstück.“

Immer wieder tritt Thielemann mit Beethoven in ein imaginäres Zwiegespräch, stellt ihm Fragen, und erhält im Konzert durch die Musik die Antworten. „Deshalb muss Beethoven über Jahre und Jahrzehnte in einem gären. Sobald ich eine Beethoven-Partitur zur Hand nehme, trete ich in einen Dialog mit mir selbst: Immer hast du an dieser Stelle ein Ritardando gemacht – jetzt machst du es einmal nicht. Oder: Diesen oder jenen Satz hast du immer sehr schnell genommen, nimm ihn doch einfach langsamer!“ Thielemann liebt Wagner, zweifelsohne. Aber Beethoven verehrt er, und diese fast schon kosmische Spannung zwischen diesen beiden Komponistentitanen zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch mit seinen 271 Seiten, das mit 18 Schwarzweiß-Fotos eher etwas spartanisch bebildert ist. Wer die Werke der beiden Komponisten gut kennt, der wird in diesem Buch viele Bereicherungen finden. Aber auch für Einsteiger, die sich vielleicht durch die musikwissenschaftlichen Abhandlungen etwas quälen müssen, werden dann wieder durch den offenen und teilweise urkomischen Erzählstil Thielemanns fürs Durchhalten belohnt. So schreibt er über den späten Beethoven: „Von Anfang an hat mich der späte Beethoven besonders beschäftigt. Ein Streichquartett wie Opus 131 in cis-Moll ist im Grunde ja der helle Wahnsinn. Sieben Sätze – und keiner stimmt! Das Scherzo steht an der falschen Stelle, einen richtigen langsamen Satz gibt es auch nicht, alles scheint sich aufzulösen, ist bloß mehr Rezitativ. Ähnliches gilt für die späten Klaviersonaten. Ist die Auflösung der Form die Konsequenz aus den Freiheiten, die Beethoven sich als Komponist nimmt – und auch seinen Interpreten zugesteht?“

Einen großen Anteil an diesem Buch hat aber auch sicher die Zusammenarbeit mit Christine Lemke-Matwey, denn das Buch entstand durch viele Gespräche der beiden Autoren im Zeitraum von 2016 bis 2020. Das Buch ist für Beethoven-Freunde und Thielemann-Fans gleichermaßen ein Muss, und bereichert die zum 250. Geburtstag von Beethoven umfangreich neu erschienene Literatur, und lässt vieles, was über Beethoven schon bekannt war, in einem anderen Licht erscheinen. Deshalb gehört Thielemann auch das Schlusswort: „Beethoven entlässt uns nie aus der Pflicht. Das gilt auch für eher lebensweltliche Themen. Ein Musiker, der sein Gehör verliert und weitermacht? Ein Symphoniker, von dem so gut wie keine politische Äußerung überliefert ist – der aber bis heute hochpolitisch rezipiert wird? Das regt die Fantasie an, bei Biographen, bei Interpreten und bei den Zuhörern. Genauso wie die Frage, die mich partout nicht loslässt: Wie soll man Beethoven bloß einordnen? Als Klassiker, als Romantiker? Oder steht er über allen Kategorien?“

Andreas H. Hölscher