O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Liebesbotschaften

Der Bariton Christian Gerhaher zählt fraglos zu den herausragenden Sängern seiner Zeit, mit einer unglaublichen Vielfalt im Repertoire. Auf der Opernbühne ist es vor allem die Rolle des Wozzeck in der gleichnamigen Oper von Alban Berg, die er aktuell prägt wie kaum ein anderer Sänger, wovon man sich erst kürzlich an der Wiener Staatsoper überzeugen konnte. Und natürlich die Rolle des Amfortas im Parsifal, die er in München zu Ostern dieses Jahres so unnachahmlich interpretierte. Beiden Rollen ist das physische und psychische Leiden auf der Bühne gemein, die Gerhaher so intensiv verkörpert, dass man manchmal Angst um ihn bekommt. Aber Gerhaher ist weit mehr als nur ein Interpret von dramatischen Rollen. Insbesondere als Liedsänger dominiert er mit seinem kongenialen Klavierbegleiter Gerold Huber seit mehr als zwei Jahrzehnten die Szene und darf heute in einem Atemzug genannt werden mit zwei großen Meistern des Liedgesangs in seiner Stimmlage, Hermann Prey und Dietrich Fischer-Dieskau, bei dem Gerhaher Meisterkurse belegte. Als herausragende Leistung und für ihn die Erfüllung eines lange gehegten Traums und „das wahrscheinlich wichtigste Projekt in meinem Leben“ ist die Gesamteinspielung aller 299 Lieder von Robert Schumann in einer Edition mit elf Alben, die im vergangenen Herbst erschienen ist. Für dieses Projekt hatte Gerhaher eng vertraute Sängerkollegen eingeladen, die zu den Besten ihres Fachs gehören, darunter Camilla Tilling, Julia Kleiter, Sibylla Rubens, Wiebke Lehmkuhl und Martin Mitterrutzner. Und bei aller Arbeit und unzähligen Terminen hat Christian Gerhaher noch Zeit gefunden, über seine Arbeit als Liedsänger ein Buch zu schreiben, das er selbst Lyrisches Tagebuch nennt und in dem er über Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm spricht.

16 Kapitel umfasst das Buch, und schon die Kapitelüberschriften lassen erahnen, dass es mehr ist als nur die Aufzählung wichtiger Werke im Leben und Wirken des Christian Gerhaher. Jedem Kapitel ist ein spezieller Ort und ein Datum zugeordnet, deren Chronologie aber nicht einheitlich ist. Das erste Kapitel, Vorspiel mit Tiefflieger, ist datiert mit Straubing, August 1984. Gerhaher, am 24. Juli 1969 im niederbayerischen Straubing geboren, ist da gerade mal 15 Jahre alt und hat ein sehr interessantes Erlebnis, das er erst viel später, als er schon tief im Liedgesang verhaftet ist, für sich interpretiert. Es ist ein Erlebnis mit einem tieffliegenden Düsenjet, das ihm ein Grundmotiv der gesamten Liedtradition erschließt – das Motiv der Liebesbotschaft. Der junge Gerhaher, der tagsüber bei der Ernte auf den Getreidefeldern seiner Heimat ausgeholfen hat, telefoniert abends mit einem Freund. Das folgende Erlebnis beschreibt Gerhaher wie folgt: „Da ereignete sich etwas, das ich nie mehr so erlebte: Ein Tiefflieger – wie sie damals noch ständig flogen, wir lebten am Rand der Republik und am Rand der westlichen Welt, Böhmen und der Eiserne Vorhang waren keine fünfzig Kilometer weg – näherte sich dem Bauernhof, im Telefon wurde es laut, wir unterbrachen kurz das Gespräch. Er flog weiter. Und wir redeten weiter. Bis derselbe Tiefflieger zu meinem Elternhaus kam. Ich war sprachlos, wir beide. Wir spürten sofort, welch einmaliges Erlebnis uns hier verband. Wir redeten auch jetzt über Motorräder, über die Ernte, die Arbeiter auf dem Hof. Und doch war die Verbindung durch das eben Erlebte für kurze Zeit viel tiefer und elementarer als durch unsere Worte. Auf ein solches Ereignis hoffen wohl auch Liebende, wenn sie einmal einen Abend lang nicht am selben Ort sind. Sie verabreden dann, dass beide zu einer bestimmten Zeit den Mond anschauen, jeder an seinem Ort. Sie haben nicht denselben Blickwinkel, aber immerhin eine gemeinsame Illusion – dasselbe zu sehen, zu fühlen und zu denken, im selben Augenblick. Der Worte bedarf es dann nicht mehr, sie würden eher stören.“ Schnell wird klar, wie dieses Erlebnis den sensiblen und differenziert denkenden Künstler beeinflusst hat in seinem Umgang mit dem Kunstlied. Vor diesem Kapitel steht der Text des sechsten Liedes des Zyklus Aus dem Liederbuch eines Malers von Robert Reinick, vertont von Robert Schumann. Überschrieben ist das Lied mit Liebesbotschaft. Dieser Terminus wird sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. Im Vordergrund stehen die für Gerhaher wichtigsten Liedkomponisten, mit deren Schaffen er sich intensiv auseinandergesetzt hat und die in seinem Werk einen besonderen Stellenwert haben, von Ludwig van Beethoven über Franz Schubert, Robert Schumann und Gustav Mahler. Aber auch weniger bekannte Komponisten oder Werke werden vorgestellt, bis hin zu zwei zeitgenössischen Komponisten, Heinz Holliger und Wolfgang Rihm, denen Gerhaher jeweils ein ganzes Kapitel widmet.

Wenn der Autor über ein Lied, einen Liederzyklus oder einen Komponisten spricht, dann ist das inhaltlich eine tiefgehende musikwissenschaftliche Analyse, oft mit Notenbeispielen illustriert. Das Besondere an dem Buch ist, dass er die tiefgründigen musikalischen Analysen mit einer poetischen Sprache kombiniert, die dem Titel des Buches Lyrisches Tagebuch entspricht. Als ein wunderbares Beispiel von vielen seien hier seine Überlegungen zu Beethovens Vertonung von Alois Jeitteles Liederkreis An die ferne Geliebte. Gerhaher schreibt dazu: „In Beethovens An die ferne Geliebte (op. 98) ist es nicht nur die belebte und unbelebte Natur, die als Bote angerufen wird. Als Einrahmung, im ersten und sechsten Gedicht, sind es die Liebeslieder selbst, die wie eine Ferne und Zeiten überwindende, ubiquitär verfügbare Botschaft ihrer selbst einfach da zu sein scheinen: ‚Denn vor Liedesklang entweichet /Jeder Raum und jede Zeit, / Und ein liebend Herz erreichet, / Was ein liebend Herz geweiht!‘ Diese Botschaft möge die fern Weilende dann auch wiedersingen, so wie auch in Goethes von Schubert vertontem Gedicht An die Entfernte gesungene Liebesbotschaften als einzig denkbare Alternative zur naturvermittelten Nachricht erscheinen. Als Ausdruck unverfälschten Empfindens (‚Was mir aus der vollen Brust / Ohne Kunstgepräng erklungen, / Nur der Sehnsucht sich bewußt‘) sollen die Botschaften Beethovens ferner Geliebter jedenfalls unmittelbar verständlich sein: keine Affekte, nur Privates; nichts Empfindsames, nur gemeinsam Empfundenes; nichts, was hinter Einmaligem zurückträte, nichts, was nicht unvergleichlich wäre. All das also soll dann noch einmal aus ihrem Munde erklingen, zu einem Zeitpunkt, der ein gemeinsamer ist, zu Beginn der Nacht – eine ganz private Meditation, über alle Weiten hinweg gemeinsam. Es tritt hier der Gesang an die Stelle der Natur, der Dichter nimmt von dieser aber die ‚Natürlichkeit‘ an, er möchte ‚Ohne Kunstgepräng‘ auskommen.“  Es ist die lyrische, poetische Sprache, die das Buch so einzigartig macht und die die manchmal nicht so ganz einfach zu verstehenden Analysen selbst zu einem Opus werden. Christian Gerhaher erklärt aus seinem intensiven Umgang mit den Werken heraus die Besonderheiten der großen Liedkomponisten, deutet bekannte Liederzyklen wie Schuberts Winterreise oder Die schöne Müllerin, beide nach Texten von Wilhelm Müller. Aber er schreibt auch über weniger bekannte Werke, die ihn immer wieder erstaunen und berühren wie Lieder von Hugo Wolf nach Texten von Johann Wolfgang von Goethe. Gerhahers einfühlsamer Blick gilt sowohl der Musik als auch den vertonten Gedichten und der spannungsreichen Einheit, die beide im Lied bilden. Er spricht über die Ansprüche, die bestimmte Lieder an den Sänger stellen, über Gelingen und Misslingen, wie er gelernt hat, mit Kritiken umzugehen.

Immer wieder lässt Gerhaher auch persönliche Einblicke zu, wie er sich das Rauchen abgewöhnte, wie er mit Gerold Huber um eine Kiste Champagner gewettet hat, wer zum Jahresende weniger auf die Waage bringt, sein Verhältnis zum Sport oder zur Natur. Gerhaher schreibt natürlich auch über die technische Seite des Singens, auch über die Grenzen des Machbaren. Man darf dabei nicht vergessen, dass Gerhaher auch ein komplettes Medizinstudium absolviert hat und daher auch über besondere Kenntnisse der Anatomie, Physiologie und Psyche des Menschen verfügt.  Auch auf das spezielle Verhältnis zwischen Sänger und Publikum, dessen Erwartungshaltung und seine eigenen Ängste geht Gerhaher ganz unprätentiös ein. Besonders interessant ist dabei die Programmauswahl für einen Liederabend, an die er ganz bestimmte Bedingungen oder Kriterien knüpft, um aus dem Programm kein „Mini-Drama“ zu machen. Auch sagt Gerhaher, dass die drei für ihn bedeutendsten Liedkomponisten, Schubert, Schumann und Mahler, ihm „unüberbrückbaren Respekt“ abfordern. Er könnte sie nie an einem Abend kombinieren und nebeneinander aufführen, zu eigenständig seien sie in ihrem Idiom, ihrem Habitus. „Schubert und Schumann unterscheiden sich in der Gewichtung des Klavierparts, dessen Eigenständigkeit, in der neuartigen Wichtigkeit von Vor-, Zwischen- und Nachspielen nur graduell.“ Als Zuhörer eines Liederabends sind sehr wahrscheinlich solche Details, die für eine Programmauswahl entscheidend sind, eher zweitrangig.

Wenn er auf das Besondere der Liedkunst zu sprechen kommt, vielleicht auch im Vergleich zur Oper, dann ist die Aussage Gerhahers ganz klar: „Lieder sind eine vokale Form der Kammermusik, und sie repräsentieren – wie die Oper das Drama und das Oratorium das Epische – die Lyrik in der gesungenen Musik. Auch was den Ausdruck betrifft, bringt es Gerhaher auf den Punkt: „Expressive Intimität ist beim Lied Programm und Haltung, während sie im Ablauf einer Oper lediglich situativ entsteht und sich erst durch einen dramaturgisch sinnvollen Platz im Handlungsgefüge erklärt.“ Es sind solche Sätze, klar strukturiert und analytisch formuliert, doch immer mit einem lyrischen, manchmal auch poetischen Duktus. Am Schluss des Buches gibt es noch 35 Seiten mit Anmerkungen, Bild- und Zitatnachweisen sowie einem Personen- und Werkregister. Gerade die Anmerkungen sind empfehlenswert, weil dort oft persönliche Aussagen oder Hintergrundinformationen präsentiert werden, die für das Gesamtverständnis des Buches sehr hilfreich sind.

Dieses Buch, im C.H. Beck Verlag erschienen, ist mit 25 Euro verhältnismäßig günstig. Es gibt sicher kein vergleichbares Buch, dass sich so intensiv mit dem Liedgesang beschäftigt und sich dabei einer so poetischen Sprache bedient. Gerhahers Lyrisches Tagebuch ist eine aufschlussreiche Lektüre für Freunde des klassischen Liedgesangs, und für Fans von Christian Gerhaher schon ein Muss. Am besten, man hört dazu noch eine seiner vielen Einspielungen zu den beschriebenen Liedern. Das Hörempfinden und die Bindung zu einem Stück wird dadurch auf eine ganz andere Ebene gehoben.

Andreas H. Hölscher