O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Ideal für Einsteiger

Das Brevier leitet sich aus dem lateinischen brevis für kurz ab. Lange verstand man darunter das liturgische Gebetbuch der katholischen Kirche für das Stundengebet. Heute heißt es Stundenbuch. Den Begriff gibt es aber noch. Er wird zur Beschreibung einer Anthologie, also eine thematisch geordnete Sammlung wichtiger Textstellen, oder eines Leitfadens als nützlicher Ratgeber für Praktiker verwendet.

Kleines Brevier sehr persönlicher Anmerkungen hat der Musikwissenschaftler und Kritiker Alexander Jordis-Lohausen sein Büchlein genannt, mit dem er eine wichtige Lücke schließt. Dazu muss man wissen, worin die Schwierigkeit liegt, neue Publika für die Kultur zu gewinnen. Selbst Menschen, die in einem kulturinteressierten Haushalt aufwachsen, verlieren oft mit dem Erwachsenwerden ihr Interesse an Theater, Tanz, Oper oder Konzert. Die Gründung einer eigenen Familie, der Aufbau der beruflichen Karriere und andere Dinge mehr geraten in den Vordergrund. Erst wenn im darauffolgenden Lebensabschnitt wieder Luft für die Sinnsuche bleibt, wächst theoretisch auch die Lust an kultureller Teilhabe wieder. In dieser Phase müssten die Kulturarbeiter ihre Publika eigentlich abholen. Genau das geschieht nicht. Und weil tiefergehende Kenntnisse fehlen, schrecken viele Menschen davor zurück, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Ob in der bildenden oder der darstellenden Kunst: Häufig hört man die Aussage, man verstehe davon nichts und kümmere sich deshalb lieber um andere Dinge.

Hier gibt Jordis-Lohausen, der in Graz Musik studiert hat, heute in Paris lebt und als Korrespondent für O-Ton arbeitet, eine wichtige Hilfestellung. Sein Brevier ermöglicht es, sich binnen weniger Stunden in das Gebiet der klassischen Musik einzuarbeiten und damit das Gefühl zu verlieren, man verstehe ohnehin nichts davon. Auf gut hundert Seiten erzählt der Autor, wie sich die Musik vom Gregorianischen Gesang der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt bis zur Zwölftontechnik des 20. Jahrhunderts entwickelt. Zum Verständnis der Texte sind keine Vorkenntnisse erforderlich.

Dabei legt Jordis-Lohausen keinen Wert auf eine sklavische Systematik oder behauptet gar seine Themen als Standardwissen. Vielmehr versucht er, seinem Leser anhand subjektiv ausgewählter Einzelbeispiele einen umfassenden Zugang auf breiter Front zu vermitteln. Und das gelingt ihm hervorragend. Quasi en passant erfährt man, wie die Oper sich bis heute entwickelt hat, lernt wichtige Werke kennen, ohne das Gefühl zu bekommen, man müsse nun alles auswendig lernen, um in Zukunft mitreden zu können. Indem er Bezüge auf „moderne“ Inszenierungen aufzeigt, verliert sich schnell der Verdacht, sich unnötige Theorie aneignen zu müssen. Im Gegenteil bekommt man Lust, die angeführten Werke auch mal auf einer Videoplattform im Internet anzuspielen. Damit nicht genug. Vielfach gibt Jordis-Lohausen auch Referenzaufnahmen an, damit man, wie er sagt, seine eigene CD- oder DVD-Sammlung vervollständigen kann. Locker eingesprengte Kritiken eigener Besuche des Autors steigern die Lebendigkeit.

„Die derzeitige Tendenz, Opern der vergangenen Jahrhunderte um jeden Preis einer modernen Welt anzupassen, ist so weit fortgeschritten, dass der Kritikus von heute jede Inszenierung im alten Stil, wie gut sie auch gelungen sein mag, misstrauisch gegenübersteht.“ So entspannt kann man einen Diskurs über das so genannte Regie-Theater führen. Und das ist das durchaus Angenehme an der Lektüre: Jordis-Lohausen versucht zu vermitteln, nicht etwa zu ideologisieren oder zu polarisieren. Am Ende des Buchs angekommen, hat man das Gefühl, einen so guten Überblick über die Welt der Oper und des Konzerts zu haben, dass man zwar nicht zwingend die Diskussion mit Experten suchen, aber eben auch nicht stillschweigend, verständnislos – und gelangweilt – in der Ecke stehenbleiben wird.

Der Leser wird es nicht beim einmaligen Gebrauch des Breviers belassen, sondern es als guten Ratgeber auf dem Weg in die einzigartige Welt der klassischen Musik auch später regelmäßig nutzen. Dabei soll der Einsteiger sich nicht von der eher altbackenen Aufmachung des Buchdeckels täuschen lassen. Hier wird ganz erfrischend eher neuer Wein in alten Schläuchen angeboten. Und das ist eindeutig die bessere Lösung als umgekehrt.

Michael S. Zerban