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Buch

Das ganze Wahnfried

Du bist alles, das ganze Wahnfried bist du, und ich dein Wahnfritz.“ Diesen Ausspruch Richard Wagners notierte seine Frau Cosima am 19. März 1878 in ihrem Tagebuch. Das ganze Wahnfried, nur einer von unzähligen, zum Teil drolligen Kosenamen, die Richard für Cosima erfand. Sie ist „sein gutes Bewußtsein“, seine „Lebensspenderin“, seine „Mater Gloriosa und Mater Amorosa“. „Das ganze Wahnfried“ charakterisiert aber in einem Namen die herausragende Bedeutung, die Cosima Wagner, geborene Liszt, verheiratete von Bülow, auf Richard Wagner, auf sein Leben und sein Schaffen und nicht zuletzt auf sein Vermächtnis bis heute gehabt hat. Eine neue Biografie über Cosima Wagner von Sabine Zurmühl trägt den Untertitel „Ein widersprüchliches Leben“. Und das Buch beginnt, quasi die Ouvertüre, mit der Aufzählung von 50 (!) Liebesnamen, die Richard Wagner im Laufe ihrer Beziehung für seine Cosima gefunden oder erfunden hat. Ein ungewöhnlicher Beginn für ein ungewöhnliches Buch, denn diese Biografie wirft in vielen Bereichen ein neues Licht auf die „Meisterin“ oder die „Gralshüterin“, wie sie vor allem nach dem Tode Richard Wagners im künstlerischen Umfeld der Bayreuther Festspiele mit großer Ehrfurcht genannt wurde. Die letzte Biografie über Cosima Wagner erschien 2007, Oliver Hilmes hat sie als „Herrin des Hügels“ bezeichnet, seine Biografie folgt dem klassischen chronologischen Ansatz von der Geburt bis zum Tod, und Hilmes arbeitet sich vor allem am Antisemitismus Cosimas ab und an einer fast devoten Dienerin des „großen Meisters.“ Es ist ein sehr einseitig gezeichnetes Bild, auch wenn Hilmes umfangreich recherchiert hat, was die ausführlichen Quellenangaben belegen. Da Cosimas Tagebücher erst Mitte der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts veröffentlicht werden durften, war ein umfangreicher Blick in das Leben von Cosima und Richard Wagner ab dem 1. Januar 1869, dem Beginn der Tagebuchaufzeichnungen, erst hundert Jahre später möglich.

Die Autorin der neuen Cosima-Wagner-Biografie, Sabine Zurmühl wurde 1947 geboren als Nachkriegskind im zerbombten Berlin, das Studium der Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaft schloss sie an der Freien Universität Berlin ab. Als freie Autorin, Kritikerin und Filmemacherin war sie für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen tätig. Sie war Mitbegründerin der Zeitschrift Courage, einer feministischen Zeitschrift, die von 1976 bis 1984 in West-Berlin erschien und ab 1978 unter dem geänderten Titel Aktuelle Frauenzeitung fungierte. Die selbstverwaltete autonome Courage galt als Sprachrohr und Kommunikationsplattform der autonomen links-feministischen Szene in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin, verstand sich als politische, linke Alternative zur Emma und spielte damit für die westdeutsche Frauenbewegung jener Jahre eine besondere Rolle. Sie griff Themen auf, die im gesellschaftlichen Klima der damaligen Zeit als äußerst heikel galten, und machte den angesprochenen Frauen Mut, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Des Weiteren hat Sabine Zurmühl diverse Bücher veröffentlicht, darunter 1984 das Wagner-Buch Leuchtende Liebe – Lachender Tod: Zum Tochter-Mythos Brünnhilde sowie die Anthologie In den Trümmern der eigenen Welt über Wagners Ring des Nibelungen. Darüber hinaus ist Zurmühl seit über 25 Jahren als Mediatorin tätig. Nun könnte man meinen, eine Autorin mit diesem Hintergrund schreibt jetzt die Cosima-Wagner-Biografie als feministischen Gegenentwurf zu Oliver Hilmes männlicher Sichtweise der so bedeutenden musik- und kunsthistorischen Frau und hebt sie als Vorreiterin für Frauenrechte in den Himmel. Weit gefehlt, in diese Falle tappt Zurmühl überhaupt nicht, wenngleich der Blick auf Cosima Wagner naturgemäß ein weiblicher ist, mit sehr viel Empathie und Feingefühl für die vielen Konflikte und Konstellationen in ihrem Leben, und auch einem Schuss Bewunderung für die Stärken dieser Frau, sich in einer Welt, in der das Patriarchat noch die uneingeschränkte Gesellschaftsform war und Frauen von Komponisten oder Künstlern eher als Anhängsel oder Zierde empfunden wurden, gewiss aber nicht als eigenständige Persönlichkeit, die hinter den Kulissen und mit zunehmendem Lebensalter, vor allem nach dem Tode Richard Wagners, als Festspielleiterin in Bayreuth die Fäden in den Händen hielt und den Grundstein dafür legte, dass der Mythos Bayreuth auch heute noch erhalten ist und die Festspiele trotz aller Schwierigkeiten der letzten Jahre immer noch ein Magnet für Wagnerianer aus der ganzen Welt sind, und das seit über 145 Jahren.

Zurmühl weicht von dem üblichen chronologischen Aufbau einer klassischen Biografie ab und nähert sich der Person Cosima Wagners in 33 Lebens-Skizzen, die einmal die Persönlichkeit dieser Frau beleuchten, aber auch in den historischen Kontext eingeordnet werden. Dreh- und Angelpunkt sind die schwierigen Beziehungsgeflechte der drei wuchtigsten Männer in ihrem Leben. Franz Liszt, der Vater, umschwärmter Komponist und Pianist, der zeitlebens ein sehr distanziertes Verhältnis zu seiner Tochter und ihren zwei Geschwistern hatte. Dann Hans von Bülow, Dirigent mit instabilem Gemütszustand, Lieblingsschüler von Franz Liszt und erster Ehemann von Cosima Liszt, mit dem sie zwei Kinder hat. Doch es ist keine glückliche Ehe, die die beiden führen, denn für von Bülow war diese Verbindung eher dahin gerichtet, näher an seinem Lehrer Liszt zu bleiben, denn eine liebevolle Beziehung zu führen.  Und dann natürlich Richard Wagner, der geniale und exzentrische Komponist, dessen erste Ehe mit Minna Planer gescheitert war und für den Cosima alles war, was die eingangs erwähnten Kosenamen bezeugen. Ihre drei gemeinsamen Kinder wurden gezeugt, da war Cosima noch mit Hans von Bülow verheiratet. Die Taufe ihres gemeinsamen Sohnes Siegfried wurde so lange hinausgezögert, bis Cosima von Hans von Bülow geschieden war und Wagner heiraten konnte, der zu diesem Zeitpunkt Witwer war, und so gilt Siegfried als der alleinige legitime Nachfolger Wagners. Somit war der zwei Jahre ältere Franz Liszt nicht nur Kollege und Förderer von Richard Wagner, sondern war auch sein Schwiegervater. Die beiden pflegten ein sehr schwieriges Verhältnis zueinander, das auch geprägt war von musikalischer Konkurrenz und der Vereinnahmung von Cosima Wagner für sich selbst. Hans von Bülow wiederum war ein glühender Anhänger der Musik Richard Wagners, und seine Verehrung ging fast bis zur Selbstaufgabe, unter Ausblendung und Ignoranz der Tatsache, dass Wagner dem Freunde die Frau ausgespannt hatte. Unter diesen Konstellationen und Dreiecksbeziehungen lernte Cosima, sich zu behaupten, mit Diplomatie und viel Feingespür für die Situation Konflikte zu erkennen und zu lösen, wobei sie sich selbst dabei sehr oft zurücknahm, Schuldgefühle auf sich lud und in ihrem religiösem Verständnis auch viel Buße tat dafür.

Genau an diesen Eckpunkten knüpfen die 33 Lebens-Skizzen an, die Zurmühl sprachlich sehr genau formuliert, was zu einer sehr lebendigen Darstellung führt. Insbesondere wenn es um Auseinandersetzungen der Hauptprotagonisten geht, glaubt man, beim Lesen fast dabei zu sein. Man spürt sehr deutlich, dass Zurmühl sich mit dieser starken Frau sehr lange und intensiv auseinandergesetzt hat, was auch ein sehr umfangreicher Quellennachweis belegt, der sich auf insgesamt 45 Seiten erstreckt. Insbesondere die Tagebücher der Cosima Wagner sind wichtige historische Bezugsdokumente, wie auch ihre umfangreiche Korrespondenz, aber auch Richard Wagners Tagebücher geben Aufschluss über das komplizierte und – wie im Untertitel der Biografie formuliert – widersprüchliche Leben der Cosima. Und so ist diese Biografie auch voll von Zitaten, die im Kontext ihrer Zeit das gesellschaftliche, aber auch politische Leben eindrucksvoll beleuchten. Natürlich geht Zurmühl den klassischen Ressentiments gegenüber Cosima nach, dass sie wenig Ahnung vom Theater und von der Regie gehabt hätte. Es gelingt ihr, anhand von entsprechenden Zitaten und Quellenangaben mit vielen dieser Vorurteile aufzuräumen und ihr letztendlich den Platz in der Geschichte der Bayreuther Festspiele zu verleihen, der ihr gebührt. Dabei spart Zurmühl das Thema Antisemitismus nicht aus, das wäre auch obsolet. Aber sie sieht die Thematik eben nicht eindimensional, sondern ordnet sie in den historischen und gesellschaftlichen Kontext ein. Wie ambivalent Cosima mit der Thematik umgegangen ist, zeigt das Kapitel Das Drama Levi, in dem Zurmühl sehr ausführlich auf den jüdischen Dirigenten Hermann Levi eingeht, der 1882 die Uraufführung des Parsifal dirigiert hat und der in den Jahren nach Wagners Tod immer wieder nach Bayreuth für den Parsifal zurückkehrte, und dessen Judentum immer wieder Anlass war für Diskussionen, Kränkungen, Zurückweisungen und Beschwichtigungen. Zurmühl begeht nicht den klassischen Fehler, dass sie urteilt, verurteilt oder wertet. Sie leuchtet die belegbaren Fakten aus und ordnet sie in einem verständlichen Maße ein. Das wird nicht jedem gefallen, aber die Autorin legt hier auch keine gefällige Frauenbeschreibung vor, sondern das Lebensporträt einer interessanten und bis heute polarisierenden großen Frau, vor deren Lebenswerk als fünffache Mutter, zweifache Ehefrau und Verwalterin und Chefin einer einmaligen Festspielidee man sich nur verbeugen kann, ungeachtet der vielen Fehler, die diese Frau hatte, die Zurmühl auch nicht ausspart und sicher von sich behaupten kann, eine ehrliche und sehr gut recherchierte Biografie vorgelegt zu haben.

Das Nachwort stammt im Übrigen von Monika Beer, der Vorsitzenden des Bamberger Richard-Wagner-Verbandes, dem Zurmühl auch angehört. Und ist noch einmal eine kurze Zusammenfassung der Lebens-Skizzen. Diese 360 Seiten umfassende Biografie, die sehr hochwertig gebunden und gedruckt ist, ist mit 40 Euro nicht gerade preiswert. Aber es lohnt sich, das Werk in die Hand zu nehmen und einzutauchen in die Welt der Cosima Wagner. Und das ist nicht nur exklusiv für Wagnerianer gedacht, auch wenn ein Grundschatz an Wissen über Richard Wagner für das Verständnis dieses Buchs nicht von Nachteil ist. Aber Richard Wagner spielt hier ausnahmsweise mal nicht die Hauptrolle, die gebührt seiner Ehefrau, seiner Muse, seinem ganzen Wahnfried.

Andreas H. Hölscher