O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Mein Freund Wolfgang

Rolando Villazón ist in der Klassikszene ein Unikum, vielseitig begabt und nebenbei auch noch sehr sympathisch. Als Sänger gefeiert, als Regisseur gewürdigt, als Zeichner geschätzt, was Villazón anfasst, wird in der Regel zum Erfolg. Dass er auch unter die Schriftsteller gegangen ist, ist dem breiten Publikum vielleicht gar nicht so bewusst. 2014 erschien sein erster Roman: Kunststücke. 2017 folgte der Roman Lebenskünstler, und im vergangenen Jahr erschien sein drittes Werk: Amadeus auf dem Fahrrad. Alle drei Bücher sind im Original auf Spanisch erschienen und wurden von Willi Zurbrüggen ins Deutsche übersetzt.

Der Titel verrät schon, dass ein gewisser Wolfgang Amadeus Mozart in diesem Roman eine wichtige Rolle spielt. Das kommt nicht von ungefähr, denn dieser Komponist ist für Rolando Villazón ein wichtiger Begleiter seines Lebens, ja, sogar ein Freund geworden, wie er einmal selbst gesagt hat. Ein Blick in Villazóns Biografie und Diskografie reicht aus, um ihn zu Recht als Mozartinterpret und -kenner auszuweisen. Alle großen Mozartopern hat er auf CD eingespielt, letztes Jahr erschien eine CD mit Mozartarien. Interessanterweise ist er in den Arien aus der Zauberflöte genau wie in der Gesamtaufnahme dieser Oper aus dem Jahre 2019 in der Baritonpartie des Papageno zu hören und nicht als Tamino.

Seit 2017 leitet Villazón auch die Salzburger Mozartwoche. 2014 erschien mit ihm auf Arte ein Film über eine Don-Giovanni-Produktion in Prag am Ort der Uraufführung, in einer CD-Aufnahme der Oper hatte er bereits 2012 mitgewirkt. Ein Buch, das in Salzburg spielt, die Produktion des Don Giovanni bei den Festspielen zum Inhalt hat und gleichzeitig eine Hommage an den Komponisten, an die Stadt und an das Künstlerleben insgesamt darstellt. Und doch ist das nur der festliche Rahmen für eine anrührende Liebesgeschichte, über Hoffnungen, unerfüllte Träume und wahre Freundschaften.

Die Hauptfigur dieses Buches ist Vian. Vian kommt aus reichem, mexikanischem Elternhaus, hat Verwandte in Deutschland und will Opernsänger werden, natürlich in der Stimmlage Tenor. Das hört sich erst mal nach Villazóns Autobiografie an, denn auch er wurde in Mexiko geboren, seine Vorfahren stammen aus Österreich, und er wurde weltbekannt nach seinem großen internationalen Erfolg 2005 bei den Salzburger Festspielen als Alfredo an der Seite von Anna Netrebko in Giuseppe Verdis La Traviata. Somit lässt Villazón die Geschichte von Vian in einem Umfeld spielen, das er selbst zu Genüge kennt. Doch Vian ist fiktiv, ist nicht Rolando, denn es gibt mehrere gravierende Unterschiede. Im Gegensatz zum erfolgreichen Autor und Sänger Villazón ist Vian ein Loser, der es trotz aller Bemühungen nicht schaffen wird, seinen Traum von einer Gesangskarriere zu verwirklichen und sich stattdessen als Komparse in einer Don-Giovanni-Produktion in Salzburg durchschlagen muss. Von seinem Vater wird er verachtet, der ihn als „Unfall“ bezeichnet und seinen Karrierewunsch natürlich nicht unterstützt, weil er nicht an seinen Sohn glaubt. Für den Vater ist die Welt der Oper eine Scheinwelt, in die man sich begibt, um gesehen zu werden und angeben zu können, ohne die Gefühlswelt der Oper wirklich zu verstehen. So stand jedes Jahr im Sommer eine Opernreise nach Europa auf dem Programm, entweder zu den Salzburger oder den Bayreuther Festspielen, Hauptsache elitär. Villazón beschreibt das erste Opernerlebnis des jungen Vian bei einem Besuch in Bayreuth 1999 in Tristan und Isolde, mit Siegfried Jerusalem und Waltraud Meier sowie Daniel Barenboim am Pult. Es war im Übrigen die letzte Vorstellungsreihe dieser großen Produktion in der Regie des 1995 verstorbenen Heiner Müller, die 1993 ihre Premiere hatte. „Ich hörte Waltraud Meiers wunderbare Stimme nicht nur, mein ganzer Körper nahm diesen Klang auf, vibrierte mit dem Gesang und dem Orchester. Und all das passierte hier und jetzt, in diesem einzigartigen Augenblick, und nicht in einem Studio vor vielen Jahrzehnten. Ich kleiner Mensch war ein Resonanzraum, der dazu beitrug, dem Augenblick Lebendigkeit zu verleihen. Mein Verstand benebelte sich, meine Lider wurden schwer, und im selben musikalischen Moment wie während meiner vorbereitenden Nächte sank ich in einen nicht aufzuhaltenden Schlaf.“ Nach diesem Erlebnis, möchte man meinen, hatte der junge Vian genug von der Oper, doch dieser Tristan, den er vorher schon auf Kassette gehört und geliebt hat, wurde zu einer Art Erweckungserlebnis, und von da an stand sein Wunsch fest, Opernsänger zu werden. Aber Vian ist ein Träumer, der mit seinem angebeteten Komponisten Zwiegespräche hält, der sich für große Literatur interessiert, für die unsterbliche Musik. Aber er ist auch ein Tagträumer, der von Missgeschick geleitet von einem Fettnäpfchen ins andere tritt, aber an seinen Niederlagen als Persönlichkeit wächst, um schließlich sich selbst zu emanzipieren und seinen eigenen Weg geht. Vian beschreibt seine erfolglosen Gesangsstudien sehr prägnant: „Mehr als alles wollte ich ein großer Tenor werden; doch so eifrig ich auch meine Lektionen lernte und Tonleitern übte, so oft ich meine Lehrer und Techniken wechselte, wie viele Stunden ich mir auch die Aufnahmen der berühmtesten Tenöre anhörte, um ihre Geheimnisse zu ergründen, trotz aller meine Anstrengungen gelang es mir nicht, die hohe Stimmlage zu erreichen.“

Vian gibt nicht auf, begibt sich nach Europa, singt an großen Opernhäusern ohne Erfolg vor und folgt dabei einer imaginären Spur Mozarts. München, Prag, Salzburg. In der Festspielstadt darf er immerhin an der Neuinszenierung des Don Giovanni teilnehmen, natürlich nicht als Don Ottavio, sondern als Komparse in einer kruden Inszenierung des fiktiven Regisseurs Friedemann Schuff. Über Regisseure sagt Villazón in diesem Roman: „Es gibt Regisseure, die sind eindeutig, direkt und präzise wie Chirurgen; andere sind großspurig, ausufernd und kompliziert wie Philosophieprofessoren; und dann sind da die Wirren, die nur vage Ideen haben und kopflos agieren wie Studenten, die ihre Hausarbeiten nicht gut gemacht haben und inhaltliche Schwächen mit Witzchen und Anekdoten überspielen. Schuff ist eine Kombination aus allen.“ Auch das ist ein interessanter Kunstgriff Villazóns in seinem Roman, dass er fiktive Künstler-Figuren und reale Künstler verbindet. Während die fiktiven Figuren in ihren Charakteren meist schlecht wegkommen, sind die realen Künstler „natürlich“ über jede Kritik erhaben. Und so passiert es, dass der Träumer und Missgeschickler Vian in Salzburg mit einer Fahrradfahrerin kollidiert, und diese Dame ist keine geringere als die große Mezzosopranistin Cecilia Bartoli: „Es tut mir sehr leid, sagte ich, doch es hörte sich an wie „Ich-kann-nicht-glauben-, dass-ich-mit-Ihnen-spreche-, die-ich-so-sehr-bewundere“. „Ist schon gut“, erwiderte sie und setzte sich den Fahrradhelm aufs Haar, das ein loderndes Lockengewitter war. „Uns ist ja beiden nichts passiert. Che pazzo!“, rief sie lachend. „Du bist wie ein erschrockener Grashüpfer plötzlich zur Seite gesprungen.“

Neben der Bartoli lernt Vian am Schluss des Romans auch noch Daniel Barenboim kennen, den Dirigenten seines ersten Tristan. Vians Vater berichtet sehr zur Scham seines Sohnes von dem Bayreuth-Erlebnis 1999, in dem Vian im ersten Aufzug des Tristan eingeschlafen sei. Doch der große Dirigent lacht verständnisvoll und berichtet seinerseits von einer Aufführung der Zauberflöte in Salzburg unter Karl Böhm, die er als Kind gesehen hatte, und in der er auch eingeschlafen sei. Allerdings war Böhm, als Barenboim ihm später diese Anekdote erzählt hatte, darüber nicht amüsiert. So sind es neben den bekannten Figuren auch die bekannten Plätze in Salzburg, die Vian aufsucht und durch die er seinem Idol im Geiste näherkommt. Die Handlung führt an berühmten Plätzen und Denkmälern vorbei.

Immer wieder nimmt Villazón auch Bezug auf Literatur, oftmals von spanischsprechenden Schriftstellern, die der Leser entdecken kann. So entsteht eine wunderbare Freundschaft zwischen Vian und dem Buchhändler Perec. Auch die bildende Kunst spielt in diesem Roman eine große Rolle. So geht Vian zu dem bekannten Kunstwerk Spirit of Mozart der Performance-Künstlerin Marina Abramovic, das sich in der Salzburger Altstadt befindet, und lernt dort den Obdachlosen „Herrn Wolfgang“ kennen, der sich rührend um die Pflanzen am Kunstwerk kümmert. Neben der Emanzipation von seinem Vater ist es die unerwiderte und herzzerreißende Liebe zu der Produktionsassistentin Julia, die die Handlung im Wesentlichen begleitet: „Ich musste sie wiedersehen. Ich fühlte aufkommende Kühnheit in meiner Brust; eine glänzende Perle, die ihre Kraft verströmte, bis an den Ort, an dem die Wörter entstehen.“ Und da gibt es noch den Oberkomparsen Jaques, der einem Dämon gleich alle Schwächen Vians herauskitzelt und ihn am liebsten vor allen anderen bloßstellt. Am Ende, als Vians endgültiges Scheitern besiegelt zu sein scheint und ihn sein Vater in Salzburg abholt, um ihn nach Mexiko zurückzuholen, da setzt Villazón mit seinem ihm eigenen Humor noch einen drauf und lässt den armen Vian sich endgültig in einer schon fast filmreifen Szene von seinem despotischen Vater emanzipieren. Auf dem Rückweg nach Mexiko, bei einem Zwischenaufenthalt, greift sich Vian ein abgestelltes Fahrrad und fährt damit in dem Flughafengebäude herum und seinem Vater davon. Vian trägt eine gepuderte Rokoko-Perücke, die er von seiner Don-Giovanni-Produktion behalten hat: „Ein frohlockendes inneres Licht ließ mich leicht und zuversichtlich in die Pedale treten. Ich betätigte die Fahrradklingel am Lenker und wich geschickt den Leuten aus, die in allen Richtungen unterwegs waren. Ich trällerte die sogenannte ‚kleine‘ Symphonie in g-Moll und war mir in meiner entfesselten Freude sicher, dass Mozart es geliebt hätte, Fahrrad zu fahren.“ Am Ende bleibt Vian in Salzburg, schlägt sich als Komparse und mit Gelegenheitsarbeiten durch, aber er hat seinen Frieden mit sich gemacht und sein Schicksal akzeptiert.

Dieser dritte Roman von Villazón in der wunderbaren Übersetzung von Willi Zurbrüggen besticht durch seine sehr bildreiche und poetische Sprache, durch skurrilen Humor und den ständigen Wechsel zwischen Realität und Fiktion. Es ist ein Buch, das zwar nur langsam Fahrt aufnimmt und einige Abschnitte hat, die doch langatmig sind, aber es ist dieser Stil zu schreiben, der Vian, den Unglücksraben und Tolpatsch, den Versager zu so einem liebenswürdigen Menschen macht, dass man ihn einfach mögen muss und man sehr schnell mit ihm fiebert und mit ihm leidet. Und steckt nicht in jedem von uns so ein klein bisschen Vian? Ein Buch, nicht nur für lange Winterabende geeignet, und nicht nur für die Freunde von Mozart, Villazón und Salzburg ein Genuss wie eine Mozartkugel.

Andreas H. Hölscher