O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Kommentar

Am liebsten alt

Auf der Plattform Operabase, die sich am liebsten mit Zahlen und Daten rund um die Oper beschäftigt, ist eine Aufführungsstatistik für die Spielzeit 2015/16 veröffentlicht. Absolut betrachtet ist Deutschland Weltspitze. Erst im Vergleich zeigt sich: Es geht bergab mit der Opernbegeisterung. Und modern darf Oper schon gar nicht sein.

Komponistin Elisabeth Naske schafft es mit Kinderopern auf Platz 108 der Aufführungsstatistik. – Foto © privat

Bezogen auf den Einzelfall, ist ein Spitzenranking wenig aussagekräftig. Trotzdem sind die Zahlen, die die Internetplattform Operabase seit vielen Spielzeiten zusammenstellt, hilfreich. Weil sie Trends aufzeigen und bei genauerer Betrachtung doch den einen oder anderen Superlativ relativieren können. So zum Beispiel diesen hier: Deutschland ist Weltspitze, was die absolute Zahl an Opernaufführungen in der Spielzeit 2015/16 angeht. 6795 Mal gingen die Bühnenlichter an. Es folgen die USA mit gerade mal 1657 Aufführungen. Bei der Zahl der öffentlich geförderten Opernhäuser in Deutschland leuchtet die Zahl ein. Betrachtet man sie allerdings im Vergleich zu den fünf zurückliegenden Spielzeiten, wird erschreckend klar, was die Zahl tatsächlich bedeutet. Erstmals sind nämlich die Aufführungen deutlich unter 7000 gefallen. Im Vergleich zum Vorjahr heißt das schlicht mehr als 500 Aufführungen weniger. Wendete man den Verlust auf das Operabase-Ranking an, würde ab Platz 11 – Ungarn mit 521 Aufführungen – in den Ländern gar keine Oper mehr gezeigt.

Der politische Kürzungswahn bei der Finanzierung von Kultur in Deutschland zeigt also Wirkung. Und dabei kann von einer Überversorgung der Bevölkerung mit kulturellen Angeboten keine Rede sein. Schaut man sich die Werte im Bezug zu den Bevölkerungszahlen an, hat sich das mit der Weltspitze bereits wieder erledigt. Da stehen Österreich und die Schweiz ganz vorn. Österreich übrigens mit deutlichem Abstand. Auch hier zeigt der Trend für Deutschland im Vergleich der zurückliegenden Spielzeiten nach unten.

Wirft man einen Blick auf die absoluten Zahlen einzelner Städte, liegt Moskau mit 582 noch vor Wien mit 535 Aufführungen. In Deutschland liegen auf den ersten 20 Plätzen – in der Reihenfolge – Berlin, Hamburg, Dresden, München, Frankfurt, Stuttgart und Hannover. Das Opernhaus der Landeshauptstadt des größten Bundeslandes fehlt hier ebenso wie die Oper, die sich noch vor einigen Jahren auf die Fahnen geschrieben hatte, auf europäischem Niveau mitspielen zu wollen. Köln spielt hier keine Rolle.

Neben dem permanenten Kapitalentzug gibt es allerdings ein weitaus größeres Problem. Die Oper scheint nicht in der Lage, sich zu erneuern. In der Gesamtbetrachtung der vergangenen fünf Spielzeiten heißen die drei meistaufgeführten Komponisten Verdi, Mozart und Puccini. Mit deutlichem Abstand gefolgt von Rossini, Wagner und Donizetti. Der erste lebende Komponist erscheint in der Liste auf Platz 41 und ist Philipp Glass. Die erste lebende Komponistin heißt übrigens Elisabeth Naske, stammt aus Österreich und rangiert auf Position 108.

Wollen Sie noch weiter in das Kellergeschoss des Opernmuseums? Die meistgespielten Opern sind La Traviata, Die Zauberflöte und Carmen. Sie werden in der Liste der Operabase auf den ersten 25 Plätzen nichts anderes finden als alte, sattgehörte Opern. Und die Opernhäuser können noch so berühmte Regisseure aufwarten, es bleiben die alten Partituren, die immer und immer wieder aufgewärmt werden. Soweit die Bestandsaufnahme, die die Fakten hergeben.

Und natürlich sind es nur einige Faktoren, die wenig über das gegenwärtige Operngeschehen hergeben. Trotzdem reichen sie, um festzuhalten: Trotz intensiv gesteigerter Bemühungen der Theatervermittlung nimmt die Opernbegeisterung ab. Wenn wir über die zeitgenössische Oper sprechen, reden wir über in der Regel mehr als 50 Jahre alte Werke. Uraufführungen finden in einer statistisch nicht erfassbaren Größenordnung statt. Ins Repertoire werden Uraufführungen in den allerwenigsten Fällen übernommen. Erleben wir also gerade den Ausverkauf der Oper. Ein letztes Aufbäumen mit Ausgrabungen, Alter Musik und Neuer Musik, von der wir uns immer wieder vorhalten lassen müssen, wir müssten sie erst lernen? Wir müssten uns offen zeigen für neue Klänge.

Wie offen muss das Publikum sein für die immer gleichen sphärischen Geräusche, breite Klangflächen statt instrumentaler Feinsinnigkeiten, atonale Widrigkeiten und viel, viel Schlagwerk? Längst hat die Filmmusik die Musik von Opernkomponisten an Qualität überholt. Es steht viel auf dem Spiel. Wenn die Oper keine Wege der Erneuerung findet, wird sie weiter an Attraktivität verlieren. Ob alternative Projekte, die immer häufiger die Menschen begeistern, das Bedürfnis für das Musiktheater auffangen können, scheint angesichts der Zuschauerzahlen auf diesem Gebiet fraglich.

Gefragt sind möglicherweise Intendanten, die mehr Mut als bisher beweisen, und Komponisten, die den großen Wurf abseits der allgemeinen Kompositionslehre wagen. Wo sind die Köpfe, die uns aus dieser Sackgasse wieder herausführen? In Sicht jedenfalls nicht. Sagt die Statistik.

Michael S. Zerban