O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Hintergründe

Ein fast vergessenes Bühnen-Genie

Wenige wissen heute mit dem Namen Bakst noch etwas anzufangen und dennoch war er einst der Maßstab des modernen Geschmacks, für Bühnenbilder, Theaterkostüme und dann aber auch für die haute couture und für Dekorations-Textilien.

Bühnenentwurf für Shéhérazade

Sankt Petersburger Anfänge

Lev Samoïlovich Rosenberg, der sich später Léon Bakst nannte, kam am 10. Mai 1866 in Grodno in Weißrussland als Kind einer bürgerlichen, jüdischen Familie zur Welt. Durch ein offensichtliches Talent beflügelt, setzt er bei seinen Eltern durch, Maler werden zu dürfen und beginnt seine Studien an der Kunstakademie in Sankt Petersburg. Von einer Künstlergenossenschaft beeinflusst, die sich sehr realistisch das Leben und die Armut des Volkes zum Gegenstand ihrer Kunst erkoren hatte, malt er 1886 ein Gemälde, über dessen Auswirkungen er rückblickend 1913 schreibt:

Der eigentliche Blitz schlug an dem Tag ein, als ich für eine Preis-Ausstellung in der Akademie mit dem Thema Die heilige Jungfrau  den Leichnam Christi beweinend, ein großes, eben fertiggestelltes Werk beisteuerte, auf dem ich ein düsteres, feuchtes Kellergewölbe darstellte, in dem eine alte Mutter außer sich vor Schmerz, mit geröteten, verweinten Augen, mit schütterem weißem Haar den schauerlich gemarterten Leichnam ihres hingerichteten Sohnes in zittrigen Händen hält … Was ich gleich beim Eintreten sah, hat mich für den Rest meines Lebens beeindruckt. Während meine Kameraden an den Wänden ihre Gemälde suchten und auf eine draufgeklebte Medaille hofften, hatte sich eine Menschenmenge vor meinem Gemälde angesammelt, auf dem die frische Farbe von zwei enormen Kreidestrichen durchfurcht war … und mit großen Buchstaben (immer noch auf der frischen Farbe) geschrieben stand: Der Rat der Kunstakademie tadelt aufs strengste diese Art von Malerei. Ich verlies den Saal, um nie wiederzukommen. Eine harte Zeit erwartete mich.

Eine Zeit bitterster Armut! Dazu stirbt kurz darauf sein Großvater und seine Eltern lassen sich scheiden. Er ist nun nicht nur für seine Großmutter, sondern auch für seine Mutter und seine Geschwister verantwortlich. Mühsam schlägt er sich als Zeichenlehrer und Buchillustrator durch, doch beginnt er auch schon, seine ersten Bühnenbilder zu entwerfen. Eine schwere, aber lehrreiche Zeit. Langsam macht er sich einen Namen. Auch war es eine Zeit wertvoller Bekanntschaften, Peter Iljitsch Tschaikowski, Anton Tschechow, der Mann, der das Theater revolutioniert – Ich werde mich lange an diesen regnerischen Tag erinnern, an das freudig-lächelnde Gesicht Tschechows, an seine feierliche Stimme … Dieses erste Zusammentreffen hat mich buchstäblich bezaubert – und der russische Maler Alexander Benois, der durch lange Jahre hindurch sein treuester Freund und Förderer sein sollte. Außerdem tritt Bakst einer Gruppe von Künstlern und Schriftstellern bei, die sich Les Pickwickiens nennen. Unter ihren Mitgliedern befinden sich viele, die später bei der Gründung der Ballets Russes eine Rolle spielen sollten, und in erster Linie Sergei Pawlowitsch Djagilew.

Mit Djagilew gründet Bakst 1899 die Avantgarde-Kunstzeitschrift Mir Iskusstwa (Welt der Kunst).  Djagilew übernimmt die Leitung, und Bakst wird künstlerischer Direktor. Den Pre-Raphaeliten in England nicht unähnlich, bekämpfen auch die Mir-Iskusstwa-Künstler das Anti-Ästhetische der industriellen Revolution und den Positivismus in der Kunst. Ihre Leitbilder sind einerseits die traditionelle russische Volkskunst und die Welt der Märchen und Träume, andererseits aber auch das Rokoko des 18. Jahrhunderts, besonders Antoine Watteau. Ihre Traumstadt ist Venedig mit seiner faszinierenden Welt der geheimnisvollen Karnevalsmasken und ihrer verfeinerten Kultur. Interessant in diesem Zusammenhang, dass sich sowohl Djagilew wie auch Strawinsky in Venedig haben begraben lassen. Die Ästhetik sowie das Zauberhaft-Märchenhafte üben einen nachhaltigen Einfluss auf den jungen Künstler aus. Diese Neigungen vermischen sich später mit den Eindrücken der archaischen Klassik und des Orientalischen, die er von Reisen nach Griechenland und Nordafrika zurückbringt, und sie finden ihren Niederschlag in seinen Bühnenbildern und Bühnenkostümen. Damals begann ich meine Entwürfe für die Theater in Sankt Petersburg und meine Mitarbeit an der Avantgarde-Kunstzeitschrift Mir Iskusstva. Und mit dieser Zeit beginnt ein erbitterter Kampf für die Kunst, die ich vergöttere, indem ich, als reuiger Sünder, wie ein Besessener die Reinheit, die Unabhängigkeit und die Überlegenheit einer Kunst verteidigte, die sich mit ihrer eigenen Anschauung abfindet, schreibt er später darüber.

In dieser Zeit in Sankt Petersburg entsteht auch sein Bühnen-Konzept: In Russland ist es der Maler, der die Gestaltung des Ballets und des lyrischen Dramas anregt. Er entscheidet den Stil, die bildliche Gesamtlinie, den Grundton der Bühnenbilder, und sogar den Geist der Regie … Die Darsteller, die ich anziehe (denn hier in Russland entwerfen wir sowohl die Bühnenbilder als auch die Kostüme), werden behandelt wie die letzten Pinselstriche eines Gemäldes. Und den Hauptdarstellern habe ich immer den vorherrschenden Farbton des Gemäldes vorbehalten. Deswegen ist es für mich unglaublich schwer, die Änderung auch nur einer Nuance bei einem meiner Hauptdarsteller zuzulassen, weil diese Veränderung sowohl die Farbabfolge als auch meinen vorherrschenden Farbton zerstören würde. 

Zwischen Sankt Petersburg und Paris

Ab 1893 pendelt Bakst zwischen Sankt Peterburg und Paris hin und her. Amouröse Beziehungen spielen dabei eine Rolle,  aber auch das Andenken an seinen Großvater: Der Großvater, ein eigenartiger Mensch, war ein Pariser des Seconde Empire gewesen, ein Weltmann … ein liebenswürdiger Epikureer, ein Mann mit Geschmack in der Art seines Zeitalters, der sich in Sankt Petersburg einen Ruhestand geschaffen hatte, der seinen unvergänglichen Erinnerungen entsprach. So werden Baksts Aufenthalte in der französischen Hauptstadt immer länger und wird Paris allmählich zu seiner zweiten Heimat.

1905 nimmt Bakst mit einigen Werken, erst in Sankt Petersburg und im folgenden Jahr beim Salon d’Automne in Paris, an einer von Djagilew organisierten Ausstellung russischer Malerei teil. Er erregt Aufsehen, als Porträt-Maler, unter anderem mit dem noch ganz konventionellen Ölgemälde Djagilew und seine Gouvernante, als Illustrator und als Bühnenbildner.

Im folgenden Jahr übernimmt er neben seinem künstlerischen Schaffen auch noch die Leitung der Schule Zvantseva in Sankt Petersburg, die sich als freie Kunstschule gegenüber der offiziellen Kunstschule profilieren will. Einer seiner ersten Schüler ist ein junger Maler namens Marc Chagall. Weil dieser nicht das Geld hat, um Schulgebühren zu bezahlen, unterrichtet Bakst ihn umsonst. Und Chagall hat seinen Lehrer nicht vergessen. Er hat sich sichtlich noch von ihm inspirieren lassen, als er 1959 für die Pariser Oper die Bühnenbilder und die Kostüme für eine Neuinszenierung von Daphnis et Chloé entwarf.

Die Ballets Russes

Bühnenentwurf für La Pisanelle

Zu jener Zeit, die man die Belle Époque nannte, um die Wende zum 20. Jahrhundert, gilt Paris weltweit als die brillanteste Hauptstadt Europas. Und es durchlebt eine der kulturell reichsten Perioden seiner Geschichte, die sich kurz vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs mit jenem magisch-glitzernden Feuerwerk der Ballets Russes Djagilews noch ein letztes Mal verschwendet und erlischt. Denn mit ihrem Auftreten im Théâtre du Châtelet und später im Théâtre des Champs Elysées beginnt eines der brillantesten, aber auch eines der umwälzendsten Kapitel der Bühnengeschichte der französischen Hauptstadt.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Impresario Djagilew und seinem künstlerischen Mitarbeiter Bakst ist nicht immer einfach. Beide sind in ihrer Eitelkeit sehr empfindlich. Djagilew kann es nicht ertragen, wenn sich Bakst anderswo verdingt, wie unter anderem für La Pisanelle bei Ida Rubinstein 1913. Bakst ist verletzt und aufgebracht, wenn Djagilew ihm andere Künstler vorzieht, wie beispielsweise Nicolas Roerich im Sacre du Printemps, ebenfalls aus dem Jahr 1913. Es kommt zu wilden Auseinandersetzungen, wie sie damals in Künstlerkreisen gang und gebe sind. Doch sie haben die langjährige Zusammenarbeit, das Streben nach einem gemeinsamen künstlerischen Ziel jahrelang nicht wesentlich beeinträchtigt, selbst in den Momenten, in denen Bakst sich bitter beklagen muss, von seinemMäzen ohne Geld“ oft nicht bezahlt worden zu sein.

Djagilew gelingt es immer wieder meisterhaft, verschiedene Kunstgattungen zu einer selten fruchtbaren Zusammenarbeit zu vereinen. Das Ergebnis ist eine unaufhörlich scheinende Abfolge von Ballett-Kreationen, für die Bakst meist die Bühnenbilder und Kostüme schafft, für die Michel Fokine, Vaslav Nijinsky, Ivan Clustine oder Léonide Massine die Choreografie erfinden und für die Komponisten wie Igor Strawinsky, Nikolaus Rimsky-Korsakow, Modeste Mussorgsky, Claude Debussy, Maurice Ravel  und Richard Strauss die Musik schreiben.

Um nur die bekanntesten zu nennen: Schwelgen die Ballette Cléopâtre, 1909, Schéhérazade und L’Oiseau de feu, 1910, ganz in Orientalismus, so kehrt Bakst nach dem Misserfolg von Dieu bleu 1912 den großen exotischen Produktionen den Rücken, und wendet sich verstärkt, wie seinerzeit schon in Russland, der griechischen Antike zu. So entsteht im Stil sehr einheitlich das Trio Narcisse 1911, L’Après-midi d’un Faune und Daphnis et Chloe, beide 1912.  Kurz vor dem Ersten Weltkrieg kommt 1914 auch noch das Ballett Die Josefslegende im Théâtre de l‘Opéra zur Aufführung, nach einem Text von Hugo von Hofmannsthal und mit der Musik von Richard Strauss.

Während dieser reichen Schaffensperiode greift  Bakst immer wieder auf sein „Bühnenkonzept“ zurück, aber auch auf seine Theorien über die Symbolik und emotionelle Kraft der Farben: Ich habe oft bemerkt, dass jede Farbe des Prismas seine Abstufung hat, die manchmal die Offenheit und die Keuschheit, manchmal die Sinnlichkeit, ja sogar die Bestialität, manchmal den Stolz und manchmal die Verzweiflung ausdrückt. Das kann man durch die verschiedenen Nuancen andeuten. Und das habe ich in Scheherazade versucht. Gegen ein trostloses Grün habe ich ein Blau voller Verzweiflung gestellt, so paradox das auch erscheinen mag. Es gibt Rots, die sind triumphierend und andere, die sind mörderisch. Ein Blau kann die Farbe der Maria Magdalena sein, ein anderes das der Messalina.

1911 zeigen das Musée des Arts Décoratifs in Paris und im folgenden Jahr in London die Fine Arts Society in öffentlichen Ausstellungen Baksts Entwürfe für die Bühne.

Haute couture und Arts décoratifs

Bühnenentwurf für Phaedra

Und wenn Musik oder Tanz oder beides bisweilen wilde Skandale entfachen, wie beim Sacre du Printemps, so begeistern immer wieder der Zauber und die Farbenpracht, ja das Märchenhafte von Baksts Bühnenbildern und Kostümen.

Grüssen Sie Bakst vielmals von mir. Ich bewundere ihn unendlich, denn für mich gibt es nichts Schöneres als Schéhérazade. Marcel Proust, schreibt der Schriftsteller in einem Brief. Und diese Begeisterung geht so weit, dass es nun überall Mode wird, sich einen Salon à la Bakst einzurichten, mit farbenprächtigen Kissen und märchenhaften Wandbespannungen. So sehr, dass die Textilindustrie in den 1920-er Jahren bei Bakst Textilentwürfe in Auftrag gibt und dass er aktiv mit Künstlern der Branche Art Décoratif zusammenarbeitet, wie mit dem Schmuck- und Kunstglashersteller René Lalique.

Auch die Pariser Mode wird durch Baksts Kunst beeinflusst. Seit dem triumphalen Erfolg des Balletts Scheherazade wollen die Pariserinnen plötzlich, und mit ihnen die ganze Welt, orientalisch bekleidet werden. Jean Cocteau schreibt dazu etwas ironisch: Die elegante Damenwelt ist unter das Joch des Bakst geraten. Die Korsetts, die Girlanden, die Puffärmel, die Diademe, der Tüll, die Haarknoten, all das ist verschwunden und wird nun durch Turbane, Federbüsche, persische Tuniken, Halsbänder und all die anderen schrecklichen Verlockungen von 1001 Nacht ersetzt.

Auch im weiteren und heute noch kommt es vor, dass sich die „Hohepriester“ der haute couture, so Karl Lagerfeld, Yves Saint Laurent und andere, immer wieder mal gerne von Bakst haben inspirieren lassen, so wie auch Christian Lacroix bei den Kostümentwürfen zu einer Neuproduktion von Scheherazade an der Pariser Oper im Jahre 2011.

Kriegs- und Nachkriegszeit

Während und nach dem Ersten Weltkrieg versucht Bakst, seine Bühnentätigkeit fortzusetzen. Er ist dazu gezwungen, denn der Krieg und die Revolution in Russland haben ihn von seiner Heimat abgeschnitten, und er hat sonst keine Einkünfte. Doch bekommt er verstärkt die Konkurrenz einer neuen Avantgarde – Picasso, Derain, Matisse – zu spüren. Er wechselt noch einmal den Stil. So sind La Belle au bois dormant für Anna Pavlova 1916 und Le donne de buon umore nach Goldoni 1917 für die Ballets Russes eher von den Meistern des italienischen 17. und 18. Jahrhunderts inspiriert. Nach einem völligen Fehlschlag von La belle au bois dormant 1921 im Alhambra Theatre in London kommt es zum endgültigen Bruch mit Djagilew und den Ballets Russes.

Drei Jahre später, am 27. Dezember 1924, stirbt Léon Bakst. Pablo Picasso, Ida Rubinstein, Jean Cocteau, Serge Prokofiew und viele andere begleiten seinen Sarg zum Friedhof von Batignolles in Paris.

Als Marc Chagall von seinem Tod erfährt, schreibt er: Ich bin unglücklich über den Tod meines ersten und unvergesslichen Lehrmeisters, Lev Samoïlovich Bakst, dem ich so viel verdanke. Du sehr Teurer, ich weiß, dass Du mich geliebt hast. In meinem Herzen wird eine ewige Liebe für Dich wohnen. Marc Chagall, Paris, 1924.

Die Opéra de Paris, die Bibliotheque Nationale de France und das Verlagshaus Alban Michel haben 2016/17 in einer Ausstellung im Palais Garnier zu seinem 150. Geburtstag Werke von Léon Bakst gezeigt.

Alexander Jordis-Lohausen

Hier gibt es noch einige Eindrücke von den Kostümentwürfen Baksts.