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Hintergründe

Mit allen Grüßen

Die Bayreuther Festspiele vor Ort fallen in diesem Jahr aus. Deshalb hat der Richard-Wagner-Verband Nürnberg zu einem Festvortrag über das Verhältnis von Richard Wagner zu König Ludwig II. eingeladen, der am Vorabend der ursprünglich geplanten Eröffnung der diesjährigen Festspiele stattfand. Festredner Frank Piontek konnte auch mit neuen Erkenntnissen aufwarten.

Frank Piontek – Foto © O-Ton

Ende Juli ist Festspielzeit, und für viele Wagnerianer ist der 25. Juli eines jeden Jahres ein fixer Termin im Kalender, denn dann beginnen traditionell in Bayreuth die jährlichen Richard-Wagner-Festspiele. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Aufgrund der Corona-Pandemie wurden die diesjährigen Festspiele schon vor geraumer Zeit abgesagt, die Neuinszenierung des Ring des Nibelungen ist ins kommende Jahr verschoben. Ein Novum seit der Wiederaufnahme der Bayreuther Festspiele im Jahre 1951. Zudem musste die Leiterin der Festspiele, Katharina Wagner, ihr Amt aus gesundheitlichen Gründen für unbestimmte Zeit niederlegen. Keine schöne Perspektive für die Freunde des Bayreuther Meisters, auch wenn es am 25. Juli als kleines Gedenken ein Kammerkonzert im Haus Wahnfried gab, ohne Zuschauer, nur ein kleines Orchester unter der Leitung von Christian Thielemann. Es erklangen unter anderem das Siegfried-Idyll und die Wesendonck-Lieder, berührend vorgetragen von Camilla Nylund, die eigentlich zu dieser Zeit im Festspielhaus in den Meistersingern von Nürnberg die Eva hätte singen sollen. Etwa 400 Zuschauer durften im Garten des Haus Wahnfried auf Leinwänden dem Konzert folgen, und der Bayerische Rundfunk übertrug es live auf seinem Klassiksender. Ansonsten gibt es Wagner während der Festspielzeit fast nur aus der Konserve.

Dass das etwas wenig ist, fand Agnes Simona Sires, Vorsitzende des Richard-Wagner-Verbandes Nürnberg und lud am Vorabend des offiziellen Beginns der Bayreuther Festspiele zu einem Festvortrag anlässlich des 175. Geburtstages des Bayerischen Königs Ludwig II. Hintergrund zu diesem Vortrag war die Überlegung, dass man auch einmal daran denken könne, dass ohne die zukunftsweisende Entscheidung König Ludwigs II., die Festspiele zu fördern und sie gleich zweimal auch durch seine finanziellen Zuwendungen zu retten, es die Richard-Wagner-Festspiele nicht gegeben hätte. Um diese Fakten zu erläutern und das komplexe Verhältnis des Komponisten zu seinem König zu beleuchten, hat Agnes Simona Sires den Bayreuther Autor und kreativen Künstler Frank Piontek gebeten, den Festvortrag zu halten. Piontek, der zuletzt auch einen Band mit fast allen Gedichten von Richard Wagner veröffentlicht hatte, ist für seine tiefgehenden Recherchen und das Auffinden unbekannter Dokumente von und über Richard Wagner bekannt. Und so war der Richtige gefunden, das komplexe Verhältnis des bayerischen „Märchenkönigs“ und des über dreißig Jahre älteren exzentrischen Komponisten aus Leipzig zu beleuchten.

Schwärmereien eines Königs

Agnes Simona Sires – Foto © privat

„Mit allen Grüssen grüss‘ ich meinen König an diesem Wonnentage!“ ist der Vortrag übertitelt, und mit tiefsinnigem Humor, aber auch mit vielen Fakten räumt Piontek mit gängigen Klischees auf. So hat entgegen aller Meinung König Ludwig die finanzielle Unterstützung Richard Wagners und der Festspiele größtenteils aus seiner Privatschatulle bezahlt und nicht aus öffentlichen Geldern, das belegen neueste wissenschaftliche Erkenntnisse.

Sämtliche Zuwendungen kamen aus Mitteln der königlichen Zivilliste. Insgesamt erhält Wagner in den 19 Jahren dieser Freundschaft von Ludwig etwa 562.000 Mark, Gehälter, Mieten, Geld- und Sachgeschenke eingeschlossen, einschließlich der 75.000 Mark für den Bau des Hauses Wahnfried in Bayreuth. Der Gesamtbetrag macht noch nicht mal ein Siebtel des Jahresetats dieser Zivilliste aus. Allein das Schlafzimmer auf Herrenchiemsee kostete den König etwa 652.000 Mark und war damit 90.000 Mark teurer als sämtliche Aufwendungen des Königs für Richard Wagner in 19 Jahren.

Tatsache ist aber auch, dass Wagner in seinen Geldforderungen an Ludwig nicht gerade bescheiden war und dass er seine Münchner Gegner nicht nur mit seiner Verschwendungssucht provozierte. Bedenklich war der Betrug am König, den Wagner und Cosima begingen, als sie ihn veranlassten, sich in einem Brief für die Ehre der Frau von Bülow einzusetzen, als die schon eine Tochter Wagners geboren hatte und mit der zweiten Tochter schwanger war.  Diese Szene ist eindrucksvoll in Luchino Viscontis Filmepos über Ludwig II. von 1972 mit Helmut Berger in der Titelrolle dargestellt und wird von Piontek an passender Stelle in seinen Vortrag eingebaut. Ein Ausschnitt aus dem gleichnamigen Film von Helmut Käutner aus dem Jahre 1955 mit O.W. Fischer in der Titelrolle und Ruth Leuwerick als Kaiserin Elisabeth zeigt die Ergriffenheit des Königs bei einer Tristan-Aufführung und seine Todessehnsucht am Starnberger See, quasi als Hinweis auf das spätere unglückliche Ende des Königs.

Ist das Verhältnis des jungen Königs zu Wagner anfangs schwärmerisch verklärt und lebt er in einer Traumwelt, in der er sich als „Lohengrin“ sieht, wird es im Laufe der Zeit immer schwieriger, auch bedingt durch das komplizierte Privatleben Wagners in seiner Beziehung zu Cosima Bülow, die noch mit Wagners wichtigstem Dirigenten Hans von Bülow verheiratet war.

Der umfangreiche überlieferte Schriftverkehr zwischen diesen beiden Schwärmern war anfangs von einer extremen Überschwänglichkeit und einer schwülstigen Sprache geprägt. So schrieb Wagner dem „Königlichen Freunde“ im Sommer 1864:  “O, König! Holder Schirmherr meines Lebens! Du, höchster Güte wonnereicher Hort!“  Und Ludwig schreibt nach der Uraufführung des Tristan am 10. Juni 1865 in München an Wagner: „Einziger – Heiliger! – Wie wonnevoll! – Vollkommen. So angegriffen von Entzücken! – … Ertrinken … versinken – unbewußt – höchste Lust.- Göttliches Werk! – Ewig treu – bis über den Tod hinaus!“

Die gegenseitigen ekstatischen Bekundungen, bei denen Homophilie allenfalls beim König und wohl nur unbewusst mitspielt, sind in den ersten Jahren zweifellos ehrlich. Die Hybris ihrer Formulierungen entspricht dabei durchaus der Hybris ihrer Persönlichkeiten: Jeder ist für den anderen ein Wunder. Doch es folgen Täuschungen und menschliche Enttäuschungen auf beiden Seiten.

Wunder halten nicht ewig

Entgegen dem Willen des Komponisten lässt König Ludwig II. Das Rheingold und die Walküre in München uraufführen. Das führte zum endgültigen Bruch der Freundschaft, und Wagner trieb seine Pläne für die Errichtung des Festspielhauses in Bayreuth voran, abseits der ursprünglichen Pläne, dieses Haus in München zu bauen.

Mit dem Gedicht Rheingold drückt Wagner deutlich seine Missbilligung darüber aus, dass Ludwig die Werke gegen seinen Willen in München uraufführen ließ.

Rheingold

Spielt nur, ihr Nebelzwerge, mit dem Ringe,                                                                                

wohl dien’ er euch zu eurer Thorheit Sold;

doch habet Acht: euch wird der Reif zur Schlinge;

ihr kennt den Fluch: seht, ob er Schächern hold!

Der Fluch, er will, dass nie das Werk gelinge,

als dem, der furchtlos wahrt des Rheines Gold;

doch euer ängstlich Spiel mit Leim und Pappe

bedeckt gar bald des Niblung’s Nebelkappe!    

Als Fazit dieses profunden und detaillierten Vortrages über die ungewöhnliche Freundschaft  zweier ungewöhnlicher Menschen ist festzuhalten, dass ohne diese Begegnung die Meistersinger von Nürnberg und der Ring des Nibelungen vielleicht nicht vollendet, der Parsifal wahrscheinlich nicht geschrieben worden und die Bayreuther Festspiele nicht zustande gekommen wären. Und Piontek schafft es mit seinem Vortrag, für eine gute Stunde wieder in die etwas verrückte Welt Richard Wagners einzutauchen.

Und er erinnert dabei auch an den Huldigungsmarsch, den Wagner als Morgengabe und Geburtstagsständchen für König Ludwig II. zu dessen 19. Geburtstag am 25. August 1864 schrieb. Eine erste Aufführung in Anwesenheit des Königs fand jedoch erst am 5. Oktober in München statt. Der Huldigungsmarsch trägt die typische Wagnersche Handschrift. Er selbst schreibt zu seinem Stück, er habe etwas „aus Lohengrin und Tannhäuser und vielleicht was Neues“ komponiert. Auf Ludwig II. scheint die Aufführung keinen nachhaltigen Eindruck gemacht zu haben, denn es sind keine nennenswerten Äußerungen des Königs über das Werk überliefert. Von diesem Marsch für großes Blasorchester, der heutzutage selten aufgeführt wird, gibt es eine Klavierbearbeitung von Hans von Bülow. Und dieses Werk führt zum Abschluss des Vortrages Edita Hakobyan, Stipendiatin des Richard-Wagner-Verbandes Nürnberg, am Flügel auf. Kraftvoll und majestätisch gestaltet sie diesen Huldigungsmarsch, der an diesem Vorabend der nicht stattfindenden Festspiele in Bayreuth nicht nur dem König Ludwig II, sondern vor allem Richard Wagner und seinem Gesamtkunstwerk gewidmet ist.

Andreas H. Hölscher