O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

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Hintergründe

Machen, was geht

Zur Unterstreichung der programmatischen Leitidee vom „Kampf um die Zukunft“ wurde beim 50. Moers-Festival auf Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451 angespielt. Zwar etwas vage, da die vielen Tanzeinlagen und Videoeinspielungen in erster Linie als stimmungsvolle, manchmal hypnotisch verdichtende Untermalungen die Meinung im Publikum polarisierten. Aber der literarische Klassiker steht immerhin als Requisit in der Gegend herum und zwischen den Konzerten wurden bedeutungsschwere Textpassagen aus dem Off zitiert.

Jessica Martin Maresco – Foto © O-Ton

Man erinnere sich: Es geht in diesem Klassiker um eine nicht so ferne Zukunft, in der die Welt „sicher“ geworden ist. So sicher, dass die Feuerwehr in ihrem bisherigen Tätigkeitsfeld arbeitslos geworden ist und nun ausrückt, um Bücher zu verbrennen. Denn der zwischen zwei Buchdeckeln konservierte freie Geist bedrohe nun einmal die „Sicherheit.“ Die daraus abgeleiteten Einspielungen und Anspielungen in Gestalt szenischer Elemente und surrealer Videoeinspielungen hätten durchaus etwas weniger vage ausfallen können – aber sie unterstrichen dennoch, was alles beim 50. Moers-Festival zum Kämpfen animieren und Hoffnungen wecken sollte.

Sozusagen in allerletzter Minute hatten sich Lichtblicke für Tim Isfort, Geschäftsführerin Helene Lischka und das ganze weitere Planungsteam aufgetan. Die neuen Pandemie-Verordnungen erlauben zwar kein Publikumsfestival, wohl aber Freiluftkonzerte. Also machen, was geht! Mit Unterstützung der Stadt Moers wurden kurzfristig vier unabhängige Sonderkonzerte auf die Beine gestellt, die „zufällig zeitgleich mit dem analogen online-Event des Moers-Festivals in der Festivalhalle“ stattfanden. Für Isfort war diese der geglückte „letzte Versuch der Unterwanderung der abenteuerlichen Regelungen“. Hinzu kam, dass ein Großteil des geplanten Line-ups kurzfristig noch gerettet werden konnte, da das Bundeskulturministerium für zügige Einreise-Bewilligungen gesorgt hatte. Es ist nicht alles nur schlecht, was aus der Politik kommt.

Endlich wieder live und draußen braucht es eine gewisse Anlaufzeit, damit sich Musik und Publikum näherkommen. Aber regendicht eingepackt, halten bis zu 500 Musikbegeisterte durch. Melancholisch flutet Hans Gratkowskis Saxofon in der frei improvisierenden Band The Resonators – und auch die Gitarre stimmt in Klagegesänge ein. Ein leiser Kommentar zu den Menschen und ihrer Kultur, der es seit vierzehn Monaten gar nicht gut geht? Der Videostream dazwischen versucht zumindest, etwas Frohsinn zu verbreiten, wie er per Greenscreen die Tristesse mit einer bunten Männchenschar und virtuellem Blumenregen aufheiterte. Spätestens beim erregenden Auftritt der ugandischen Afro-Elektronik-Formation Nihiloxica ist der Schalter umgelegt. Das taugte als beste Basis für das wohl kostbarste Gastspiel bei der 50. Festival-Ausgabe – einem Konzert der äthiopischen Band Fendika: Das ostafrikanische Land, das Isfort gerne in diesem Jahr noch viel umfassender in Moers präsentiert hätte, ist gleich in mehrerlei Hinsicht eine Wiege der menschlichen Kultur – und hat mit seiner extrem geerdeten pentatonischen und repetitiven Musik gewissermaßen einen archaischen Prototypen für alle Rockmusik geliefert. Als sich dann schließlich das niederländische Schlagzeug-Urgestein Haan Bennink mit ganzer Spiellust einklinkte, konnte man nur noch ausrufen „Das ist Moers!“ und spätestens da schmerzte es, so etwas nur vorm heimischen Flachbildfernseher zu verfolgen.

Alleinstellungsmerkmal ist die Vielschichtigkeit

Brad Mehldau – Foto © O-Ton

Diskussionen über „Höhepunkte“ laufen in Moers regelmäßig ins Leere – und das soll so sein. Alleinstellungsmerkmal ist die Vielschichtigkeit. Die 50. Ausgabe glänzte durchweg mit bestechendem künstlerischem Niveau. Als große Namen rückten John Scofield und Brad Mehldau an – beide streichelten die Seelen durch sanfte Anleihen an große Hymnen der Popgeschichte, durch verfeinerte Improvisationskunst voll suggestiver Kraft und wurden dafür mit viel Wärme dankbar gefeiert. Für manche mögen die zupackend-energetischen Interaktionen des Sylvie-Courvoisier-Klaviertrios das tiefste Innere getroffen haben, allein weil gerade Sylvie Courvoisier und ein strahlend euphorischer Joey Baron am Schlagzeug sich von der Energie mit „echtem“ Live-Publikum hörbar anstecken ließen. Andere hatten womöglich ihre Sternstunde in den vielen exquisiten Klang-Offenbarungen in der Festivalhalle, etwa bei der faszinierenden Minimal Music eines Julius Eastman – oder in der spektakulär verfeinerten Musique Concrete seitens des großbesetzten Orchestra of New Musical Creations and Experimentations aus Frankreich, dessen zweites Stück in einem einzigen, sich aufbauenden, klanglich subtil modulierenden Ton bestand. Auch spieltechnisch eine unfassbare Leistung. Die Fähigkeit, so viel Disparates zu einem Gesamtbild zu integrieren, ist das Resultat jenes Bildungsauftrages, den das Moers-Festival nun schon über 50 Festivalausgaben kontinuierlich erfüllt.

Einem aufrührerischen, kreativen Lebensgefühl seinen Sound geben – das wollte schon im Jahr 1972 Peter Brötzmann, wenn er im Schlosshof seine ungezähmten Luftströme ins Saxofon entließ. Junge Menschen aus vielen Subkulturen der Avantgarde setzen dem heute ihre neuen, eigenen und viel ausdifferenzierteren Spielarten entgegen: Die brachialen, auch elektronisch manipulierten Stimmattacken der Britin Elvin Brandhi versetzen wohl so manchen Spaziergänger außerhalb des Freiluft-Konzertgeländes in Angst und Schrecken – aber ihr improvisierter Dialog mit dem Bassisten Joel Grip verzaubert trotz aller Dissonanz durch seine rohe, zugleich tief menschliche Unmittelbarkeit.

Das Genormte und Weichgespülte ist etwas für Menschen, die mit blühender Fantasie nichts anfangen können. Und Viervierteltakt und Durtonleitern eben für jene, über die noch nicht die schrille Extrem-Performance des französischen Progrock-Avantgarde-Oktetts Le Grand Sbam kam. Ausgesprochen kunstvoll ist deren Strudel aus bizarren Metren und Tonskalen, exaltierten Gesangsparts in einer nicht existenten Fantasiesprache. Auch bei diesem aktuellen Projekt der Franzosen stand ein dystopischer Roman Pate. Auch hier hinter steht wieder eine reiche Tradition aus der französischen Underground-Musikkultur, die ohne „Moers“ wohl den meisten Menschen für immer verborgen bliebe. Ebenso stahl Sbam dem eigentlichen Finale, der routiniert-kultivierten Gitarren-Noise-Begegnung von Fred Frith, Ava Mendzoa und Orem Ambarchi locker die Show.

Das Festivalplakat ist eines der vielen aufschlussreichen Bilddokumente aus ferner Zeit: Es zeigt ein Paar bei einer innigen Umarmung, ein Zufalls-Schnappschuss irgendwann aus den frühen 1970-ern. In Zeiten von Maskenzwang sogar im Freien, Abstandsgeboten, komplizierten Einlassregeln, Alkoholverboten und so weiter wirkt diese harmlose Momentaufnahme wie ein Relikt aus einer fernen Galaxis. Bizarr genug ist, dass sich das in diesen Tagen so anfühlt. Nein, wir wollen keine „neue Normalität“!

„Im nächsten Jahr wird es wieder wie 1972!“ hatte Jan Klare, Kurator der Moers-Sessions, seinem Publikum zugerufen. Mit dem neuen Freiluftareal im Park als hervorragende Ergänzung zur Festivalhalle steht schon mal eine hervorragende Infrastruktur bereit, in der im nächsten Jahr „auch das Moers-Festival“ stattfinden darf.

Stefan Pieper