O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz - Foto © Felix Broede

Hintergründe

Neue Ideen braucht die Kultur

Ein Ende der Auftrittsverbote ist nicht in Sicht. Deshalb ist das Gebot der Stunde für die Kulturarbeiter, abseits der Bühnen sichtbar zu bleiben. Einige Unentwegte bleiben dabei, abgefilmte Aufführungen ins Internet zu stellen. Aber allmählich tauchen immer mehr Versuche auf, sich mit dem „neuen Medium“ Internet auseinanderzusetzen. Ein Beispiel dafür ist die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, die gerade über einen Ideenwettbewerb mit ihrem Publikum in Dialog treten möchte.

Beat Fehlmann – Foto © Francesco Futterer

Das „Projekt Testing“ dauerte genau eine Aufführung lang. 1.000 Besucher bei den Berliner Philharmonikern für einen Abend. Dann war wieder Feierabend. Geplant waren sieben Veranstaltungen in Berlin, um zu untersuchen, unter welchen Bedingungen Kultur wieder vor Publikum stattfinden kann, ehe der Senat das Projekt „vorläufig“ wieder unterbrach. Derweil trudeln in den Redaktionen wieder die Absagen von Aufführungen ein. Keine Überraschung. Jeder, der die unsäglichen Versuche der Regierungen in Deutschland einigermaßen aufmerksam verfolgt, die Pandemie in den Griff zu bekommen, konnte voraussagen, dass es im April keine Aufführungen geben würde. Und es ist auch kein Kunststück zu prognostizieren, dass der Ministerpräsidenten-Klub um Bundeskanzlerin Merkel auch im Mai vor Publikum praktizierte Kultur untersagen wird.

Inzwischen hat wohl auch der letzte Kulturarbeiter begriffen, dass es in den nächsten Monaten keine Aufführungen geben wird. Ginge es nach der Bundeskanzlerin, träte wohl der schlimmste aller anzunehmenden Fälle ein, dass bis zum Ende ihrer Amtszeit keine Aufführungen stattfinden werden. Das ist im September. Und so verlegen viele Veranstalter ihre Aufführungen bereits in den November. Letzte Hoffnungen beziehen sich auf die Open-Air-Zeit im Sommer. Das wird man sehen. Wer also jetzt nicht im Nirwana der Bedeutungslosigkeit verschwinden will, hat als Kulturinstitution wie als Einzelkünstler nur eine ernsthafte Möglichkeit: Sich irgendwie im Internet bemerkbar zu machen. Und während die einen immer noch an den ihnen bekannten Strukturen festhalten, um beispielsweise Aufführungen auf der Bühne abzufilmen und sie als Stream im Internet zu zeigen, fangen immer mehr Kulturarbeiter an, sich mit den Möglichkeiten des „neuen Mediums“ Internet auseinanderzusetzen. Seit 1995 ist das Internet für das allgemeine Publikum zugänglich. Seit diesem Zeitpunkt haben sich Konzertveranstalter, Theaterbetreiber und Opernintendanten hartnäckig geweigert, diese neue Welt zur Kenntnis zu nehmen. Immerhin entdeckten viele von ihnen es im neuen Jahrtausend allmählich als Marketing-Instrument. Was sich heute als Hindernis erweist, weil viele Kulturarbeiter sich bis jetzt nicht vorstellen können, sich mit dem Medium künstlerisch zu beschäftigen.

Seit dem zweiten Lockdown ändert sich das allmählich. Die Aufholjagd beginnt. Denn von Ausnahmen abgesehen, sind Bühnen seit über einem Jahr unsichtbar geworden. Und damit verschwinden sie auch immer schneller aus dem „relevant set“, also der bewussten Wahrnehmung und geistigen Auseinandersetzung der Zuschauer. Das Internet bleibt also die einzig realistische Verbindung zum Publikum. Immer häufiger gibt es nun mehr oder minder gelungene Versuche von Kulturveranstaltern, medienadäquate Angebote im Internet bereitzustellen.

Ein Beispiel dafür ist die Philharmazie der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Das Orchester wurde vor mehr als hundert Jahren ohne feste Heimat gegründet und hatte immer den Auftrag, die Fläche zu bedienen. Das hat den Begriff des Zugvogels geprägt. Und „selbstverständlich“ ist auch mit dieser reisenden Orchestertätigkeit seit vergangenem Jahr Schluss. Auf der Website des Orchesters finden sich die üblichen Angebote von Konzertaktivitäten, die als Stream gezeigt werden. Aber es taucht eben auch der Begriff der Philharmazie auf. Dahinter verbirgt sich ein Angebot, das die Philharmoniker gemeinsam mit der Agentur No-te entwickelt haben. Es geht jetzt nicht mehr darum, die großartigen Fähigkeiten des Orchesters zu demonstrieren, sondern vielmehr um den Versuch, mit dem Publikum in einen Dialog zu treten. Die Idee ist wahrhaftig nicht neu. Immer wieder war in der Vergangenheit die Rede davon, neue Konzertformate zu erfinden, das Publikum in die Programmierung einzubeziehen – Partizipation nennt man das in der Fachsprache – und Konzerte zu „demokratisieren“. All das geschah ausgesprochen halbherzig. Und darüber darf man auch froh sein. Das Publikum wird immer für das Altbekannte votieren, wie ein Versuch von WDR 3 einmal mehr eindrucksvoll demonstrierte. Die Klassik-Welle des Westdeutschen Rundfunks forderte ihr Publikum auf, 99 Stücke zu nominieren, die anschließend an drei Tagen im Radio gespielt wurden und seitdem auf der Welle rauf- und runtergedudelt werden. Neues gab es nicht zu hören.

Die Zukunft heute planen

Stefan Kölsch – Foto © Niels Westra

Die Staatsphilharmonie geht einen etwas anderen Weg. Auf einer eigenen Seite ruft das Orchester zu einem Ideenwettbewerb auf. Und es geht nicht darum, die „Lieblingsstücke“ zu benennen, sondern sich zum Thema „Musik und Gesundheit“ zu äußern. Ziel ist es nach Angaben des Orchesters, „innovative Erkenntnisse darüber zu gewinnen“, wie das Publikum Musik zur Gesundheitsförderung nutzt, um „zum Beispiel Schlüsse für neue Formate oder Ideen für Programme zu ziehen“. Ein guter Ansatz. Da darf man sich als Besucher der Seite nicht davon abschrecken lassen, dass das Orchester sich auf die Termini technici der Agentur eingelassen hat. Getrost kann man über Begriffe wie open innovation, gravity oder creative community hinweglesen, ohne etwas zu verpassen. Auch wenn die Agentur behauptet, man könne auf solche anglistischen Begriffe nicht verzichten, weil das Verfahren aus Amerika stamme und eine sinnvolle Übersetzung nicht möglich sei, sind sie komplett überflüssig. Für den Besucher ist wichtig, dass er sich hier mit seinen Ideen zu verschiedenen Themen einbringen kann. Beispiele gibt das Orchester vor. Wie geht man mit Liebeskummer um? Was kann Musik gegen Angst unternehmen? Wie ist es mit Stress, Schlafstörung, Sehnsucht, Gedächtnis- und Konzentrationsschwäche, fehlende Motivation oder gar Einsamkeit? Zu diesen Themen darf der Besucher sich äußern. Dazu gibt es auf der Seite Videos, die Anregungen geben. Das ist schön gemacht. Und wird vermutlich nicht nur Besucher aus Rheinland-Pfalz animieren. „Im Verlauf dieser Pandemie wurde immer wieder darüber diskutiert, welche wirtschaftlichen Auswirkungen die Krise haben wird. Wenig wurde aber darüber gesprochen, welchen Einfluss die ganzen Maßnahmen auf unsere psychische Gesundheit haben könnten. In dieser belastenden Zeit übernimmt die Musik eine wichtige Rolle, weswegen es vor allem auch für unsere Gesundheit wichtig ist, dass Musik nicht verschwindet. Der Ideenwettbewerb scheint mir eine schöne Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit, der hoffentlich viele Menschen zur Teilnahme bewegt. Ich freue mich sehr auf die Erfahrungen der mitwirkenden Personen und möchte daraus konkrete Umsetzungen für das Orchester ziehen.“, führt Beat Fehlmann, Intendant der Staatsphilharmonie, die Motivation für das Projekt weiter aus. Dabei ist dem Orchester wichtig, dass die Besucher sich nicht auf ein bestimmtes Genre festlegen. „Bei mir persönlich ist es so, dass die Musik von Bach als Ermutigung am besten funktioniert. Aber auch Eye of the Tiger ist so ein Stück, das sehr, sehr gut funktioniert. Das kennt fast jeder und ist wirklich eine Art ultimativer Mut-Song. Bei mir funktioniert zum Beispiel auch Jazzmusik. Da mag ich besonders Wynton Marsalis“, sagt Stefan Kölsch, Psychologe und Neurowissenschaftler, der die Aktion unterstützt.

Um das Publikum zu motivieren, den Dialog voranzutreiben, gibt es, wie es sich für einen Wettbewerb gehört, auch Preise zu gewinnen. Die Einreichphase endet am 24. April. Die Preisverleihung ist für den 26. Mai geplant. Dass die Agentur Erfolg hat, zeigt sich in einem weiteren Projekt, das bei der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford Anfang Mai starten wird. Da geht es dann um die Fragen: Wie stellen Sie sich das Orchester der Zukunft vor? Welche Sicherheitsaspekte spielen eine Rolle, welcher besondere Service, welche sozialen Interaktionen? Fragen, die das Publikum mit Sicherheit in Zukunft beschäftigen wird. Die Aktion, die die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz losgetreten hat, zeigt, dass das Internet noch ganz andere Möglichkeiten in der Auseinandersetzung mit dem Publikum bietet. Auch wenn Orchester, Ensembles und Einzelkünstler wieder auf den Bühnen stehen, wird das Internet als zusätzliches Medium in der künstlerischen Auseinandersetzung nicht mehr wegzudenken sein.

Michael S. Zerban