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Mit Leidenschaft erklärt

Musikvideos des Chefdirigenten des Royal Opera House London, Antonio Pappano, auf der Facebook-Seite des Opernhauses, die kein Opernliebhaber missen darf. Ein Konzept aus der Corona-Not, das für die Zukunft ein dauerhafter Beitrag für die Intensivierung der Kommunikation mit dem Publikum werden muss.

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Auch das Royal Opera House in London ist geschlossen. Wie bei vielen großen Häusern gibt es Streaming-Angebote kompletter Opern- und Ballett-Produktionen aus den vergangenen Jahren, die auf der Webseite abgerufen werden können.

Etwas ganz Besonderes wird – etwas versteckt – auf der Facebook-Seite der Royal Opera geboten. Hier präsentiert sich der musikalische Leiter Antonio Pappano persönlich in englischer Sprache aus seiner Privatwohnung am Flügel mit Szenen und Arien aus Opern, die ihm besonders am Herzen liegen. Mittlerweile ist daraus eine kleine Serie mit sieben Episoden geworden, die man alle noch abrufen kann.

Pappano, als Sohn eines italienisches Gesangslehrers bei London geboren, ist in den USA aufgewachsen und studierte Klavier, Komposition sowie Dirigieren. Nach Assistenz bei Daniel Barenboim bei den Bayreuther Festspielen sowie Aufgaben an diversen europäischen Opernhäusern ist er seit 2002 Chefdirigent des Londoner Hauses und außerdem seit 2005 Chef des Orchestra dell‘Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom, das er wieder zu einem der führenden Klangkörper Italiens geformt hat.  Er ist heute einer der bedeutenden, vielfach ausgezeichneten Dirigenten seiner Generation mit Schwerpunkt auf der italienischen Oper.

Die kleine Serie ist nicht ohne Anspruch: Die erste Episode widmet sich dem Duett von Vater Germont und Violetta aus Verdis La Traviata. Wir hören einige einleitende Sätze zur Bedeutung des Werkes in Verdis Schaffen, um anschließend schnell, kurz und präzise in das Geschehen eingeführt zu werden. Wir erleben die angespannte, und emotional erdrückende Zwangslage Violettas im zweiten Akt. Der Vater ihres geliebten Alfredo zwingt ihr das Versprechen ab, seinen Sohn zu verlassen, um dem gesellschaftlichen Ansehen der Familie und dem Eheglück seiner Tochter – Alfredos Schwester – durch Violettas Vergangenheit als Kurtisane nicht im Wege zu stehen.

Und dann passiert es zum ersten Mal: Das Geschehen, die Ausweglosigkeit der Situation, Violettas Leiden werden übergangslos durch leidenschaftliche Gestik, Sprache, Weinen, Summen und Singen Pappanos vermittelt, nicht ohne auch auf die kompositorische Struktur und die Bedeutung von Dissonanzen als Treiber der tonalen und musikalischen Entwicklung hinzuweisen.

Mit klarer, verständlicher und zwingender Einfachheit verbinden sich Erklärung, Musik und Gesang. Das Leiden der Protagonistin springt über in die die einzig adäquate, universelle menschliche Ausdrucksform in dieser Extremsituation: den Gesang. Wir erleben die Ur-Definition für die Notwendigkeit des Singens. Der Expressivität dieses Vortrags kann sich kein Hörer entziehen.

Das Thema der zweiten Episode könnte konträrer nicht sein. Pappano widmet sich in der Osterwoche dem Vorspiel zum ersten Akt von Wagners Parsifal. Es werden die Symbole des Bühnenweihfestspiels erläutert, die Themen von Schuld, Mitleid, Sühne und Hoffnung aufgegriffen. Ohne die Handlung im Detail darzulegen, wird über die Symbolelemente des Inhalts, die Entwicklung der Tonalität sowie die Bedeutung dissonanter Strukturelemente der Partitur der Kern der Wagnerschen Aussage vermittelt. Die metaphysische Dimension des Parsifal kann zu stunden-, wenn nicht tagelangen Exegesen verleiten. Bei Pappano gelingt eine zwingende und menschlich berührende Begegnung mit dem Kern des Gehalts in vierzehn Minuten.

Stilistisch wieder ein anderes Thema: Die vierte Folge wendet sich Englands großem Komponisten Benjamin Britten zu. Pappano spricht über das erste von vier Sea Interludes, den Orchesterüberleitungen aus der Oper Peter Grimes. Die Titelfigur ist die See, und die See ist Peter Grimes. Wir hören über die Unendlichkeit, die Einsamkeit – lonely piece of music – die Gischt, die Gefahr und die raue Heimat des Meeres. Die Begegnung mit der literarischen Vorlage noch während Brittens Aufenthalt im Zweiten Weltkrieg in Kalifornien ließ in ihm die Überzeugung und die Sehnsucht wachsen, in seine Heimat Suffolk in Südengland zurückzukehren und seine erste Oper zu komponieren.

Weitere Episoden greifen die erste Lucia-Arie aus Donizettis Meisterwerk auf, das Duett Norma – Adalgisa aus Bellinis Oper und fragt schließlich: Wie funktioniert Mascagnis Cavalleria Rusticana?

Den herzzerreißenden Höhepunkt bildet das Erlebnis der veristischen Oper mit Leoncavallos Pagliacci in der siebten Episode:  Canio, Chef einer durch das Land ziehenden Theatergruppe wird von seiner Frau Nedda betrogen. In der Einsamkeit seines unendlichen Schmerzes schminkt er sich für die bevorstehende Aufführung, in der er bei allem Zynismus des Schicksals wie immer den Clown geben muss. Allein mit sich und dem Publikum versinkt er in tiefste Verzweiflung vor der sich schicksalhaft entfaltenden Katastrophe. Es folgt eine der ergreifendsten Verismo-Arien der Literatur: Vesti la giubba. Wieder arbeitet Pappano mit Worten, Gestik, Summen, volltönendem Klavierspiel und schließlich Gesang. Wir durchleiden die todgeweihte Verzweiflung der menschlichen Seele. Und wieder wird der tiefste Grund des Menschen, sich und sein Innerstes über Gesang ausdrücken zu müssen, offenbart.

Pappano bekennt: Oper ist mein Leben. In den Beiträgen seiner Hausmusik stellt er das mit jeder Faser seiner Persönlichkeit unter Beweis. Ohne die universale Prägung als Pianist, Komponist und Dirigent sowie seinen ausgeprägten rhetorischen Fähigkeiten wäre eine so berührend-menschliche, zugleich sprachlich einfache, barrierefreie Ansprache des Hörers nicht möglich. Die Serie ist ein Glücksfall in den erzwungenen, mitunter bleiernen Opern-Digitalwelten dieser unwirklichen Tage.

Die Royal Opera und auch andere Häuser tun gut daran, ihre sprachgewandten Repräsentanten in dieser herausragenden Weise digital und physisch Brücken zum Publikum schlagen zu lassen. Die Fortsetzung sollte zur neuen Normalität gehören, wenn das Publikum in Zukunft dieser Botschaft und dem Ruf auch unmittelbar wieder ins Theater folgen kann.

Achim Dombrowski