O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © O-Ton

Hintergründe

Die Musik sehen

Derzeit läuft in Leipzig das Festival Wagner22. Grund, die Musik zu visualisieren. Zum Beispiel, indem man Plakate längst vergangener Aufführungen zeigt. Rund 150 grafische Erzeugnisse kann man sich derzeit an der Alten Nikolaischule anschauen, die Schule, die schon Richard Wagner besucht hat und die heute ein Restaurant beherbergt. Für die einen schöne Erinnerungen, für die anderen ein Ausbund an Interpretationsmöglichkeiten.

„Richard Wagner und der Schwan“ ist Bestandteil der Dauerausstellung in der Nikolaischule – Foto © O-Ton

Im Rahmen des Festivals Wagner22 an der Oper Leipzig, bei dem alle dreizehn Bühnenwerke Richard Wagners in chronologischer Aufführung in einem Zeitraum von drei Wochen zur Aufführung kommen, gibt es für die zahlreichen Zuschauer aus der ganzen Welt viele interessante Beiprogramme und Ausstellungen, die die Beschäftigung mit den Werken Wagners intensiviert oder sie aus einem anderen Blickwinkel betrachten lässt. Eine dieser Ausstellungen trägt den Namen Wie hör ich das Licht und zeigt fast 150 Plakate von Aufführungen der zehn im „Bayreuther Kanon“ gespielten Werke von Richard Wagner, also vom Fliegenden Holländer bis zum Parsifal in der Alten Nikolaischule. Das Besondere an dieser Ausstellung ist einmal der Ort an sich. Richard Wagner selbst war von 1828 bis 1830 Schüler an der Nikolaischule, und eine Dauerausstellung Der junge Richard Wagner erinnert seit dem 22. Mai 2013, dem 200. Geburtstag Wagners, an seine jungen Jahre in seiner Geburtsstadt Leipzig.

Im Lichthof der Nikolaischule bemisst sich die riesige rückwärtige Betonwand auf circa 350 qm und einer Höhe von18 Metern. Sie wurde durch ihre beispiellose Modernität mehrfach ausgezeichnet in der Rubrik „Weiterbauen am Denkmal“. An dieser Betonwand hängen nun fast 150 Plakate aus aller Welt zu Wagner-Aufführungen, die der Kurator Klaus Billand in seiner 21-jährigen Tätigkeit als Musikkritiker rezensiert und seit 26 Jahren die Plakate gesammelt hat. Als Leihgabe werden sie bis zum 15. Juli 2022 – ehe sie zu den Bayreuther Festspielen 2022 weiter gehen – dem Leipziger Publikum gezeigt werden. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Kulturstiftung Leipzig.

Um die Ausstellung ganz zu erschließen, muss man Treppen steigen – Foto © O-Ton

Es sind einzigartige, manchmal skurril, oft sehr traditionell, aber auch futuristisch anmutende Kunstwerke, die zeigen, welchen Einfluss das Werk Richard Wagners auf die Fantasie der grafischen Künstler nahm. In einer bunten Petersburger Hängung kann der Besucher sie von unten oder oben, über Treppen steigend, auf sich wirken lassen. Hier kommen Plakate und Architektur in einer einmaligen Symbiose zusammen. Der Titel kommt nicht von ungefähr, denn Wagner lässt Tristan im dritten Aufzug von Tristan und Isolde im Fieberwahn singen: „Wie hör ich das Licht?“ Das Licht hören, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, doch Wagner lässt die Grenzen zwischen akustischer und visueller Wahrnehmung verschwimmen, und genau das bezweckt auch die Ausstellung, oder wie Billand, der seit 55 Jahren in die Oper geht, es in seiner Einführung zur Ausstellung formuliert: „Wie seh‘ ich die Musik?“ Und tatsächlich, beim Anblick der Plakate werden Assoziationen wach zu den vielen Wagner-Aufführungen, die man selbst gesehen hat.

Billand hat die Plakate auf der ganzen Welt in einem Zeitraum von mehr als einem Vierteljahrhundert zusammengetragen und gesammelt, natürlich die Vorstellungen selbst besucht. Schwerpunkt der Ausstellung sind Plakate vom Ring des Nibelungen, von Buenos Aires bis Wien, von Bari bis Wroclaw, von Cottbus bis Riga, von Shanghai bis Melbourne. Oft sind diese Plakate mythologisch stilisiert mit einer enormen assoziativen Aussagekraft. Auf einem Plakat ist die große Birgit Nilsson abgebildet, auf einem anderen ein großer Schuh zu den Meistersingern von Nürnberg. Wenn man sich Zeit nimmt und die Farbenpracht und die geweckten Assoziationen auf sich wirken lässt, dann „hört man das Licht“ und „sieht die Musik“. Und so erzählen die Plakate ihre eigene Geschichte und sind ein Zeitdokument Wagnerscher Interpretation und Darstellung.

Für die Besucher von Wagner22 in Leipzig ist die Ausstellung bei freiem Eintritt ein Muss, eine derartige Sammlung sieht auch der erfahrene Wagnerianer nicht jeden Tag.

Andreas H. Hölscher