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Hintergründe

Mein lieber Schwan

Was fasziniert uns eigentlich an einem Tier, das als majestätischer Vogel bezeichnet wird? Solchen und ähnlichen Fragen geht eine Ausstellung nach, die derzeit unter dem Titel „Mythos Schwan“ in Leipzig anlässlich des Festivals Wagner 22 gastiert. Bis zum 16. Juli kann man sich im Hansa-Haus noch über das mythologisch aufgeladene Federvieh informieren.

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Schwanengesang, Schwanenkönig, Schwanenservice, Schwanensee – der „Mythos Schwan“ ist in unserer Kultur allgegenwärtig. Mit Graupa und den dort ansässigen Richard-Wagner-Stätten ist er besonders eng verbunden, weil Wagner in einem Graupaer Bauernhaus die Musik zu seiner Oper über den Schwanenritter Lohengrin skizzierte. Die Faszination des geheimnisumgebenen Vogels war so mächtig, dass ihn die Gemeinde Graupa sogar zu ihrem Wappentier wählte. Wolfgang Mende, der Kurator der Richard-Wagner-Stätten Graupa, hat eine spannende Sammlung über den „Mythos Schwan“ nicht nur bei Richard Wagner zusammengetragen. Die Ausstellung, die im November 2021 eröffnet wurde, erzählt die facettenreiche Kulturgeschichte des Vogels in neun thematischen Stationen. Dazu gibt es zahlreiche Erläuterungen und ein umfangreiches Begleitbuch, dessen Beschäftigung mit dem Mythos weit über Wagners Bühnenwerke hinaus geht.

Im Rahmen des Festivals Wagner22 ist die Ausstellung nun vorübergehend nach Leipzig umgezogen und ist im Lichthof des Hansa-Hauses im Herzen der Leipziger Innenstadt zu besichtigen. Thomas Krakow, ehemaliger Vorsitzender des Richard-Wagner-Verbandes Leipzig und Gründer des neuen Richard-Wagner-Zentrums Mitteldeutschland, hat mit viel Engagement und Liebe zum Detail die Ausstellung nach Leipzig geholt. Krakow selbst führt die interessierten Besucher, erläutert die einzelnen Ausstellungsstücke und sagt dazu: „Die Ausstellung, kuratiert von Wolfgang Mende, war zuvor in den Wagner-Stätten Graupa zu sehen und fügt nun den Feierlichkeiten rund um Richard Wagner in Leipzig eine weitere Farbe hinzu. Eine zauberhafte Ausstellung, nicht nur für Freunde von Wagners Lohengrin, sondern für all jene, die eintauchen wollen in die märchenhafte, romantische, mystische Welt dieses Vogels und der Geschichten um ihn.“

Der Schwan spielt bei Richard Wagner nicht nur im Lohengrin eine wichtige Rolle, sondern an überraschend vielen Stellen seines Gesamtwerks. Wenig bekannt ist, dass Wagner am Beginn seiner Exilzeit eine zweite Schwanenoper konzipierte: Wieland der Schmied. Die mächtigen Schwingen des Vogels fungieren darin als Symbol für die ersehnte revolutionäre Freiheit. Eine ganz andere Rolle spielt das Tier in Wagners letztem Musikdrama Parsifal. Der naive Tor erlegt dort in seiner unwissenden Arglosigkeit mit dem Pfeil einen Schwan und erschüttert damit die Gralsritterschaft in ihren Grundfesten. Wagner hat mit dieser Episode seine vom Buddhismus inspirierten Vorstellungen von Tierwohl auf die Bühne gebracht, für die er sich auch publizistisch engagierte. Manche Bezüge erschließen sich erst bei einem genaueren Blick in die Mythologie. Dabei lässt sich entdecken, dass auch die Walküren, die Rheintöchter und die Nornen einiges mit Schwänen zu tun haben und warum den Bayreuther Walküren früher sogar Schwanenhelme aufgesetzt wurden. Ein derartiger Bühnenhelm ist in der Ausstellung auch zu bewundern.

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Von Wagners Schwanenfaszination wurde auch sein damaliges Umfeld angesteckt. Legendär ist der Schwanenkult des Bayernkönigs Ludwig II. Weniger bekannt ist, dass auch Wagners Sohn Siegfried drei Opern mit Schwanenmotiven schrieb. In seiner Oper Schwarzschwanenreich lassen sich die fremdartigen schwarzen Schwäne als Chiffre für sexuelles Anderssein deuten. Diese in der Ausstellung erstmals aufgedeckte Symbolspur lässt sich über Ludwig II. bis auf Richard Wagner zurückverfolgen. Sie findet auch überraschende Entsprechungen bei Pjotr Tschaikowski und in der Bildkunst der Jahrhundertwende. Auch die Nachbildung des „Schwanenmantels“ von Marlene Dietrich aus Kunstpelz für die Produktion Spatz und Engel am Theater Kiel fällt ins Auge. Marlene Dietrich trug seit den 1950-er Jahren bei ihren Bühnenauftritten einen extravaganten Schwanenmantel, der aus den Brustdaunen von 300 Schwänen gefertigt war. Die Kreation könnte durch den Mythos von den Schwanenjungfrauen mit seiner Geschlechtersymbolik inspiriert gewesen sein, so die Erläuterung zu diesem Ausstellungsstück.

Der Schwan der alten Leipziger Lohengrin-Produktion findet sich dort genauso wie ein Faksimile-Druck des von Wagner verworfenen Schwanengesangs aus dem Lohengrin. Die Ausstellung ist nicht nur für die Besucher von Wagner22 interessant, sondern für alle, die neugierig sind und tiefer in einen alten Mythos eintauchen wollen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 16. Juli.

Andreas H. Hölscher