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Kulturmagazin mit Charakter

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Hintergründe

Empathie als sichtbares Erlebnis

In den Theatern des Landes brodelt es. Die Probebühnen sind täglich besetzt, obwohl die Ungewissheit über den nächsten Auftritt vorherrscht. Auch in den Ehrenfeldstudios in Köln weiß man nur, dass man durchhalten will. Silke Zimmermann ignoriert die Deadline, um ihr neues Stück so oft es geht weiterzuentwickeln. Und die Metabolisten ziehen mit. Jetzt haben sie eine erste Fassung von Wir – Der empathische Körper Vol. 1 vorgestellt.

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Empathie ist das, was den Regierungen des Landes ganz offensichtlich gerade deutlich abgeht. Sich hineinzufühlen in die Menschen, um zu erkennen, was sie bewegt. Also, bei den Führungsetagen einer deutschen Fluggesellschaft erkennen sie das wohl schon, aber nicht so sehr, was die Belange der Kulturschaffenden angeht. Darum müssen die sich schon selbst kümmern. Und so haben sich Silke Z. und ihre Compagnie Die Metabolisten, die sich dadurch auszeichnet, dass sie möglichst viele Generationen vertritt, überlegt, wie man diesen Begriff, der so stark von Fremd- und Eigenwahrnehmung geprägt ist, sichtbar werden lassen kann.

Der große Saal in den Ehrenfeldstudios im gleichnamigen Kölner Stadtteil ist bestens präpariert. Ordentlich durchgelüftet, sollen zwei blubbernde Geräte dafür sorgen, dass entstehende Aerosole in frische Luft umgewandelt werden. Das wird – bezogen auf die Personenzahl – für zwei Stunden reichen, ehe sich die Türen wieder öffnen müssen, um Außenluft hereinzulassen. Obwohl die Automaten sicher sein sollen, gilt für alle, die nicht auf der Bühne aktiv sind, während der gesamten Aufführung Maskenpflicht. Und selbst auf der Bühne wird im ersten Teil noch Maske getragen. In dieser solchermaßen gesicherten Umgebung soll nun der erste Gesamtdurchlauf statt der Premiere stattfinden, die eigentlich in der Alten Feuerwache geplant war. Als neuer Termin für die Uraufführung ist der 4. Dezember geplant. Dass er stattfinden wird, glaubt hier keiner mehr ernsthaft. Aber Silke Zimmermann, die für die künstlerische Leitung und Choreografie zuständig ist, sieht es momentan noch positiv. So lange es keinen definitiven Termin gibt, wird weitergeprobt und -entwickelt. So bekommen die Akteure wenigstens weiter ihr Geld.

Die Bühne ist leer, eng ineinander verschlungen stehen die elf Akteure kreisförmig in der Mitte, ehe sie sich „entwinden“ und von der Bühne verschwinden. Der Prolog ist beendet. Fast hatte man schon vergessen, dass so eine Umarmung, auch von vielen, durchaus auch ein Akt der Empathie ist. Die 70-minütige Aufführung entwickelt sich nun zu einem Spiel, in dem immer wieder einzelne Attraktionen auftauchen, die die Tanz- und Arbeitsszenen mit Spaß und Spannung bereichern. Das beginnt mit der Darstellerin, die mit einem hoffnungslos überfüllten Korb voller zusammengerollter Strümpfe die Bühne betritt und versucht, die herunterfallenden Strümpfe wieder in den Korb zu bekommen. Caroline Simon trägt ihren deutlich schwereren Kollegen leichtfüßig über die Bühne. Dankbar darf man sein für den Tanz der jungen Schwäne aus Schwanensee, der entzückend und in der nötigen Demut in Anlehnung an die Original-Tanzschritte gezeigt wird. Und Daniela Riebesam beeindruckt gemeinsam mit Dennis Schmitz in einer akrobatischen Tanzeinlage zu Techno-Klängen. Die solistischen Einlagen fügen sich in die Folie der Grundidee. Eigenschaften sind in schwarzer Schrift auf weißen Blättern aufgetragen – das reicht von fremd über dankbar, einfühlsam, provokativ, nutzlos, ja, auch systemrelevant bis zu böse, verwirrt oder mutig – und diese Blätter werden nun überall im Raum verteilt. Sie werden an Leinen und Wänden aufgehängt, von den Darstellern an sich genommen oder ihnen von Kollegen zugedacht. Dass Riebesam überproportional oft „hyper“ mit sich herumträgt, mag man als Vorankündigung werten, bei anderen sind es eher ungewöhnliche Zuordnungen. Ergänzt werden die Zettel, die im Laufe der Aufführung mehr und mehr werden, durch Blätter mit Konjunktionen. Da kann dann aus einer Personenreihe ein Satz entstehen wie unbeständig, fremd, aber geil. Oder isoliert, verwirrt und liebevoll. Mit zunehmender Geschwindigkeit bilden sich neue Kombinationen, nur mit höchster Konzentration kann der Zuschauer hier noch folgen, nur kurz noch über die ungewöhnlichen Zusammenstellungen nachdenken. Glücklicherweise hält sich Wolfgang Pütz beim Lichtdesign an wenige Einstellungen, die zudem überwiegend hell bleiben, so dass hier nicht noch zusätzliche Sichteinschränkungen auftreten.

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Abgerundet wird das Gesamtkunstwerk mit Corps-Einlagen zu Musiken unterschiedlicher Stilrichtungen von der Festplatte, an dessen Ende an diesem Tag eher eine düstere Grundstimmung aufgrund der Attribute entsteht, die zuletzt im Mittelpunkt bleiben. Interessant ist, dass die Zuweisungen nicht etwa durch Kommunikation, sondern lediglich durch das Verteilen der Blätter erfolgt. Auch bleibt – bis auf eine Ausnahme – die Möglichkeit der Erwiderung aus. Zimmermann lässt offen, welche Schlüsse der Zuschauer daraus ziehen soll oder kann. Bleibt das Einfühlungsvermögen in den anderen also mehr und mehr der flüchtigen Begegnung, dem Zufall überlassen, unreflektiert und an der Oberfläche beim anderen? Wenn das so ist, gehen wir düsteren Zeiten entgegen. Oder sind, um es mit der Wirklichkeit abzugleichen, schon mittendrin. Gemeinsame Bewegungen sind dem Mainstream mit allzu bekannten Rhythmen unterworfen, Tiefgang unterbleibt beim flüchtigen Aufeinandertreffen. Daran ändern auch die vielfach gezeigten hübschen Attribute nichts, werden sie uns doch nur noch „angepappt“.

Trotz dieser eher düsteren Bestandsaufnahme quer durch alle Generationen – oder gerade deswegen – begeistern die Akteure und vermögen, das Publikum über den gesamten Zeitraum zu fesseln. Ein winziger Wermutstropfen bleibt in aller Faszination. Es scheint dem Zeitgeist zu entsprechen, Kostüme zu wählen, die vielleicht mit all ihren Trainingsanzügen bequem und zweckmäßig sein mögen, aber dann doch eher langweilig wirken. Hier würde man sich wieder mehr Fantasie und Raffinesse wünschen.

Silke Z. und die Metabolisten haben erneut ein Stück vorgelegt, das kurzweilig und abwechslungsreich viel Grund zum Denken nach der Aufführung gibt, ohne die Unterhaltung außer Acht zu lassen. Da darf es jetzt wirklich nicht mehr allzu lange dauern, bis das Stück endlich der Öffentlichkeit vorgestellt werden darf.

Michael S. Zerban