Kulturmagazin mit Charakter

Hintergründe
Das Opernmuseum lebt. Reich subventionierte Institutionen bauen gerade deutschlandweit ihre neuen Tempel, um das System weiter zu zementieren. Da ist es zu begrüßen, dass es – wenn auch nur in kleinem Rahmen – Gegenströmungen gibt, die versuchen, eine kulturelle Weiterentwicklung zu betreiben. Das Festival Orbit, das vom 23. bis zum 26. April in Köln stattfindet, ist ein Beispiel dafür.

Host_Opera – Foto © Peter Szoke
Das Festival Orbit versteht sich als Plattform für aktuelles Musiktheater „jenseits konventioneller Formen“ und will nach eigenen Angaben Künstler, Publikum und Fachwelt in einen offenen Dialog über die Zukunft des Genres bringen. Zum dritten Mal veranstalten Sandra Reitmayer, Christina C. Messner und Eva Maria Müller deshalb in Köln ihr Festival, bei dem sie herausragende Produktionen aus Ungarn, der Schweiz und Deutschland präsentieren wollen.
Aus Ungarn kommt der Komponist Samu Gryllus. Seine Arbeit erforscht über den Einsatz von „Soundpainting“, wie musikalische Identität im Moment der Aufführung Gestalt annimmt. Sein Stück Host_Opera hatte 2022 im Rahmen der Musiktheatertage Wien Premiere und wird in Köln mit einem international besetzten Künstlerkollektiv neu definiert. Das Libretto von Host_Opera, der Geiseloper, greift eine historische Geiselnahme auf und basiert auf dokumentarischem Material aus dem Roman Hírzárlat – zu Deutsch Nachrichtensperre – der ungarischen Autorin Csenge Hatala. 1973 entführten zwei Söhne eines hochrangigen Parteimitglieds, die das staatsozialistische Ungarn hinter sich lassen und nach Österreich fliehen wollten, 15 Mädchen. Fünf Tage und Nächte hielten die jungen Männer die Mädchen ohne Wasser und Nahrung gefangen. Gryllus verdichtet im Libretto die Ereignisse, um sie humorvoll und absurd darzustellen. Im Grünen Saal der Comedia führt Vince Varga Regie, als Schauspieler treten Josefa Beil und Dominik Förtsch auf, Sopranistin Tara Khozein und Bass-Bariton Kornél Mikecz übernehmen den Gesang. Geigerin Lola Rubio, Akkordeonistin Dorrit Bauerecker, Jordan White an der E-Gitarre und Cellistin Elisabeth Coudoux werden an der Elektronik von Bálint Bolcsó unterstützt.
Autor und Regisseur Aleksi Barrière inszeniert die Uraufführung von Sombre. In the Shadows of our Time, eine Hommage an die finnische Komponistin Kaija Saariaho, die von 1952 bis 2023 lebte und als Pionierin der elektroakustischen Musik gilt. In vielen ihrer Werke näherte sie sich ambivalenten kulturellen Persönlichkeiten, um zu verstehen, wie destruktive Tendenzen nicht am Rande der Kultur, sondern aus ihrem Innersten heraus entstehen können. Ihre für das finnische Saiteninstrument Kantele geschriebenen Werke werden in der einstündigen Aufführung auf der Bühne der Alten Feuerwache um Kompositionen von Jean-Baptiste Barrière und Cécile Marti ergänzt. Die Schweizer Komponistin Marti zählt in den Bereichen Oper und Klangkunst zu den wichtigen Stimmen der zeitgenössischen Musik. Bass-Bariton Robert Koller übernimmt den Gesangspart, an der Kantele wird Eija Kankaanranta zu erleben sein.
Man darf auch mal was wagen

Foto © Festival Orbit
„Mettray nimmt plötzlich den Platz – nicht des Gefängnisses, in dem ich sitze – sondern meiner selbst ein, und wie früher auf meiner Pritsche, so schiffe ich mich auf den Trümmern der Barke ein, die ohne Masten und fast völlig zerstört zwischen den Blumen des großen Vierecks in Mettray liegt.“ Jean Genet lebte von 1910 bis 1986. Er gilt als einer der bekanntesten und auch umstrittensten Schriftsteller Frankreichs. Landstreicher, Außenseiter, Rebell, Homosexueller, Dieb, Sträfling: In der Gefängniszelle beginnt Genet zu schreiben. Sein literarisches Schaffen und Denken kreist immer wieder um die Zeit, die er als Jugendlicher in der berüchtigten Strafkolonie Mettray, ein Gefängnis ohne Mauern, verbrachte. Acht Tableaux morts hat Philipp C. Mayer für das Stück Gefängnis ohne Mauern, Schiff ohne Meer komponiert, das Miriam Götz inszeniert und zu dem Jan Patrick Brandt Bühne und Kostüm entworfen hat. In anderthalb Stunden führt das Ensemble Garage die Musik im Roten Saal der Comedia auf. Schauspieler Max Kurth spielt mit der menschlichen Wahrnehmung und reflektiert über das Erleben, das sich nur in der Fantasie ereignet.
Eingerahmt werden die Stücke von zahlreichen Neuproduktionen. So wird das Publikum im 20-minütigen Virtual-Reality-Erlebnis „becoming resonance (ᯟ︿ᯏ☆)“ von Nicolas Berge und Miriam Rieck in der Branddirektion der Alten Feuerwache spielerisch zur Interaktion aufgefordert. Rochus Aust entwickelt den musikalisch-performativen Spaziergang Die Dualen/Grand Jury durch die Industriebrache der alten Auermühle, um nichts weniger als das Universum zu retten. Das Ensemble Ubu präsentiert eine Neufassung des 2025 uraufgeführten Stücks Mutants in Music: III. Dreamteam, in der unter anderem der gehörlose Performer, Musiker und Aktivist Matthias Ranner zu erleben ist. In seinen anderthalbstündigen Aufführungen im Studio der Musikfabrik setzt sich das Ensemble Ubu nach eigenen Angaben mit Grenzüberschreitungen tradierter Formate auseinander. Die für Dreamteam ausgewählten Musiken stammen aus einer zuvor von Ensemble und Publikum gemeinsam gefüllten Playlist. Last but not least komplettiert das Kölner Chaos-Orchester unter Leitung von Maxime Morel und Axel Porath das Programm durch musikalisch-performative Interventionen in der Halle der Alten Feuerwache.
Derzeit kann man sich in der Oper Köln Le nozze di figaro anschauen. Zum ersten Mal wurde das Stück von Wolfgang Amadeus Mozart 1786 aufgeführt und seither ungezählte Male inszeniert und gezeigt. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, es handelt sich schließlich um eine großartige Oper. Aber wer keine Lust hat, in früheren Jahrhunderten zu verharren, sondern sein Ohr gerne auch mal an die Gegenwart legen möchte, ist möglicherweise beim Orbit-Festival auch dann besser aufgehoben, wenn es mit althergebrachten Hörgewohnheiten bricht.
Michael S. Zerban