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Kulturmagazin mit Charakter

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Hintergründe

Spiel mit Spiegeln

Konserve. Abfilmen von Aufführungen. Das Publikum ist mit solchen Online-Lösungen mit Recht sehr oft unzufrieden. Denn längst hätten die Kulturschaffenden sich mit Internet-Lösungen auseinandersetzen müssen. Besser spät als nie reißt Choreograf Richard Siegal das Steuer herum und entwickelt seine neueste Choreografie als Livestream. Damit verändert sich das Theaterleben, wie ein Probenbesuch zeigt.

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Lange war nicht klar, wie Choreograf Richard Siegal und sein Ballet of Difference die geplante Uraufführung von All for one and one for the money realisieren würde. Als die Bundesregierung dann die Kulturszene abservierte und mit Live-Aufführungsverboten belegte, gab es für die Kölner Compagnie tatsächlich nur die Wahl, die Uraufführung abzusagen oder als Livestream aufzuführen. Siegal und sein Team entschieden sich für einen Schritt, der längst fällig war. Sie wollten nicht einfach eine Aufführung abfilmen, sondern einen Livestream gestalten, der sich an den Möglichkeiten des Internets orientiert. Eine Entscheidung, die seit vielen Jahren überfällig ist und doch von den Intendanten der Theater bis heute als abstrus verurteilt wird. Schließlich macht man Theater für das Publikum, das vor der Bühne sitzt. Eine Aussage, die seit 1995 die Wirklichkeit verkennt. Längst hätten sich die Theater- und Opernhäuser mit dem „neuen“ Medium auseinandersetzen müssen. Das allfällige Zitat „Live-Aufführungen sind doch was ganz anderes“ ist längst überholt. Schön, wenn es Live-Aufführungen gibt. Aber es wird sie in absehbarer Zukunft nicht geben.

Siegal ergreift die Initiative und präpariert seine Uraufführung, die am 20. November über die Bühne gehen wird – ja, Bühnen gibt es weiterhin – für einen Livestream. Ein Probenbesuch im kleinen Saal des Schauspiels Köln zeigt, dass sich mit dieser Entscheidung die Arbeit am Theater radikal verändert. Früher war das alles ziemlich einfach. Vor der Guckkastenbühne sitzt das Publikum, schaut sich die Aufführung an und lässt sich im günstigsten Fall davon faszinieren. Mit den Möglichkeiten des Netzes werden die Räume aufgebrochen – und kleiner. Was fängt die Kamera, was fangen die Kameras ein, wer bringt die Bilder in die richtige Reihenfolge, wie viele Handlungsstränge sind denkbar, und vielleicht die wichtigste Frage: Was unterscheidet die Arbeit des Theaters vom Film? Denn einen Tanzfilm will Siegal nicht drehen. Der Schlüssel könnte in der Interaktivität liegen. Der Zuschauer entscheidet, welchen Handlungsstrang er verfolgen will, er kommentiert, stellt Fragen. Lob und Tadel erfolgen parallel zur Aufführung. Und er kommt nicht mehr aus Köln und Umgebung, sondern aus der ganzen Welt. Vor allem aber ist der technische Aufwand enorm.

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Als das Ballet of Difference mit der Probenarbeit begann, war alles noch wie immer. Siegal stellte seine Idee zum neuen Stück vor. Seine Frage an die Compagnie war: Wie formen und verformen die sozialen Medien unsere Identität, unsere Werte? Damit setzten die Tänzer sich in gewohnter Weise auseinander. Mit den Bühnenproben änderte sich alles. Plötzlich standen überall Kameras herum, die bespielt werden wollten. Weitere Räume wurden eröffnet. Im Depot 2 des Schauspiels Köln sieht es aus wie in einem Filmstudio. Hier scheint niemand mehr auch nur ein Auge für die Leistungen der Tänzer zu haben, die sich auf der Bühnenfläche aufwärmen. Die Blicke sind auf Monitore fixiert. Wo früher der Choreograf den Tänzern noch einzelne Hinweise gab, wie sie den Arm lieber etwas weiter nach rechts oder links zu schwenken hätten, ist heute für solche Kleinigkeiten keine Zeit mehr. Die Tänzer werden autonom, der Choreograf wird zum Bildregisseur. Der Bühnenraum, in dem permanent Wände verschoben werden, die als Projektionsfläche dienen oder umgedreht mit einer Spiegelfläche versehen sind, ist mit Energie erfüllt. Hämmernde, pulsierende Musik von der Festplatte steigert die Spannung. Hervorragende Tänzer toben ihre neue Autonomie aus, scheinen besessen davon, ihre Kunst in die Kamera hineinzutanzen. Zwischendurch werden Video-Spieler und ihre Ergebnisse projiziert. Wer hier als Außenstehender sitzt, verliert jeglichen Zusammenhang. Spätestens, wenn die Tänzer die Bühne verlassen, um einen anderen Raum zu bespielen, wird klar: Hier geht es nur noch darum, möglichst packende Bilder auf den Monitor zu bringen.

Beim Blick auf den Monitor wird aber auch deutlich, dass die künftigen Zuschauer einem Experiment beiwohnen werden. Sie können unter drei Kanälen aussuchen, was sie gerade als größeres Bild sehen möchten. Ein Vollbild aber wird es nicht geben. Das schließt vermutlich die volle Konzentration auf eine Szene aus. Zumal nebenbei der Chat läuft. Im Saal vergewissern sich die Tänzer, die gerade nicht auf der Bühne sind, immer mal wieder ihrer Wirkung auf dem eigenen Mobiltelefon. Kleinstbilder in schnellem Wechsel. Ein größerer Monitor ist beim Besuch der Uraufführung am 20. November unbedingt ebenso zu empfehlen wie der Gebrauch von Kopfhörern. Und nein, auch dieser Livestream wird die Live-Erfahrung vor Ort nicht ersetzen. Weil er es auch gar nicht will. Siegal begreift das Ereignis vielmehr als zusätzliche neue Kunstform, in der noch viel Potenzial liegt. Deshalb lohnt es sich einzuschalten, wenn es am kommenden Freitag um 20 Uhr heißt: Alle für einen und einer fürs Geld. Kapitalismuskritik auf neuen Wegen.

Michael S. Zerban