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Hintergründe

Jeder so gut er kann

In diesen Zeiten muss jeder sehen, wo er bleibt. Das gilt gerade für freischaffende Opernsänger. Den meisten von ihnen sind seit März sämtliche Auftritte weggebrochen, und es sieht auch nicht so aus, als ob es in absehbarer Zeit neue Aufträge gäbe. Für die einen heißt das, den Beruf aufzugeben, um die Existenz ihrer Familien zu sichern, für die anderen heißt es, neue Vermarktungswege zu suchen. Die richtigen Freunde können da helfen. Wie man so was macht, hat gerade Jonas Kaufmann gezeigt.

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Wenn du als Tochter eines bekannten Opernsängers geboren wirst, mit vier Jahren zum ersten Mal mit deinem Vater gemeinsam auf der Bühne stehst, dann liegt der Berufswunsch möglicherweise schon in den Kinderschuhen. Konsequent studierte die in München geborene Judith Williams klassischen Gesang in Köln, legte gar noch ein Ballett-Studium an der Londoner Royal Academy of Music nach. Und begann ihre Karriere als Sopranistin. Erste Rollen, Teilnahme an Wettbewerben, 1995 Ensemblemitglied am Theater Hagen. Alles gut. Aber manchmal ist der scheinbar vorgezeichnete Weg doch nicht der, den das Leben für einen Menschen vorsieht. Ein Tumor beendete die Gesangskarriere vorzeitig. Und ebnete für Williams den Weg zur erfolgreichen Unternehmerin. Seit dreizehn Jahren vertreibt die heute 49-Jährige eigene Kosmetik-, Mode- und Schmucklinien bei zwei Teleshoppingsendern und im eigenen Online-Shop.

Natürlich hat so eine erfolgreiche Frau auch Freunde. Einer davon ist Jonas Kaufmann, seit Jahren gefeierter und hochdotierter Tenor. Aber auch ihm sind im Verlauf der diesjährigen Krise viele lukrative Aufträge weggebrochen, wenn auch vielleicht nicht ganz so profan wie seinen Kollegen aus der zweiten Linie, denen die Auftraggeber gern mal mit dem Hinweis auf eine höhere Gewalt auch gleich das Ausfallhonorar versagten. Aber was Kaufmann von denen unterscheidet, ist eben, dass er auch mal bereit ist, ungewöhnliche Wege zu gehen. Und so finden die Bewunderer ihren Lieblingssänger plötzlich in der Sendung Zu Gast bei Judith Williams eines Teleshoppingsenders wieder. Eine Stunde sitzt der Sänger da mit seiner Freundin, die im Vorfeld schon darauf hinwies, dass die Idee dazu von ihrem Mann stammte, auf dem Sofa und zeigt, wie nett man in der Bussi-Bussi-Gesellschaft miteinander umgeht.

Menschen, die Kaufmann von der Bühne kennen, können mit Teleshoppingsendern vermutlich nicht so viel anfangen. Das sind höchst erfolgreiche, kommerzielle Fernsehsender, die mit allen nur erdenklichen Tricks versuchen, oft fragwürdige Produkte an bevorzugt die Frau zu bringen. Im Fall des Sängers könnte man wohl von der Erschließung vollkommen neuer Zielgruppen sprechen. Kaum hat die Sendung begonnen, wird Druck auf das Publikum ausgeübt. Als erstes halbiert Williams mal den Warenbestand. Dann wird den Zuschauern höchstes Interesse am Produkt mitgeteilt. In der Leitung warten bereits 100, nein, 200, blabla, 700 Anrufer, teilt Williams mit. Dann wird das Produkt vorgestellt. Längst hat sich Williams zur superprofessionellen Darstellerin – und Verkäuferin – entwickelt. Da wird ein Produkt angeboten, das Kaufmann selbst wohl kaum noch wiedererkennt. Wer in dieser Stunde über den Begriff Gehirnwäsche sinniert, ist vielleicht ziemlich nah an der Wirklichkeit.

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Der Begriff Seriosität fällt in diesem Zusammenhang weniger Leuten ein. Aber was interessiert mich ein seriöses Geschäftsgebaren, wenn ich nach einer Stunde widerlegt habe, dass der Verkauf von CD keine Erlöse mehr bringt? Und bitte bloß keinen Neid. Wie viele Opernsänger gibt es derzeit, die eine solche Chance ausschlügen? Schließlich kann Kaufmann nichts dafür, dass er die richtigen Leute kennt. Das gehört doch zum Geschäft: Die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Und die übrigen Freunde in Salzburg, Wien oder München werden über dieses „Ereignis“ sicher stillschweigend hinweggehen. Also nichts passiert, oder? Es gab doch auch Fernsehwerbung für die drei Tenöre, wenn man mal daran erinnern darf. Die hat auch nur die Verkaufszahlen hochgetrieben und dem Image der drei Sänger nicht geschadet.

Ganz so einfach ist es vielleicht doch nicht. Es kann durchaus sein, dass es Menschen gibt, die von einem „Leuchtturm“ wie Kaufmann erwarten, dass er in einer solchen Krisenzeit auch Verantwortung für die Kollegen übernimmt. Sich Wege überlegt, wie er seinem Berufsstand in schwieriger Zeit nach vorne helfen kann. Der Unterschied zu den drei Tenören: Sie schwammen in wirtschaftlich guten Zeiten auf der Welle mit, was ihnen jeder gönnte. Kaufmann präsentiert sich als jemand, dem das eigene Hemd am nächsten ist. Aber immer gern im Bussi-Bussi-Milieu. Und Menschen, die im Gesang doch noch mehr als ein billiges Geschäft vermutet haben, könnten seinen Auftritt bei einem Teleshoppingsender, um ein paar CD zu verkaufen, übelnehmen. Gerade Operngänger sind da erfahrungsgemäß empfindlich. Für einen Sänger, dessen Stimme bereits erste Ausfälle zeigte, könnte sich das zu einer kritischen Situation entwickeln. Und die Münchner Schickeria ist nicht bekannt dafür, dass sie ihren momentanen Helden sonderlich lange die Stange hält. Rolando Villazón hat nach seinem Stimmeinbruch viel Kreativität bewiesen, um sich oben zu halten. Ob Kaufmann das Kaliber hat, wissen wir noch nicht. Nach diesem Auftritt sind Zweifel angebracht. Aber zuzutrauen sind ihm Signierstunden in Drogeriemärkten nun allemal.

Michael S. Zerban