O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Hintergründe

Kontrollverlust

Trotz aller Unkenrufe genießt der deutsche Journalist noch immer eine Vertrauensstellung. Wenn er das allerdings vergisst, wird es eng. Ein Opernkritiker bot amerikanischen Opernsängerinnen ein Interview in renommierten Fachzeitschriften an, um sie in den so genannten Sozialen Medien an sich zu binden. Das Angebot war vorgetäuscht, die Nachstellungen des Kritikers um so hartnäckiger. Seine Jobs ist er jetzt los.

Mezzosopranistin Christina Casey half mit ihrer Aussage, dass das Stalking ein Ende fand. – Foto © privat

Eigentlich ist der Kulturjournalismus eine Oase der Presselandschaft. Überwiegend ältere Herren, für die Tageszeitungen auch gern mal ältere Damen, urteilen über kulturelle Aufführungen, gerne wohlwollend, vor allem, wenn ein junger Sopran, gutaussehend und lebhaft auf der Bühne, sein Bestes gibt. Noch viel wohlwollender, wenn ein am liebsten selbsterkorener Opernstar auf den großen Bühnen auftritt. Eine wohlwollende Besprechung tut keinem weh, ergibt womöglich noch ein Dankesschreiben des Sängers an den Rezensenten. Man kennt sich. Rezensenten werden am Aufführungsabend freundlich von den PR-Arbeitern des Hauses empfangen, um sich die Pressekarten aushändigen zu lassen. Und gern bleiben die Rezensenten auch mal zur Premierenfeier, um dem Stern des Abends zu applaudieren. Oder noch besser. Sie feiern gleich lautstark im Saal die Akteure mit.

Unmut gab es, als immer mehr Opernhäuser die zweite Pressekarte verwehrten und sie mit Kosten belegten, die inzwischen höher sind als eine einfache Eintrittskarte. Seither gibt es noch weniger Kritiker. Die Übriggebliebenen genießen mehr Wertschätzung. Weil es eben nicht mehr so viele gibt. Und wenn so ein Kritiker auch noch ein Interview führt, gibt es kaum jemanden, der das verweigert oder kritisch hinterfragt. Schon während des Studiums lernen die Sänger Ehrfurcht vor der Presse. Allzu oft reicht ein Interview, um einen entscheidenden Karriereschritt nach vorn zu kommen. Warum sollte man ein solches Interview verwehren? Und eigentlich ist das auch gut so. Die Journalisten erledigen ihren Auftrag, und die Sänger sind auf die Öffentlichkeit angewiesen. Es gibt da gar nichts zu kritisieren, weil es ein normaler Vorgang ist. Dabei kommt dem Journalisten eine besondere Vertrauensstellung zu. Von ihm wird erwartet, dass er dem Sänger eine Plattform für die Öffentlichkeit bietet, sich positiv darzustellen. Und Journalisten halten sich im Allgemeinen daran.

Eine Ausnahme stellt ein Kritiker dar, der für zwei renommierte Opernmagazine freiberuflich arbeitet. Eines in Deutschland kann zwar gar nicht so schnell staunen, wie die Leserschaft schwindet, baut aber immer noch darauf, dass es seit 30 Jahren Leser findet. Ein anderes ist in Frankreich sehr bekannt. Hier hat der promovierte Kritiker studiert und beherrscht die Sprache wie eine zweite Muttersprache. Wenn so jemand ein Interview anbietet, braucht man nicht mehr darüber zu diskutieren oder nachzufragen, ob das seriös sei. Da freut sich die aufstrebende Opernsängerin, endlich in den richtigen Medien Beachtung zu finden. Und fragt auch nicht mehr lange nach. Ein Umstand, den sich der offensichtlich verwirrte Kritiker zunutze machte. Er schrieb amerikanische Opernsängerinnen auf ihren offiziellen Seiten in den so genannten Sozialen Medien unter dem Vorwand an, sie für die genannten Medien interviewen zu wollen. Da waren die Damen nur allzu bereit, ihm auch den Zutritt zu ihren privaten Social-Media-Seiten zu gewähren. Mit der Folge, und jetzt wird es schwierig, dass er unablässig einen privaten und oftmals zu privaten Dialog suchte. Offenbar verwechselte er die sozialen Medien mit Datingseiten. Verfolgte die Opernsängerinnen hartnäckig.

Kein Grund zur Panik

Veröffentlicht hat die Site The Middleclass Artist die Geschichte. Mit Zeugenaussagen, Belegen und den Reaktionen der beiden Fachzeitschriften. Spätestens nach der siebten Aussage einer Betroffenen fühlt man sich allmählich wie in einem Prozess gegen einen Schwerverbrecher. Und man muss sich schwer zurückhalten, nicht in die gleiche Empörungshaltung zu verfallen, um zu verstehen, was da passiert ist. Tatsache ist, dass der Kritiker einen Auftrag vorspiegelte, den er nicht hatte. Darauf ist gleich noch mal einzugehen. Und es gelang ihm offenbar, die Sängerinnen damit über Monate trotz blödsinnigster Dialoge mit Lügen inklusive zu „fesseln“. Wer die Zeugenaussagen liest, ist schlicht erstaunt, wie lange die Künstlerinnen das ertrugen. Das ist nicht als Vorwurf gemeint, sondern wird gleich noch eine Rolle spielen.

Als die Geschichte Deutschland erreichte, war das Entsetzen groß. Der Kritiker legte sofort seine Zusammenarbeit mit den beiden Fachzeitschriften nieder und ließ über sie eine Entschuldigung nach Amerika übermitteln. Das Problem bei einer solchen Entschuldigung über Dritte ist, dass sie immer ein wenig schief daherkommt. Das war auch hier der Fall. Ich hätte mich bei den Damen gern selbst entschuldigt, aber ich bin ja von ihnen gesperrt worden, hieß es da sinngemäß. Spätestens da möchte man ihm auf Amerikanisch zurufen: „What a fuck!“ Viel interessanter an diesem Fall ist aber, wie man als Redaktion sich und andere Menschen vor einem Betrüger schützt, wenn ein „Kollege“ die Vertrauensstellung ausnutzt. Während die Redaktionen der Fachzeitschriften häufig auf freie Mitarbeiter zugreifen, die mal einen Artikel abliefern, sieht die Struktur bei den Online-Magazinen anders aus. Hier sind oft Teams am Werk, die sich in langen Jahren kennengelernt haben und vertrauensvoll miteinander arbeiten. Ob ein solcher Fall da aufgefallen wäre? Wer will da sicher sein? Anscheinend war es ja auch hier so, dass der Kritiker erst „irgendwann“ die Möglichkeiten der Social Media für sich entdeckt hat. Bei O-Ton ist es gepflegte Praxis, dass Artikel im Vorfeld bei der Redaktion angemeldet werden, wenn sie nicht sogar von der Redaktion beauftragt werden. Auch das bietet letztlich keine Sicherheit. Andererseits ist jeder einzelne Journalist auf sein persönliches Netzwerk angewiesen. Kontaktverbote oder übermäßiger Kontrollzwang wären also vollkommen kontraproduktiv.

Unbedingt in der Redaktion nachfragen

Wenn wir aber aus dem aktuellen Fall lernen können: Was wäre passiert, wenn die Sängerinnen eine kurze Mail an die Redaktion geschickt hätten, ob der Kollege tatsächlich mit einem Interview beauftragt worden war? Falsche Scham ist hier völlig fehl am Platz. Und so muss die Lehre aus diesem Fall lauten: Die Redaktionen sind vor solchen Irrläufern nicht gefeit. Und sie können eigentlich auch nichts dagegen unternehmen. Aber. Wenn irgendjemand ein merkwürdiges Gefühl bei beispielsweise einer Interviewanfrage hat, steht es ihm völlig frei, an höchster Stelle kurz nachzufragen, ob es sich um eine seriöse Anfrage handelt. Keine Redaktion wird eine solche Anfrage übelnehmen oder gar ein Interview wegen einer solchen Anfrage absagen. Egal, ob Sängerin, Regisseur, Dramaturg, Intendant oder wer auch immer: Niemandem wird aus einer solchen Anfrage ein Nachteil entstehen.

Was passiert in einer Redaktion, wenn dort die Anfrage einläuft, ob der Kollege den Auftrag für ein Interview, ein persönliches Treffen, eine Kontaktaufnahme allgemein hat? Entweder wird die Redaktion das bestätigen oder, wenn sie davon nichts weiß, sofort beim betreffenden Kollegen nachfragen. Das ist das übliche Vorgehen in allen seriösen Redaktionen dieser Welt. Im Gegenteil wird jede Redaktion dankbar sein für solche Anfragen, weil sie dann auch von „Trittbrettfahrern“ erfährt, also solchen Menschen, die vorgeben, für die Redaktion zu arbeiten.

Abschließend dazu ein kurzes Beispiel, das zum guten Ende führte. Ein Künstler kannte das Kulturmagazin nicht, das ihn um ein Interview bat. Also beauftragte er seinen Agenten, mehr über das Magazin in Erfahrung zu bringen, zumal er in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit einem Reporter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gemacht hatte. Nach einiger Korrespondenz kam das Interview zustande und fand in einer sehr offenen und freundlichen Atmosphäre statt. Auch so kann es gehen, wenn man nur sofort offen nach Information fragt. Und damit soll der Kritiker keineswegs entschuldigt oder den betroffenen Opernsängerinnen eine Schuld zugewiesen werden. Sondern im Gegenteil sollen alle Personen, die künftig in solche Situationen geraten und Zweifel ob der Seriosität haben, ermutigt werden, sich an die Redaktionen zu wenden. Nur so können alle die vertrauensvolle Zusammenarbeit fortsetzen, die in den allermeisten Fällen angebracht ist.

Michael S. Zerban