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Hintergründe

Zur rechten Zeit

Alte Musik in neuen Medien: Damit locken die Händel-Festspiele potenzielle Zuschauer ins Internet. Wie es aussieht, gerade zur rechten Zeit. Denn während andere Kulturinstitutionen jetzt bangen müssen, ob ihre „Live-Erlebnisse“ zum Jahresende noch zu sehen sein werden, bringen die Göttinger das gesamte diesjährige Festival auf einem eigenen Kanal ins Netz.

Jochen Schäfsmeier ist Intendant der Göttinger Händel-Festspiele. – Foto © privat

Die Nachrichtenlage ist unklar, aber panisch. Seit Tagen üben sich die Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Medien in Gehirnwäsche. Wahrscheinlich ist, dass es eine neue Variante des Corona-Virus gibt. Tatsache ist, dass sich Viren verändern. Die neue Variante, die Omikron genannt wird, ist in ihrer Wirkung unbekannt. Wer den Fernseher einschaltet, fühlt sich allerdings eher wie in einem Horrorfilm, in dem eine Regierung versucht, mit einem perfiden Plan, in dem ein Virus eine tragende Rolle spielt, das Volk unter seine Kontrolle zu bringen. Statt valider Zahlen gibt es immer neue Spekulationen. Äußerte der neue Gesundheitsminister, zuvor noch einer der Befürworter „verschärfter Maßnahmen“, am Nachmittag, die neue Virus-Variante sei ungefähr anderthalb Mal schlimmer als die bisherige und erfordere keinen Lockdown vor Weihnachten, heißt es in den Abendnachrichten, das Virus sei drei bis vier Mal gefährlicher als die bisherige Delta-Variante. Zeitgleich verkündet das regierungseigene Robert-Koch-Institut, massive Kontaktbeschränkungen seien sofort und dringend notwendig. Seriöses Krisenmanagement sieht eindeutig anders aus. Und die Verunsicherung der Bevölkerung wächst täglich.

Es scheint jedenfalls nicht zu schaden, sich impfen zu lassen, einem halbwegs normalen Lebenswandel zu folgen und in den kommenden Wochen Menschenansammlungen zu meiden. Überspitzt ausgedrückt, könnte man auch sagen: Wer sich möglichst wenig aus dem Haus bewegt, ist vielleicht übertrieben vorsichtig, aber auf der sicheren Seite. In dieser Situation melden sich die Göttinger Händel-Festspiele zu Wort. Eigentlich ist die Festspielzeit in der rund 120.000 Einwohner umfassenden Universitätsstadt der Mai. In diesem Jahr fand das Festival von Ende August bis Mitte September statt. Und es hat jetzt ein Nachspiel. Denn die Festspiele gehen online. Die komplette Festspielzeit ist ab dem 20. Dezember bis zum 16. Januar auf dem Händel-Kanal zu erleben. Und dazu gibt es ja nun voraussichtlich jede Menge Gelegenheiten. „Wir wollen mit der Nachlese die Zeit zu den kommenden Festspielen überbrücken: Besonders unter dem Eindruck der pandemischen Einschränkungen wollen wir sowohl die Erinnerung an die vergangenen Festspiele wachhalten als auch Vorfreude auf die kommenden schüren“, sagt Intendant Jochen Schäfsmeier.

Rascher Optimierungsbedarf

Ein erster Blick auf die Website löst nur verhaltene Freude aus. Da sind jede Menge Videos, die man anklicken kann, aber es gibt wenig Orientierung. Was auch daran liegen mag, dass die Festspiele selbst etwas von den Entwicklungen überrollt wurden. Denn ursprünglich war eine gemächliche Ausbreitung des Angebots – etwa in der Art eines Adventskalenders – geplant. Die wichtigste Entscheidung war wohl, das Konzertangebot der Festspiele überhaupt im Netz anzubieten. „Künstlerisch überzeugende Darbietungen im Netz brauchen zwingend einen Mehrwert – darum werden wir bewusst die Chancen nutzen, die der digitale Raum bietet“, kündigt Schäfsmeier an. Muss man sich derzeit noch etwas beliebig und ohne rechte Orientierung durch die Seite klicken, ist der Intendant überzeugt davon, dass er seinem Publikum damit eine interessante Alternative bieten kann. „Dabei haben wir vom digitalen Festival im Mai viel gelernt. Etwa, dass solch ein Angebot von immer mehr Menschen genutzt wird und ein zukunftsfähiges Modell sein kann – über die Pandemie hinaus. Sie hat uns herausgefordert, neue Wege zu gehen und moderne Kommunikationswege neu zu erschließen. Wir nehmen die Herausforderung an“, sagt der Konzertmanager.

Dann aber auch bitte ernsthaft. Bislang gibt es keinen „Wegweiser“ durch die Festspiele. Und wer die Videos anklickt, bekommt einen allgemein gehaltenen Werbetext zur Aufführung. Substanzielle Informationen fehlen vollständig. Programmierer und Texter haben hier noch eine Menge zu tun, wenn sie das Online-Festival zum Erfolg führen wollen. Aber die Aussichten eines solchen Engagements sind vielversprechend. In den kommenden Wochen haben die Göttinger die Möglichkeit, so viele Menschen wie noch nie für das Festival zu begeistern. Wenn ihnen das gelingt, werden sie eindeutig zu den Pandemie-Gewinnern gehören, was ja derzeit eher als Schimpfwort gilt. Aber das kann den Festspielen in Niedersachsen ziemlich egal sein. Denn sie können mit einem exquisiten Aufgebot an Künstlern und programmatischen Höhepunkten glänzen. Und sie können einmal mehr zeigen, dass es ohne Online-Angebote nicht mehr geht – auch für Stadttheater, Konzertsäle und Opernhäuser nicht. Wer in diesem Wettbewerb gewinnt, wird sich zeigen. Die Göttinger Händel-Festspiele haben jedenfalls schon mal kräftig vorgelegt.

Michael S. Zerban