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Verachtet mir die Meister nicht

Brigitte Fassbaender gibt jungen Nachwuchskünstlern in ihrem Meisterkurs an der Frankfurter Oper den Feinschliff, den sie in ihrem späteren Sängerleben garantiert nicht vergessen werden.

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Verachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst! So ruft es Hans Sachs in seinem Schlussgesang in Wagners Meistersinger von Nürnberg dem jungen nassforschen Walther von Stolzing zu, der die ihm angebotene Meisterehre ablehnt. Auch heute gilt noch, dass die Jungen von den etablierten und erfahrenen Alten lernen können, wenn sie denn wollen. Ganz besonders gilt das auch in der Kunst und im Gesang. Viele junge Sänger werden nach erfolgreichem Studium oft schnell in Produktionen hineingeworfen und müssen aufpassen, dass ihre noch junge Stimme nicht vorzeitig Schaden nimmt. Ein Meisterkurs bei einem renommierten Sänger oder einer renommierten Sängerin, die auch noch über das entsprechende pädagogische Knowhow verfügen, kann da eine gute Hilfestellung sein, um sich für eine bestimmte Partie oder auch eine bestimmte Gesangstechnik den Feinschliff zu holen.

An der Frankfurter Oper war jetzt Brigitte Fassbaender zu Besuch, um mit drei neuen Mitgliedern des Opernstudios zu arbeiten. Fassbaender, die nicht nur als Sängerin und Regisseurin große Erfolge feierte, weiß auch als Theaterintendantin und Gesangspädagogin um die vielen Facetten der Gesangsstimme. Im Ballettsaal der Frankfurter Oper fand dieser Meisterkurs unter Corona-konformen Bedingungen mit Trennscheiben statt. Für Fassbaender steht die Stimmhygiene im Vordergrund, und sie bezeichnet so einen Meisterkurs auch als ein intimes Zusammenwirken von Lehrer und Schüler. Wichtig ist ihr auch, dass sie die Interaktion mit den Schülern auf Augenhöhe betrachtet, um den hemmenden Respekt seitens der Schüler abzubauen. Die Pädagogin bezeichnet das Handwerk des Gesangs auch gerne als „Maulwerk“. Auch den überbordenden Ehrgeiz von jungen Sängern zu zügeln, sieht sie als ihre Aufgabe. Sie ermuntert ihre Schüler zur Risikofreude im Ausdruck und empfiehlt, nicht nach Perfektion zu streben. Individualität im Gesang und im Ausdruck, vor allem im Liedgesang, das steht für sie ganz im Vordergrund.

Drei junge Sänger aus dem Frankfurter Opernstudio durften nun mit Brigitte Fassbaender arbeiten. Normalerweise findet so ein Kurs hinter verschlossenen Türen statt, gelegentlich auch vor Publikum. Nun konnte man einen derartigen Kurs in Ausschnitten im Stream verfolgen und erleben, wie differenziert und individuell die Fassbaender auf die Sänger und ihre Arien oder Lieder eingeht und intensiv an einzelnen Phrasen arbeitet. Begleitet wurden die drei am Flügel von Michał Goławski und Felice Venanzoni.

Als erste durfte die Sopranistin Ekin Su Pake sich mit der großen Arie der Gilda Caro Nome aus Verdis Rigoletto vorstellen. Die Nervosität war ihr am Anfang anzumerken, denn als sie die Arie zum ersten Mal sang, da war doch vieles gleichtönig. Und die Fassbaender, mittlerweile stolze 81 Jahre alt, aber immer noch vor Vitalität nur so strotzend, weiß sofort, wo sie den Hebel ansetzen muss. Mit korrigierter Atemtechnik, mit Einsatz der Oberschenkel- und Gesäßmuskulatur und mit der Variation im Ausdruck schafft sie es, auch die hohen Töne im Ansatz auszubauen. Auch Singübungen im Sitzen gehören zu den Techniken, die Fassbaender vermittelt. Mit großem pädagogischem Geschick schafft sie es, der jungen Sopranistin sowohl die Nervosität zu nehmen als auch ihr Vertrauen in ihre Stimme und in die hohen Töne zu stärken. Für den Außenstehenden ist es faszinierend zu beobachten, wie sich diese Arie innerhalb kürzester Zeit entwickelt. Für Ekin Su Pake war dieser Kurs sicher sehr hilfreich. Noch ist es zu früh für die Gilda auf der Bühne, aber diese Rolle wird kommen, und dann wird sich Su Pake vor der großen Arie sicher an die Ratschläge erinnern.

Bassbariton Gabriel Rollinson ist da schon ein ganz anderer Typ. Mit viel Selbstbewusstsein und einer warmen, schon fast balsamischen Stimme versucht er die Fassbaender mit Franz Schuberts An die Leier zu betören. Lange arbeiten die beiden am Ausdruck, insbesondere an dem Anfang des Liedes Ich will von Atreus‘ Söhnen, von Kadmus will ich singen! Doch meine Saiten töne nur Liebe im Erklingen arbeiten sie.  „Va pianissimo“ ruft sie dem jungen Sänger zu. Und Rollinson ist sehr schnell lernfähig, und durch die angenommen Empfehlungen verändert sich schnell der Ausdruck. Bei der Interpretation von Liedern kommt es ganz besonders auf den Ausdruck und die Stimmfarbe an, und in diesem Genre ist die Fassbaender aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung eine ganz besondere Expertin. Für Rollinson steht noch ein Lied auf dem Programm, das schon die hohe Schule des Liedgesangs beinhaltet. Es ist der Erlkönig, die wunderbare Ballade von Johann Wolfgang von Goethe in der Liedfassung von Franz Schubert. Auch hier forciert Rollinson in seinem ersten Vortrag sehr stark, und den unheimlichen Erlkönig gibt er fast schon näselnd. „Tolle Version“, kommentiert Fassbaender. Doch die Verfremdung des Erlkönigs wie eine „Knusperhexe“ hat ihr augenscheinlich gar nicht gefallen. Und jetzt kommt die Gesangspädagogin zum Einsatz, die mit Rollinson die Ballade auch inhaltlich noch einmal durchgeht und über die unterschiedliche Interpretation der vier Figuren in der Ballade „Erzähler – Vater – Kind – Erlkönig“ zu einem variablen düsteren und doch farbenreichen Ausdruck zu kommen. Rollinson saugt förmlich die Hilfestellungen Fassbaenders auf, und am Schluss ist auch hier eine deutliche Veränderung im Ausdruck zu vermerken. Der wichtigste Rat von Brigitte Fassbaender an ihn ist, auf sein Stimmmaterial zu achten und keinen Raubbau zu betreiben. Alles andere kommt dann von selbst. Der Bariton verfügt schon jetzt über eine wohltönende, schmeichelnde Stimme. Da hört man schon Anklänge an den Grafen in Mozarts Figaro, und wenn er weiter so intensiv an sich arbeitet und die Frankfurter Oper ihn behutsam aufbaut, dann darf man von diesem jungen Bassbariton in der Zukunft noch viel erwarten.

Auch Sprachkenntnisse sind für den Gesang vonnöten

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Als dritte Sängerin darf nun Mezzosopranistin Marvic Monreal mit Fassbaender arbeiten. Auch sie beginnt mit einem wunderbaren Lied, dem Urlicht aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Gustav Mahler. Und dieses Lied hat es in sich, vor allem der Text:

O Röschen rot! Der Mensch liegt in größter Not! Der Mensch liegt in größter Pein! Je lieber möcht’ ich im Himmel sein! Da kam ich auf einen breiten Weg, da kam ein Engelein und wollt mich abweisen. Ach nein! Ich ließ mich nicht abweisen! Ich bin von Gott, und will wieder zu Gott! Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben. Wird leuchten mir bis in das ewig selig Leben!

Dieses sehr zart und im pianissimo zu singende Lied erfordert nicht nur den emotionalen Ausdruck in der Interpretation, sondern verlangt auch eine präzise Deklamation, und damit auch eine gute Kenntnis der deutschen Sprache und vor allem der Aussprache. Auch darauf weist die Fassbaender hin, und arbeitet mit der Nachwuchssängerin bei diesem Lied nicht nur am Ausdruck, sondern auch an der korrekten Betonung der Vokale. Hier muss Monreal noch sehr an sich arbeiten, auch an der deutschen Sprache. Bei der Seguidilla aus Bizets Carmen fühlt sich Monreal deutlich sicherer, doch auch hier stehen Aussprache und Interpretation im Fokus Fassbaenders.

Trotz Trennscheibe, für die drei Nachwuchskünstler war dieser Meisterkurs sicher eine große Hilfestellung auf ihrem weiteren Weg. Und es ist vorbildlich, wenn ein Haus wie die Frankfurter Oper ihrem musikalischen Nachwuchs derartige Hilfestellungen offeriert. Einziger Wehmutstropfen im Stream war die schlechte Bildqualität. Ansonsten war es ein seltener, aber erhellender Blick über die Schulter einer professionellen Gesangspädagogin und lässt auch erahnen, wie viel Arbeit in der Einstudierung einer Partie, einer Rolle oder eines Liedes liegt.

Andreas H. Hölscher