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Das Große im Kleinen

Die Messa da Requiem von Giuseppe Verdi aus dem Jahr 1874 wird gern mit großem Orchester und Chor aufgeführt. In der kleinen Tersteegenkirche in Düsseldorf müsste man vermutlich anbauen, um überhaupt die Besetzung unterzubringen. Dass Kantorin Yoerang Kim-Bachmann das Requiem am 21. November genau dort aufführt, liegt an Corona.

Judith Hoffmann, Benjamin Hoffmann, Paulina Schulenburg, Rolf A. Scheider und Yoerang Kim-Bachmann – Foto © O-Ton

Die Tersteegenkirche ist eine kleine evangelische Kirche im Düsseldorfer Stadtteil Golzheim, die recht versteckt in einem Wohngebiet liegt. Benannt ist sie nach dem Laienprediger Gerhard Tersteegen, der im 18. Jahrhundert am Niederrhein wirkte. Mit großen Musikwerken ist sie bislang nicht an die Öffentlichkeit getreten. Das will Kantorin Yoerang Kim-Bachmann jetzt ändern. Wenn auch nicht ganz so, wie man sich das auf den ersten Blick vorstellt. Auf dem Plakat ist das Verdi-Requiem angekündigt.

Das Requiem aus dem Jahr 1874 wird liebevoll-ironisch „Verdis beste Oper“ genannt. Ursprünglich aus dem Libera me der Messa per Rossini anlässlich des ersten Todestages von Italiens großem Dichter Alessandro Manzoni entwickelt und zu seinen Ehren in der Mailänder Kirche San Marco uraufgeführt, spielt das Requiem in der heutigen Liturgie keine Rolle mehr, sondern wird wegen des enormen Aufwands gern als Kirchenkonzert aufgeführt. Schließlich ist dafür in der Originalfassung großes Orchester und großer Chor vorgesehen. Für die Tersteegen-Kirche würde das bedeuten, dass das Publikum von außen zuhören müsste.

Ein ähnliches Problem hatte Michael Betzner-Brandt. Der Berliner Chorleiter und Musikpädagoge wollte das Werk gern mit seinem Kammerchor aufführen. Also schuf er kurzerhand eine Fassung für Kammerchor und Kammerensemble, die 2013 erschien. Dabei machte er keine Abstriche bei den stimmlichen Anforderungen oder gar den Texten. Es bleibt weiter bei einer Aufführungslänge von anderthalb Stunden. Diese Version dient Kim-Bachmann als Grundlage für ihre Aufführung. Und so haben sich unter der Ägide der Kantorin 23 Chormitglieder, vier Solisten und fünf Musiker zur Generalprobe versammelt.

Neben der Kantorei der Gemeinde treten die begnadete Sopranistin Judith Hoffmann und der wirkmächtige Bass-Bariton Rolf A. Scheider an, die das Oratorium bereits am 17. November 2018 gemeinsam in der Erlöserkirche Langenfeld mit überwältigendem Erfolg unter der musikalischen Leitung von Esther Kim gesungen haben. Ihnen zur Seite stehen diesmal Mezzosopranistin Paulina Schulenburg, die im Sommer bei einem Galerie-Konzert mit außergewöhnlicher Stimme begeisterte, und der Tenor Benjamin Hoffmann, der bei der Generalprobe einige Male aufhorchen lässt. Bei diesem Quartett braucht die Dirigentin nichts mehr zu feilen. Wer einmal große Stimmen aus nächster Nähe erleben möchte, ist beim Konzert in der Tersteegenkirche genau richtig.

Auch beim Laienchor, der in dem verhältnismäßig kleinen Kirchenraum große Wirkung entfaltet, hat Kim-Bachmann kaum mehr etwas zu bemängeln. Die lateinischen Texte kommen fließend und werden mit Nachdruck vorgetragen. Hier kündigt sich ein echtes Ereignis an.

Die größten Erwartungen liegen bei der instrumentalen Besetzung. Mit einer einfachen Reduktion der Instrumente kommt man nicht weit, wird sich Betzner-Brandt gedacht haben und hat kurzerhand eine neue Besetzung gewählt. Jetzt sitzt Moritz Mögel am Flügel, hinter ihm Woldzimierz Gula am Kontrabass. Links vom Pult haben Bert Bürgers mit seinem Horn und die Perkussionisten Pavel Beliaev und Ralf Zartmann Platz genommen. Die haben eine große Trommel, zwei Becken und, wie es für moderne Arrangements fast schon Pflicht zu sein scheint, ein Marimbafon zur Verfügung. Ohne die ursprüngliche Fassung in Frage zu stellen, hat Betzner-Brandt ihr ein wenig Patina genommen. Der sakrale Klang wirkt reduziert und moderner, fast schon beschwingt. Ob man Verdi-Anhänger damit begeistern kann, sei dahingestellt. Aber Menschen, die immer schon mal ein Oratorium hören wollten, ohne sich zu sehr mit althergebrachten Klängen zu beschäftigen, sollten jetzt die Gelegenheit wahrnehmen, einen frischen Blick auf dieses eindrucksvolle Werk zu wagen.

Wer sich noch kurzentschlossen auf den Weg machen will, um das Konzert am 21. November um 17 Uhr zu besuchen, sollte sich etwas mehr Zeit für die Anfahrt nehmen. Lohnenswert scheint es allemal.

Michael S. Zerban