O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Tonhalle Düsseldorf - Foto © O-Ton

Hintergründe

Konzertmarathon am Rhein

Zum zweiten Mal werden in der Tonhalle Düsseldorf Musiker aus der so genannten Freien Szene auftreten. Ende April ist die Bewerbungsfrist für die Musiker ausgelaufen. Jetzt stehen die Teilnehmer am Marathonkonzert am 10. Juni fest. Da das Konzert bei freiem Eintritt bei YouTube übertragen wird, dürfen die auserwählten Musiker mit bundesweiter Beachtung rechnen. Es gibt interessante Projekte.

Michio Woirgardt – Bildschirmfoto

Michio Woirgardt strebt gerade dem Höhepunkt seiner zweiten Karriere entgegen. Nach dem Gitarrenstudium in Saarbrücken und Wien entwickelte er sich rasch zum Flamenco-Gitarrenvirtuosen mit Tourneen durch die ganze Welt, drei Alben nahm er auf, war der bis dahin einzige nichtspanische Solist beim Flamenco-Festival in Jerez. 2010, nach einer letzten Japan-Tournee, überfiel ihn die Sinnkrise. Ständig von der geliebten Frau getrennt, sollte er bis zum Lebensende Flamenco spielen? Choreografin und Tänzerin Maura Morales hatte er 1996 in Wien kennengelernt, das war schon was Ernstes. Also Ende mit Flamenco, Beginn der Zusammenarbeit in der Maura Morales Cooperativa. Woirgardt begann zu komponieren, damit seine Musik zu den Stücken passte, die Morales schuf. Schon mit dem zweiten Stück, Wunschkonzert, gingen sie auf die Erfolgsspur. 90 Aufführungen in 19 Ländern schufen die Grundlage für eine Zusammenarbeit, die bis heute anhält und deren Zentrum heute in Düsseldorf ist. Düsseldorfer kennen Woirgardt bevorzugt, weil er gerne mit seinem Rennrad seine Runden zur Entspannung dreht und als Live-Musiker bei den Aufführungen der Maura Morales Cooperativa. Die wenigsten wissen, dass seine Kompositionen sich größter Beliebtheit in der Ballettszene erfreuen. Und so eilt er auch im Lockdown von Auftrag zu Auftrag, denn die Probenarbeiten an den Häusern laufen weiter – und dazu braucht man Musik. Dabei bleibt er allerdings das, was Musiker am wenigsten lieben: so gut wie unsichtbar. Auf der großen Bühne wird man als Komponist für Ballettmusik halt nicht gesehen. Eine Freundin rief ihn an, er solle doch mal ein Video bei der Tonhalle einschicken, die suchten Musiker aus der Freien Szene für einen Konzertabend. Jetzt ist Woirgardt einer der zwölf Einzelmusiker und Ensembles, die am 10. Juni an Neuland teilnehmen. Rund 60 Bewerbungen gingen auf den Aufruf ein. „Die von uns ausgewählten zwölf Acts sind nur die Spitze eines beeindruckend großen, unglaublich vielfältigen Eisbergs. Der 10. Juni wird ein Fest für die Musik und für Düsseldorf“, freut sich Michael Becker, Intendant der Düsseldorfer Tonhalle.

Rolf A. Scheider – Foto © Karnath

Das Besondere an Neuland ist, dass hier durchweg arrivierte Künstler mit neuen Projekten oder in neuen Kombinationen antreten. Also weder Nachwuchs noch Wettbewerb, sondern gestandene Musiker, die gemeinsam auf der Bühne stehen. So wie der Bassbariton Rolf A. Scheider. Für den freischaffenden Opernsänger brach im ersten Lockdown die Welt zusammen. Ein Auftrittsverbot, das hätte er sich in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft nie und nimmer vorstellen können, egal, aus welchen Gründen. Plötzlich war er wie so viele andere Künstler sämtliche Auftrittstermine los. Seine Lehrtätigkeit half ihm halbwegs über die Runden, denn auf staatliche Unterstützung hatte er aus immer wieder anderen Gründen keinen Anspruch. Auch damit ist er, wenn auch nicht so viel darüber gesprochen wird, eher bei der Mehrheit der Einzelkünstler im vergangenen Jahr. Es gehört zum wichtigsten Handwerkszeug des Freischaffenden, sich selbst zu disziplinieren, und so hatte Scheider bereits ein neues Projekt in der Schublade, als er sich ebenfalls für die Teilnahme bei Neuland bewarb. Er wird Dmitri Schostakowitschs Liederzyklus für Bass und Klavier, opus 121, singen, allerdings nicht in Klavierbegleitung, sondern zu den Klängen eines Bajans. Ein Bajan ist eine Art chromatisches Knopfakkordeon und kommt aus Osteuropa. Eine ungewöhnliche Kombination, auf die man sich freuen darf, wie Scheider versichert.

Ungewöhnliche Projekte sorgen für Vielfalt

Früher hat Ralf Zartmann in Festanstellung bei den Düsseldorfer Symphonikern getrommelt. Längst hat der Perkussionist sein eigenes Studio – und im Lockdown viele Ideen entwickelt. Dabei ist ihm die Vernetzung der Düsseldorfer Musiker eine Herzensangelegenheit. Dafür tritt er immer wieder ein, und so ist es ihm ein besonderes Vergnügen, an Neuland teilzunehmen. Selbstverständlich nicht allein. Mit zwei Kollegen am Schlagwerk und der Pianistin Catherine Klipfel wird er John Cages Stück Credo in us aufführen.

Etwas skurriler dürfte es beim Auftritt von Lex Eazy & The Mambo Club zugehen. Eigentlich ist das Ensemble um Vibrafonist Alexander Maczewski mit lateinamerikanischem Repertoire unterwegs. In der Tonhalle wird es Fernsehmelodien der 1970-er Jahre erklingen lassen. Da kann man jetzt schon mal alte Programmzeitschriften durchblättern, was da auf das Publikum zukommen könnte. Wieder eine ganz andere Klangrichtung wird die elektronische Soundkünstlerin Miki Yui einschlagen. Sie schließt sich an diesem Abend mit dem Cellisten Michiaki Ueno zusammen. „So etwas habe ich noch nie gemacht. Es wird ein großes Experiment“, freut sich Yui auf die neue Erfahrung. Keine große Überraschung wird das Programm des Klavierduos Anke Pan und Yuhao Guo werden. Die beiden haben gerade ihre Debüt-CD veröffentlicht. Mothers of Guru, das Ensemble Unterwegs, das Gitarrenduo Two Four Twelve und das Kammerorchester Vivazza stehen ebenfalls auf der Gästeliste von Neuland.

Livestream sorgt für weltweite Aufmerksamkeit

Ralf Zartmann – Foto © O-Ton

Mit Neuland wagen Intendant Becker, seine Musikvermittlerin Ariane Stern, die die Veranstaltung verantwortet, und ihr Team einen großen Schritt, den gewollten Ruf als das Wohnzimmer der Musik in der Stadt zu festigen. Noch gehen die Gedanken nicht viel weiter als bis zum 10. Juni, weil die Organisation der Aufführung alle Kräfte bindet. Ob sich daraus wirklich so etwas wie eine Solidaritätsgemeinschaft Düsseldorfer Musiker bildet oder dieser Wunsch auf vielen Seiten weiterhin Utopie bleibt, kann erst die Zukunft zeigen. Klarinettist Thomas Weißschnur, der mit dem Choreografen Martin Chaix ein Stück von Steve Reich für Live-Klarinette und Tonband mit zwei Tänzerinnen vorbereitet hat, betont schon einmal die Signalfunktion des Projekts Neuland. „Die Idee, etwas gemeinsam zu machen, hatten wir schon lange. Aber uns fehlte ein konkretes Ziel“, sagt er. Vorerst gibt es finanzielle Grenzen, die nicht zu überwinden gewesen wären, hätte es nicht die großzügige Unterstützung des Rotary-Clubs Düsseldorf-Süd gegeben. Der hatte sein finanzielles Engagement ursprünglich nur für einen Live-Auftritt vor Publikum in Aussicht gestellt, jetzt aber freut sich Stephan Hinsche, Präsident des Clubs, sehr darüber, dass es einen für das Publikum kostenlosen Livestream gibt. Schließlich wird das Konzert so nicht „nur“ vom Düsseldorfer Publikum, sondern bestenfalls weltweit zur Kenntnis genommen. Auch wenn Becker schon jetzt wieder die Inzidenz-Zahlen mit Argusaugen verfolgt und darauf hofft, vielleicht doch noch Publikum im Haus zulassen zu können, bleibt es auf jeden Fall beim Livestream. Ermutigt werden dürfte der Intendant durch die Tatsache, dass die Infektionszahlen rascher fallen, als die Impfungen nachkommen könnten. Der Frühling ist da.

Inzwischen haben die Vorbereitungen für das Großereignis begonnen. Die Musiker haben sich in der Tonhalle getroffen, einige von ihnen haben wohl zum ersten Mal die Bühne des Konzertsaals betreten. Die Vorfreude ist groß. „Es tut einfach nur gut, wieder auf der Bühne zu stehen“, bringt Sängerin Elisa Rabanus vom Priamos Ensemble das gemeinsame Gefühl der Künstler auf den Punkt. Da ist die Hoffnung groß, dass sich die Begeisterung auch auf das Publikum überträgt, wenn es am 10. Juni um 19 Uhr einschaltet, um ungewöhnliche Projekte in neuen Konstellationen und vermutlich auch an „neuen“ Spielorten in der Tonhalle zu erleben.

Michael S. Zerban