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Nachruf

Abschied von Raimund Hoghe

Im Alter von 72 Jahren ist Choreograf und Tänzer Raimund Hoghe am 14. Mai gestorben. Ein persönlicher Nachruf von Michael S. Zerban

Raimund Hoghe – Foto © Rosa Frank

Es gibt nicht so viele Bilder, die mir von Raimund Hoghe ins Gedächtnis geschrieben sind. Aber die bedächtigen Gänge auf der Bühne, das Verteilen von Rosen werde ich nicht vergessen. Er war so etwas wie eine Legende, und daran hat er auch heftig gearbeitet. Das konnte mich nicht besonders beeindrucken. Das gehört zum Job. Und er wusste auch, seine körperliche Einschränkung in seine berufliche Karriere einzubauen. Sein gutes Recht. Aber darauf als Choreograf und Tänzer hinzuweisen, wollte ich nicht gelten lassen. Ich lernte Hoghe erst vor einigen Jahren kennen. Wir verabredeten uns zu einem Interview in seiner Düsseldorfer Wohnung. Er bat mich, die Schuhe auszuziehen. Wir ließen uns in einem Wohnzimmer nieder, das teuer eingerichtet, geräumig, aber eher steril wirkte. Nach kurzer Zeit öffnete Hoghe sich und erzählte von seiner Liebe zur Musik, zum Tanz und von der Notwendigkeit, die Musik vergangener Zeiten zu ehren. Er war mit dem Beitrag, der auf dieser Grundlage entstand, sehr zufrieden.

Das erfüllte mich bei aller professioneller Distanz ein wenig mit Stolz. Schließlich hatte ich da mit jemandem geredet, der in seiner Jugend als Journalist über Außenseiter und Prominente in der damals bedeutenden Wochenzeitung Die Zeit berichtete. Das war, bevor er zehn Jahre lang beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch arbeitete. Darüber schrieb er zwei Bücher. Und schlug Kapital daraus. Ein kleiner Mann – 1,57 Meter hat mal irgendjemand nachgemessen – mit einer körperlichen Einschränkung wurde Choreograf und Tänzer. Seine Erscheinung war immer würdevoll, scheu, zurückhaltend. Wenn wir uns später begegneten, wusste ich nicht, ob er mich erkannte. Aber unsere Korrespondenz war von einer überbordenden, längst vergangenen Höflichkeit geprägt.

„Wenn er politisch wird, wird er richtig gut“, hat Bettina Masuch, Intendantin am Tanzhaus NRW, mit dem er über viele Jahre eng verbunden war, einmal über ihn gesagt. Und das stimmte. Zum Teil. Immer wieder überzeugte er auch mit einer scheuen Poesie, die unter die Haut kroch und lange nachwirkte. Er brauchte den Buckel nicht, seine Arbeiten wirkten allein durch seine Persönlichkeit. Das habe ich ihm nie gesagt. Aber geschrieben. Hoghe gefiel das. Ich konnte sicher sein, dass ich spätestens einen Tag nach der Veröffentlichung einer Besprechung über ihn Post erhielt mit der Bitte, den Beitrag auf seiner Webseite übernehmen zu dürfen.

Näher sind wir uns nicht gekommen. Hoghe grenzte sich gern ab, aber wer sein Herz gewann, war seiner Treue gewiss. Wie der bildende Künstler Luca Giacomo Schulte, der seit 1992 mit ihm arbeitete und bis zuletzt sein künstlerischer Mitarbeiter blieb. Fotos blieben seiner Fotografin Rosa Frank vorbehalten, die seine Sensibilität, seine dünne Haut, seine künstlerische Kraft gekonnt ins rechte Licht setzte.

Traces hätte sein nächstes Stück heißen sollen, ein kurzes Solo „um das, was von den im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen bleibt“, schrieb Hoghe mir im Januar. Die lagen Hoghe besonders am Herzen. Dazu sollte es nicht mehr kommen, weil das Tanzhaus NRW als geplanter Ort der Uraufführung geschlossen bleiben musste. Jetzt ist Raimund Hoghe, einer der ganz Großen des zeitgenössischen Tanzes, von uns gegangen und wir werden ihn vermissen.

Michael S. Zerban