O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Die Proben laufen. - Foto © O-Ton

Hintergründe

Wieder auf die Bühne

Vor drei Jahren konnte die Opernklasse der Robert-Schumann-Hochschule ihren letzten Erfolg mit dem Sommernachtstraum von Benjamin Britten im Partika-Saal feiern. Jetzt dürfen die Nachwuchssänger endlich wieder auf die Bühne. Kein geringeres Werk als La bohème von Giacomo Puccini wird aufgeführt werden, egal, welche Schwierigkeiten es dabei zu überwinden gilt.

Pauline Asmuth, Jakob Kleinschrot und Julia Wirth – Foto © O-Ton

Die Geschichte beginnt mit einem Misserfolg. Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlicht Henri Murger in der Zeitschrift Le Corsaire-Satan über vier Jahre seinen Episodenroman Scènes de la vie bohème, der keine große Beachtung fand. Der Begriff des Bohèmien gewann etwa in dieser Zeit Bedeutung als Beschreibung eines notleidenden, aber idealistischen Menschen, eines jungen Künstlers oder Intellektuellen, der das Materielle verachtet. Er bezog sich in dieser Zeit auf die Pariser Studenten im Quartier Latin. Weltweit bekannt wurde die Bohème durch eine der schönsten und anspruchsvollsten Opern der Musikgeschichte. 1896 fand die Uraufführung von La bohème von Giacomo Puccini im Theater von Turin unter der musikalischen Leitung von Arturo Toscanini statt. „Losgelöst davon, dass Puccini Paris ja gar nicht kannte, als er es komponiert hat, und das in seiner Zeit am Mailänder Konservatorium quasi kombiniert hat und das deshalb auch so authentisch wirkt“, erzählt Regisseur Ansgar Weigner, der sich gerade intensiv mit dem Stoff auseinandersetzt.

Denn der Leiter der Opernklasse an der Robert-Schumann-Hochschule, Thomas Gabrisch, hat beschlossen, dass die diesjährige Aufführung der Nachwuchssänger die Bohème sein soll. „Wir haben sehr viele gute Männerstimmen im Moment, die ich gern in einem Stück rausstellen wollte. Wir haben wirklich fantastische Tenöre, Baritone, Bässe. Und ich dachte, das ist eigentlich perfekt dafür jetzt. Und noch die entsprechenden Soprane dafür“, freut sich der Dirigent, der 2019 mit Benjamin Brittens Sommernachtstraum zum letzten Mal mit seinen Studenten im Partika-Saal der Hochschule auftreten durfte, ehe die Pandemie weitere der normalerweise jährlich stattfindenden Aufführungen zunichtemachte. Jetzt geht es also los mit einem Stück, für das junge Leute eigentlich die Idealbesetzung sind.

Vier junge Künstler – der Poet Rodolfo, Maler Marcello, Musiker Schaunard und der Philosoph Colline – darben in einer Wohngemeinschaft im Pariser Quartier Latin. Die Näherin Mimì tritt in das Leben von Rodolfo, und Marcello findet zu seiner Freundin Musetta zurück. Das könnte alles so schön sein, litte Mimì nicht an Schwindsucht. Und so bleibt es bei der alten Erkenntnis: Nirgendwo wird so viel gestorben wie auf der Bühne. Für Puccini eine großartige Gelegenheit, wunderbare Arien zu erschaffen. Für junge Leute die Schwierigkeit, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen.

Da stellt sich schon im Vorfeld die Frage, wer die nötige Reife hat, bei einem solchen Werk auf der Bühne zu stehen. In der Robert-Schumann-Hochschule wird so etwas mit Expertise entschieden. Nicht persönliche Sympathien sorgen für die Besetzung, sondern ein Vorsingen vor den Lehrkräften, die an der Opernklasse beteiligt sind. Und möglichst viele sollen die Chance bekommen, an der Aufführung teilzuhaben. Deshalb sind auch Zweit- und Drittbesetzungen auszuwählen. „Hätte ich gar nicht damit gerechnet, dass es so schnell kommt im dritten Semester. Dass man dann schon in einer riesigen Puccini-Oper als Mimì auf der Bühne stehen kann. Das ist natürlich nicht nur eine kleine Rolle, das ist die Rolle. Ich konnte das eigentlich gar nicht fassen, als die Besetzungszettel herauskamen, dass ich da wirklich die Mimì singen darf.“ Julia Wirth klingt immer noch ungläubig. Aber die Vorfreude ist groß. Ihr Weg schien vorgezeichnet. Nach dem Abitur absolvierte sie rasch das Bachelor-Studium der Betriebswirtschaft. Aber richtig glücklich wurde sie damit nicht. Auf Umwegen kam sie zu Konrad Jarnot. Der Gesangsprofessor ließ sie vorsingen und nahm sie sofort in seiner Klasse auf. Seitdem singt sie sich kometenhaft nach vorn. Derzeit nimmt sie an einem internationalen Gesangswettbewerb bereits auf Bundesebene teil. Nachdem sie gerade ihre Corona-Infektion überwunden hat, ist das Ziel klar. „Und das ist, jetzt eben alles reinzustecken, das ganze Herzblut und die ganze Leidenschaft, für was man es macht.“ Ihr Lehrer weiß, dass Wirth zu Größerem berufen ist. „An dem Mädchen ist wirklich was Besonderes. Und was das Besondere ist: Dass sie den X-Factor tatsächlich hat und es nicht weiß. Zum Glück!“, sagt Jarnot.

Die Motivation siegt

Konrad Jarnot – Foto © O-Ton

Es ruckelt ganz schön bei den Vorbereitungen zum nächsten Auftritt der Opernklasse, der von der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg auch in diesem Jahr unterstützt wird. Nacheinander melden sich die jungen Sänger mit einer Corona-Infektion krank. So auch Tenor Jakob Kleinschrot, der bei Jarnot ebenfalls hoch im Kurs steht. „Der Jakob hat eine Höhenbegabung. Wenn er sich dem hingibt, und ich habe das erlebt, und wenn er dann den Hals öffnet und es einfach strömen lässt, und an nichts anderes denkt als nur an Wohlklang und Puccini und genau, was die Botschaft ist, dann ist es berückend“, beschreibt Jarnot seinen Schüler, der Rodolfo interpretieren wird. „Ich kann natürlich von Glück reden, dass ich noch nicht so eine Situation wie Rodolfo erleben musste. Aber gerade die Situation, die er erlebt – er beschreibt ja auch irgendwo sein Erwachsenwerden – und in dieser Lage befinden sich meine Kommilitonen und ich ja auch gerade irgendwo. Da sind viele Anknüpfungspunkte“, beschreibt Kleinschrot seine Rolle. Er stammt aus Würzburg, hat bereits das Studium der Schulmusik hinter sich und scheint abgeklärt genug, sich in die ungemein anspruchsvolle Auseinandersetzung mit Mimì zu begeben. Auch wenn er erst über wenig Opernerfahrung verfügt. Aber gerade das reizt ihn. Deshalb ist er nach Düsseldorf an die Hochschule gekommen. „Immer wieder denkt man dann auch schon daran, wie es wird, wenn dann Leute zuschauen. Man hat schauspielerisch viel zu tun und muss gleichzeitig die Arien bewältigen. Aber für solche Gedanken bleibt eigentlich gerade wenig Zeit in der Probenarbeit“, sagt der junge Sänger.

Inzwischen sind die Proben in vollem Gange. Im Partika-Saal, dem Konzertsaal der Hochschule, sind bereits schmucklose, graue Wände aufgestellt. Was es damit auf sich hat, will der Regisseur noch nicht verraten. Nur so viel, dass grau Farben gut einfängt, die Hochschule über einen großen Projektor verfügt und der zweite Akt damit ziemlich bunt werden könnte. Ein paar Requisiten werden das Übrige erledigen. Aber für das Bühnenbild haben die Sänger im Moment ohnehin noch keinen großen Sinn. „Wir hören im Moment sehr auf die Musik, weil das bei Puccini schon 80 Prozent der Szene sind. Es gibt kein Konzept. Also wir spielen das nicht unter der Autobahnbrücke, und wir spielen das auch nicht 2020. Es liegt ja bei La bohème und La traviata auch nahe, die Corona-Thematik aufzugreifen, aber ich glaube, das möchte zurzeit kein Mensch sehen“, erzählt Ansgar Weigner. Der freiberufliche Regisseur, der nach seinem Studium der Musikwissenschaften, Kunstgeschichte und Germanistik bereits über 50 Produktionen inszeniert hat, hat sich bereit erklärt, die Bohème mit den Studenten auf die Bühne zu bringen. Schon nach den ersten Proben weiß Weigner, dass er hier „leichtes Spiel“ hat, denn „die sind alle unglaublich spielbegabt“. Er sieht in Puccinis Oper tatsächlich das perfekte Hochschulstück, weil es so nah an der Lebenswirklichkeit der Studenten sei. Das habe er schon in den ersten Gesprächen feststellen können. Und darin stimmt er im Wesentlichen auch mit den hochmotivierten Nachwuchssängern überein. Pauline Asmuth weiß allerdings auch, dass sie an ihrer Rolle noch ziemlich feilen will. Denn eine Musetta zu singen und zu spielen, ist ja nicht etwas, was jeden Tag im Studentenleben vorkommt. Die 24-Jährige ist in Bochum aufgewachsen. Nach Düsseldorf kam sie, um ihr Gesangspädagogik-Studium an der Robert-Schumann-Hochschule zu absolvieren. Das hat sie inzwischen beendet und arbeitet jetzt mit Jarnot an ihrem Master in Opern-, Lied- und Konzertgesang. Der Bariton hat sie auch bei ihrem Fachwechsel vom Mezzosopran zum Sopran vor einem halben Jahr begleitet. „Der Respekt vor Musetta ist natürlich groß, aber der Spaßfaktor riesig“, sieht er die Musetta bei Asmuth gut aufgehoben. In der Rolle sieht die Sopranistin Chance wie Herausforderung gleichermaßen. „Die Musetta ist, ja, unglaublich wild und energisch. So ein bisschen sparkling. Und auch dieses sehr Kokette, was sie hat. Das fehlt mir, glaube ich, ein bisschen“, erzählt Asmuth. Gemeinsam sei ihnen hingegen eine gewisse Bodenständigkeit, vielleicht eine Emanzipiertheit, wie sie es nennt. Trotzdem möchte sie den Charakter um nichts missen. „Sie hat eine unglaubliche Wut hinter allem, was sie macht. In meinen Augen. Was sie so antreibt. Und ich glaube, da kann man sich als Frau eine Scheibe von abschneiden“, sagt die junge Sängerin. Das klingt vielversprechend.

Trotz oder wegen aller Hürden sind die Studenten, das ist aus jedem ihrer Sätze herauszuhören, mit Feuereifer dabei. Anfang April werden sie die Bühne im Partika-Saal stürmen, um als zeitlose Bohèmiens ihr Publikum zu erobern. Thomas Gabrisch hat derweil schon einmal dafür gesorgt, dass die Wahrscheinlichkeit, erneut an Corona-Vorschriften zu scheitern, gegen Null gesenkt wird. Und so wird es weder die klassische Chor- noch Orchesterbesetzung geben. Beide treten üblicherweise in einer Stärke von etwa 60 Personen auf. Der Künstlerische Leiter der Opernklasse weicht auf eine neu arrangierte Fassung aus, die nicht nur die Raum- und damit die Abstandsverhältnisse berücksichtigt, sondern auch der Akustik eher angemessen ist. Und während Gabrisch sich jetzt ganz darauf konzentriert, das eigens für diese Aufführung zusammengestellte Orchester einzustudieren, steht sein Urteil über die jungen Sänger schon fest. „Die sind super drin im Stück. Die kennen ihre Partien rückwärts und sind gierig auf jeden Hinweis, wie spiele ich denn so was. Und das ist ein Kapital, aus dem wir schöpfen können“, sagt er. Ansgar Weigner pflichtet ihm bei. Er sehe in den schauspielerischen Fähigkeiten der Studenten keine Leerstellen, betont er. „Ich finde, die schöpfen wahnsinnig aus ihrer eigenen Situation“, sagt er. Na, dann können sie ja kommen, die Dichtervagabunden. So wurden die Bohèmiens 1830 in Deutschland genannt.

Michael S. Zerban