O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Bildschirmfoto

Hintergründe

Deutsche Nationaloper

Keine Oper ist mit der deutschen Romantik so eng verbunden wie Carl Maria von Webers Der Freischütz, deren Uraufführung jetzt den 200. Geburtstag feiert. Auch wenn die Uraufführung in Berlin war, mit keiner anderen Stadt und keinem anderen Opernhaus als Dresden ist diese Oper verbunden. Darf man heute noch den Begriff Nationaloper verwenden?

Bildschirmfoto

Vor genau 200 Jahren, nämlich am 18. Juni 1821, wurde Der Freischütz in Berlin uraufgeführt. Nur wenige Monate nach der Berliner Premiere dirigierte Carl Maria von Weber, seit 1817 Kapellmeister und Direktor der Deutschen Oper am Königlich Sächsischen Hoftheater, seinen Freischütz auch an der Dresdner Opernbühne, wo er zehn Jahre lang wirkte. Ein Alleinstellungsmerkmal in der Historie der Sächsischen Staatsoper hat Der Freischütz mit seither annähernd 1.500 Vorstellungen einen festen Platz im Semperoper-Repertoire und ist zugleich Dresdens meistgespielte Oper. Seither ist das Werk in den Spielplänen der Staatsoper Dresden stets präsent. Die Staatsoper zeigt aus diesem Anlass ihre letzte Produktion aus dem Jahre 2015 im Stream. Begleitet wird das Jubiläum von einer virtuellen Ausstellung zum Thema „200 Jahre Freischütz“ auf der Website der Semperoper Dresden. Die Inszenierung von 2015 ist eine Jubiläumsinszenierung. Dreißig Jahre zuvor, nämlich am 13. Februar 1985, war am 40. Jahrestag der Bombardierung von Dresden und der damit einhergehenden Zerstörung der Semperoper die wiederaufgebaute Sächsische Staatsoper Dresden feierlich mit einer Aufführung des Freischütz in der Inszenierung von Joachim Herz wiedereröffnet worden. Die Oper war das letzte Werk, das die Semperoper zeigen konnte, bevor am 31. August 1944 auf Befehl der Nazis überall die Vorhänge für den Rest des „Tausendjährigen Reiches“ fielen. Die Übertragung am 13. Februar 1985 sowohl im DDR-Fernsehen als auch in der ARD ist auch ein Stück deutsch-deutscher Geschichte.

Entstehungsgeschichte

Carl Maria von Weber hielt sich in den Sommermonaten gerne in Hosterwitz bei Dresden auf. Dort soll ihm ein Bauer in einem nahegelegenen Gasthof, wo er gelegentlich sein Bierchen trank, die Geschichte vom Freischütz und den Freikugeln erzählt haben. In der romantisch gelegenen kleinen Fischerkirche zu Hosterwitz, wo Weber während eben dieser Sommeraufenthalte die Gottesdienste besuchte, sollen ihn zwei ältere Damen, die völlig falsch in den Gemeindegesang einstimmten, zur Musik des Jungfernkranzes inspiriert haben. Nicht zuletzt siedelte Weber seine Oper gedanklich in der wild-romantischen Landschaft der nahen Böhmisch-Sächsischen Schweiz, dem Elbsandsteingebirge und die „Wolfsschlucht“ in der Nähe des darin gelegenen Kurortes Rathen an, wo es heute noch Freilichtaufführungen des Werkes gibt. Seine Wurzeln hat der Freischütz jedoch in Leipzig. 1810 erschien hier die gleichnamige Novelle von August Apel, der mit dem späteren Librettisten der Oper, Johann Friedrich Kind, die Leipziger Thomasschule besuchte. Apels Erzählung spielt in Lindenhayn bei Leipzig und endet tragisch: Max, in der Erzählung Wilhelm, tötet beim Probeschuss seine Braut und verfällt dem Wahnsinn. Friedrich Kind, der eng mit Weber zusammenarbeitete, verlegte die Handlung nach Böhmen, kurz nach der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, in eine Zeit, in der man noch Kugeln für Vorderlader goss. Am Ende schützt der Eremit, eine neu in die Geschichte eingeführte Person, Agathe vor der Teufelskugel und Max vor dem Zorn des Fürsten und führt so die Geschichte zu einem glücklichen Ende. 1816 lernte Kind dann den Komponisten Carl Maria von Weber kennen, und der Grundstein für die erste große deutsche romantische Oper wurde gelegt. Als musikalischer Leiter der Deutschen Oper in Dresden trat Weber in Beziehung zu dem Rechtsanwalt und Mitherausgeber der Dresdner Abendzeitung, Johann Friedrich Kind, der sich als vielseitiger Schriftsteller im geistigen Leben Dresdens profiliert hatte. Inspiriert durch das Gespensterbuch schuf Weber auf ein Libretto von Kind den Freischütz, dessen Schicksalsdrama dem damaligen Zeitgeist mit seinen Neigungen zu übersinnlichen Stoffen entsprach. Ursprünglich hatte die Oper den Arbeitstitel Die Jägersbraut. Der Seifersdorfer Carl Graf von Brühl, der von 1815 bis 1828 Intendant der königlichen Theater Berlins war, bat Weber mehrfach, seine Oper fertigzustellen und gab auch den entscheidenden Hinweis darauf, dass die Oper Der Freischütz heißen sollte. Weber besuchte Brühl auch in Seifersdorf und führte einen regen Briefwechsel mit dem Intendanten. So bat Weber in einem Brief vom 12. August 1819 um einen Besuch in Seifersdorf und wollte Brühl seine Oper nach Seifersdorf zur Durchsicht schicken. Am 13. Mai 1820 schließlich vermeldet Weber in seinem Tagebuch: „Ouvertüre der Jägersbraut vollendet und somit die ganze Oper. Gott sei gelobt und ihm allein die Ehre.“ Ursprünglich hatten Kind und Weber den Eremiten schon zu Beginn auftreten lassen, aber auf Rat von Webers Verlobter Caroline Brandt wurde alles vor dem Schützenfest gestrichen. Weber schrieb an Caroline: „Du fasstest zuerst den kühnen Gedanken, den ganzen ersten Akt wegzuwerfen, und auch den Einsiedler – weg! weg! schriest du immer. Nun ist er zwar nicht ganz weg! Aber er erscheint erst, wo Agathe vom Schuss scheinbar getroffen in seine Arme sinkt, und versöhnt und heilet das Ganze.“

Unter der Intendanz von Carl Graf von Brühl und Webers musikalischer Leitung wurde Der Freischütz am 18. Juni 1821 im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt mit aufsehenerregendem Erfolg uraufgeführt. Zu einer weiteren Zusammenarbeit mit Kind kam es nicht, da dieser sich von Weber nicht ausreichend am finanziellen Erfolg des gemeinsamen Werks beteiligt fühlte. Über die Entstehung des Freischütz und auch die Zusammenarbeit von Weber und Brühl drehte die DEFA 1986 den Film Der Freischütz in Berlin. Dieser Film wurde an Originalschauplätzen unter anderem in Seifersdorf gedreht und 1987 erstmals im DDR-Fernsehen ausgestrahlt.

Bedeutung des Freischütz

In dem Werk manifestieren sich die Ängste und Sehnsüchte einer ganzen Generation. Ursprünglich war die Geschichte in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg in Böhmen angelegt. Geplant war die Uraufführung jedoch für die Zeit nach der Völkerschlacht, doch die damalige Zensur verhinderte das. Dennoch trugen die eingängigen Melodien und die schaurig romantische Geschichte schnell zum Erfolg der Oper bei, die bald zur „deutschen Nationaloper“ stilisiert wurde. Für Richard Wagner, der als junger Komponist stark von Carl Maria von Weber und seinem Freischütz beeinflusst war, ist die Melodie die Grundlage der Weberschen Volksoper: „Sie ist, frei aller lokal-nationalen Sonderlichkeit, von breitem, allgemeinen Empfindungsausdrucke, hat keinen andern Schmuck als das Lächeln süßester und natürlichster Innigkeit, und spricht so, durch die Gewalt unentstellter Anmut, zu den Herzen der Menschen, gleichviel welcher nationalen Sonderheit sie angehören mögen, eben weil in ihr das Reinmenschliche so ungefärbt zum Vorschein kommt.“ Unstreitig ist, dass dieses Werk eine Hochzeit der Romantik und der Verklärung einläutete und seit 200 Jahren neben Mozarts Zauberflöte die meistgespielte Oper in deutscher Sprache ist.  Doch ist der Freischütz die „Deutsche Nationaloper“? Taugt der Begriff heute noch? Und steht er nicht in Konkurrenz zu den Werken Wagners? Auch diese Fragen gilt es bei einem Jubiläum zu klären.

Freischütz im Visier

Abhilfe kann vielleicht ein Blick zurück geben. Anlässlich des 200. Jubiläums der Uraufführung spürt das Historische Archiv der Sächsischen Staatstheater auf einem virtuellen Streifzug der Rezeptionsgeschichte von Webers Oper an authentischen Orten nach. In Anlehnung an die sieben magischen Kugeln des Jägerburschen Max lässt sich in sieben Video-Etappen mit Gesprächen, Exponaten, Tonbeispielen und ergänzenden Textbeiträgen die Spur des Werks mit Bezug zur Semperoper nachverfolgen. Die erste Etappe gehört dem Komponisten selbst und seinem Wirken in und für Dresden.

In der Semperoper

Man begegnet dem Komponisten Carl Maria von Weber nicht nur im Dresdner Semperbau, sondern auch auf dem Platz davor. Die vielfältigen Bildnisse zeigen seine große Bedeutung für die Dresdner Operngeschichte und so eröffnet Weber selbst den Jubiläumsreigen. Elisabeth Telle, Mitarbeiterin des Historischen Archivs, führt durch die Semperoper und zeigt das Konterfei von Carl Maria von Weber in der Mitte des Schmuckvorhangs, wo er einen Ehrenplatz einnimmt. Denn es sind nicht nur seine Dresdner Werke und davon vor allem der Freischütz, der seit 1822 in Dresden gespielt wird, sondern auch die Errichtung des Deutschen Operndepartements und die Gründung des ersten Stehenden Opernchores, dem Vorläufer des heutigen Sächsischen Opernchores. Der deutsche Wald, Inbegriff der Romantik, und die Faszination von der dunklen Kraft der Natur, aber auch die Volksverbundenheit durch eingängige Melodien wie dem „Jägerchor“ sind die Kernelemente des Freischütz.

Inspiration Freischütz

Die nächste Spur führt nach Dresden-Hosterwitz zum weltweit einzigen, dem Komponisten Carl Maria von Weber gewidmeten Museum. Das ursprüngliche Winzerhaus mietete Weber ab 1818 für die Sommermonate an, um dort mit der Familie und abseits des Dresdner Opernbetriebes in Ruhe arbeiten zu können. Man findet in diesem Kleinod an Museum den Arbeitsplatz Webers und Seiten aus dem Originallibretto des Freischütz von Friedrich Kind, auf das Weber eine gehörige Portion Einfluss nahm. Romy Donath, Leiterin des Weber-Museums, nimmt den Besucher auf einen kleinen virtuellen Rundgang durch das Museum mit. Neben der Arbeit in der abgeschiedenen Ruhe waren die Spaziergänge in der idyllischen Natur eine Quelle der Inspiration für Weber und für seine Oper, die er eigentlich Die Jägersbraut nennen wollte, die er aber kurz vor der Uraufführung auf Wunsch des Berliner Intendanten Graf von Brühl in Der Freischütz umbenannte.

Beginn einer Tradition

Die Semperoper Dresden gilt als das traditionsreichste Opernhaus in Deutschland. Die Staatsoper Dresden fühlt sich ihrer künstlerischen Vergangenheit verpflichtet und betreibt neben dem Historischen Archiv eine eigene Notenbibliothek,  die ebenfalls Musikgeschichte bewahrt. So zeigt Agnes Thiel, Leiterin der Notenbibliothek, einiges an historischem Notenmaterial, dessen Einträge wie Striche, Bögen oder Phrasierungen stets in neueres Material übertragen wurde, um die Tradition der ursprünglichen Aufführungspraxis weiterzugeben. Ferner findet sich dort ein so seltenes Relikt wie die Anweisungen für die „Donnermaschine“, die in der „Wolfsschlucht-Szene“ eingesetzt wurde. Aber auch die historischen Besetzungszettel geben Zeugnis über die Vielfalt der Besetzungen und natürlich auch der Preise. Der erste Besetzungszettel stammt vom 26. Januar 1822, der Dresdner Erstaufführung des Freischütz unter der musikalischen Leitung des Komponisten und dem von ihm gegründeten Operndepartement und Opernchor. Ein trauriges und erschütterndes Exemplar ist der Besetzungszettel der Vorstellung des Freischütz vom 31. August 1944. Eigentlich stand für diesen Abend Mozarts Don Giovanni auf dem Spielplan, doch wegen der totalen Mobilmachung mussten die Häuser geschlossen werden, und aus Propagandazwecken wurden die Aufführung des Freischütz angeordnet. Es sollte die letzte Vorstellung in der Semperoper vor ihrer Zerstörung sein.

Nachkriegsästhetik

Rundfunkaufnahme – Bildschirmfoto

Nach dem Krieg begann eine neue Zeitrechnung, was sich sowohl in neuen technischen Möglichkeiten von Musikaufnahmen, aber auch in Neuinterpretationen der Opernwerke zeigte. Das galt nicht nur für Neu-Bayreuth, sondern auch für Dresden. Das Kupferstich-Kabinett im Dresdner Residenzschloss beherbergt unter anderem eine Sammlung von etwa 900 Werken des Bühnenbildners Karl von Appen, der die Bühnenbildentwürfe zur 1000. Aufführung des Freischütz im Jahr 1951 kreierte. Die Direktorin des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Stephanie Buck, zeigt anhand zweier Bildentwürfe die farben- und kontrastreichen Darstellungen von Appens. Einerseits die idyllische Natur, andererseits die dunkle, schreckliche Wolfsschlucht. Ein kurzer Ausschnitt aus einem Radiointerview von 1965 mit Karl von Appen beschreibt die Intention des Bühnenbildners für die Inszenierung. Auf andere Weise interessant ist die Einspielung unter der Leitung von Generalmusikdirektor Rudolf Kempe aus dem Carl-Maria-von-Weber-Jubiläumsjahr 1951. Eigens dazu holte sich der Sender Dresden die Staatskapelle, das Solistenensemble und den Staatsopernchor in den zum Großen Sendesaal seines Funkhauses umfunktionierten Steinsaal des Deutschen Hygiene-Museums. Und der bot dem damaligen Musikchef und Aufnahmeleiter der Produktion, Hans Hendrik Wehding, tontechnisch und räumlich bessere Bedingungen als der ständig ausgebuchte Mehrsparten-Theaterraum des Großen Hauses. Zudem war es hier in unmittelbarer Funkhausnähe auch möglich, erste Erfahrungen mit einer Pseudo-Stereofonie zu sammeln, das heißt die Aufnahme durch die Verwendung mehrerer Mikrofone und Lautsprecher räumlicher wirken zu lassen. Der Freischütz bot mit seiner „Wolfsschlucht-Szene“ und den zahlreichen gesprochenen Dialogen seinerseits ideale strukturelle Voraussetzungen für erste Dresdner Labor-Versuche im Interesse einer räumlichen Klangwirkung. Diese mittlerweile 70 Jahre alte Aufnahme ist nicht nur ein historisches Dokument Dresdner Aufführungspraxis, sondern besticht durch die Remasterung auch durch eine gute klangliche Qualität und lässt den besonderen Moment der Jubiläumsaufführung erahnen. Die musikalischen Ausschnitte aus dem Freischütz in den sieben Videosequenzen stammen allesamt von diesem Mitschnitt. Für Freunde dieser Oper ist die Aufnahme daher sehr empfehlenswert.

Legendärer Klang

Unter den zahlreichen Einspielungen und Mitschnitten des Freischütz ragt eine Aufnahme heraus, die vielen Musikern, aber auch Liebhabern des Werkes als die vielleicht Bedeutendste gilt. Vom 22. Januar bis zum 8. Februar 1973 entsteht in der Dresdner Lukaskirche eine Gesamtaufnahme des Freischütz unter der musikalischen Leitung von Carlos Kleiber. Diese Produktion gilt noch heute als Referenzaufnahme und zeugt von der außerordentlich anspruchsvollen Arbeit des Dirigenten mit der Sächsischen Staatskapelle. Kleiber war zu Beginn des Jahres 1973 erstmals bei der Sächsischen Staatskapelle zu Gast. Dieses ambitionierte Projekt war seine erste Schallplattenaufnahme überhaupt. Als Aufnahmeort diente die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte und von 1964 bis 1972 zum Tonstudio umgebaute Dresdner Lukaskirche. Namhafte Sänger wie Peter Schreier als Max, Theo Adam als Kaspar, Gundula Janowitz als Agathe und Edith Mathis als Ännchen standen als Solisten zur Verfügung. Komplettiert wurde das Ensemble durch den Leipziger Rundfunkchor und die Schauspieler, welche die Dialoge in der Regie des Dresdner Regisseurs Joachim Herz übernahmen. Der mittlerweile 83-jährige Hornist und Ehrenmitglied der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Peter Damm, erinnert sich auch heute noch mit Begeisterung an die legendäre Aufnahme und die Dirigentenpersönlichkeit Carlos Kleiber, der neben atypischen Tempi für den „Jägerchor“ acht statt der von Weber vorgegebenen vier Hörner einsetzte, was der Einleitung der berühmten Chorszene noch mehr Wucht und Stärke verleiht.

Wiedereröffnung

Wiedereröffnung der Semperoper – Bildschirmfoto

Der 13. Februar 1985 war ein historischer Tag für das geteilte Deutschland. An diesem Abend wurde die auf den Tag genau 40 Jahre zuvor durch alliierte Bombenangriffe im Krieg zerstörte Semperoper nach vielen Jahren des Wiederaufbaus und der Restaurierung mit dem Freischütz wiedereröffnet. Symbolträchtiger hätten es die Dresdner nicht machen können, den mit dieser Oper hatte sich am 31. August 1944 der Vorhang für über vier Jahrzehnte gesenkt. Diese Wiedereröffnungspremiere wurde live im Fernsehen übertragen und das erste Mal gleichzeitig in Ost und West. Es war ein bewegender Moment, und für einen Augenblick waren die Deutschen durch die Musik wiedervereint. Zu diesem Zeitpunkt hätte kein Mensch daran gedacht, dass nur gut fünf Jahre später Deutschland wiedervereint sein würde. Von dem ganzen Trubel rund um die Eröffnung der wiederaufgebauten Semperoper wollen die Sänger ganz unberührt gewesen sein. Der Dresdner Kammersänger Olaf Bär erzählt mit Stolz und einem Augenzwinkern, dass er es war, der in der Rolle des Kilian die ersten solistischen Töne auf der Bühne des neu eröffneten Hauses sang. Fotos und kurze Ausschnitte aus dieser Vorstellung zeigen die Probenarbeit mit Regisseur Joachim Herz und Olaf Bär als Kilian.

Freischütz heute

Die Dresdner Musikhochschule trägt den Namen Carl Maria von Webers und fühlt sich der Tradition verpflichtet. Ihr heutiger Rektor Axel Köhler führte 2015 bei der Neuproduktion des Freischütz in der Semperoper Regie. Mit dem Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle und seit Oktober 2020 Honorarprofessor der Hochschule, Christian Thielemann, spricht er über die gemeinsame Arbeit. Für Thielemann war die Produktion eine glückliche Zusammenarbeit, und er spricht darüber, wie die Regie den „Duft eines Ortes“ einfängt, ein für ihn rarer Moment. Für Köhler war die besondere Herausforderung in seinem Regiekonzept, einerseits aktuelle Bezüge einzubringen, andererseits eine zeitlose Inszenierung zu konzipieren, und das alles vor dem Hintergrund der Dresdner Aufführungspraxis. Auch für Köhler ist der Jägerchor eine „Schlüsselstelle“ im Freischütz, und das sehr straffe Tempo, das Thielemann während dieser Szene angeschlagen hatte, kam der Interpretation und Darstellung Köhlers auf der Bühne sehr entgegen. Das Schlusswort in dieser letzten Videosequenz gebührt dem Intendanten der Sächsischen Staatsoper Peter Theiler, der den Komponisten Carl Maria von Weber als den „guten Geist des Hauses“ bezeichnet.  Mit dieser siebenteiligen Dokumentation, die neben den Videosequenzen auch noch zusätzliches Material in Form von Schriften und Bildern zeigt, ist der Semperoper Dresden eine umfangreiche Würdigung des 200. Jahrestages der Uraufführung des Freischütz und seines Komponisten Carl Maria von Weber gelungen. Die Frage, ob der Freischütz die deutsche Nationaloper ist, bleibt offen. Zweifellos ist sie aber eine der wichtigsten der deutschen Operngeschichte. Schade nur, dass es zum 200. Jahrestag der Dresdner Erstaufführung am 26. Januar 2022 in der Semperoper keinen Freischütz gibt, das hätte dieses Jubiläum dann abgerundet.

Andreas H. Hölscher