O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Hörgeräte im Beethoven-Haus Bonn - Foto © David Ertl

Hintergründe

Signale der Kreativität

Beethovens Leben und Werk, etwa das Mega-Opus seiner 32 Sonaten, rufen kreative Köpfe und Ideen auf den Plan. Im Jubiläumsjahr eröffnet gerade das Web neue Chancen, dem „Titan“ auf innovative Weise zu begegnen und dem Publikum näher zu bringen.

Heinz Walter Florin – Foto © privat

Ein Beethoven-Porträt in Schwarzweiß. Ein Insert, weiße Schrift auf Schwarz. Ein kurzer Text zur Einführung. Und schon erklingen die ersten Takte des langsamen Satzes largo e mesto der Sonate 7 Opus 10 Nr. 3, entstanden 1798/99 in Wien. Die Kamera nimmt ihren Ausgang im aufgeklappten Flügel des Pianisten Heinz Walter Florin, wandert in verhaltener Fahrt über Hände und Gesicht. „Meditation“, nennt Florin, auch Komponist und Dirigent, seine besondere Art der Herangehensweise an das Werk, dem die damals kritisch eingestellte, einflussreiche Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung „eine dunkle Künstlichkeit oder eine künstliche Dunkelheit“ attestiert. Violettes Licht, durch eine im Hintergrund des Tonstudios installierte Deko erreicht, unterstreicht den meditativen Charakter des gut zehnminütigen Privatkonzerts. Florin hat es auf YouTube veröffentlicht.

„In diesen Zeiten der Ruhe und Stille, wo die Konzerte zum 250. Beethoven-Jubiläumsjahr entfallen“, erläutert der Musiker seine Intention, „möchte ich an die meditative und spirituelle Seite Beethovens erinnern.“ Die zeige sich besonders in den langsamen Sätzen seiner Klavier-Sonaten. „Als gebürtiger Bonner“, so der Interpret weiter, „möchte ich auf diese Weise Beethoven aktuell zu Gehör bringen, da es anders nicht möglich ist.“ Ein programmatisches Versprechen und ein langer Weg. Der Pianist hat sich vorgenommen, die langsamen Sätze aller 32 Sonaten aufzunehmen und zu veröffentlichen.

Verschiebung um 250 Tage in Bonn

Freien Künstlern wie Florin ist es derzeit zu einem gewissen Grade zu verdanken, dass Beethoven2020, das offizielle Gedenkjahr anlässlich des Geburtstages des Komponisten vor 250 Jahren, nicht gänzlich verstummt ist. Corona-bedingt liegt die Fortsetzung der institutionellen Aktivitäten mit Schwerpunkten in Bonn und Wien vorläufig weitgehend auf Eis. Bonn hat sich entschieden, das Beethovenjahr um 250 Tage bis Mitte September 2021 zu verlängern, um möglichst viele der rund 300 geplanten Vorhaben zu retten. So können – ein insbesondere für Künstler wichtiger Aspekt – nicht ausgegebene Gelder später verwendet werden. Wien, das sich im Beethoven-Jahr als „Hauptstadt der Musik“ versteht, gibt sich abwartend. Das Team von WIENBEETHOVEN2020 hat sich nach eigenen Angaben vorerst darauf verlegt, „allen Wienern auch in der Zeit der Krise interessante Erfahrungen und Erlebnisse mit dem Genie Ludwig van Beethoven“ zu vermitteln. Angeboten werden vornehmlich digitale Angebote wie Konferenzen und Künstlerauftritte im Netz. Ähnlich ist derzeit auch BTHVN 2020, die Bonner Jubiläums-Gesellschaft, mit digitalen Ausstellungen, Stadtführungen und Online-Workshops unterwegs.

Beethovens Sonaten, und zwar das volle Programm, haben es auch dem aus Moskau stammenden israelischen Pianisten Boris Giltburg angetan. Im Sinne einer Geste, einer virtuellen Hommage. Giltburgs Selbstverpflichtung: „Um seinen 250. Geburtstag zu feiern, werde ich im Laufe des Jahres 2020 alle 32 Klaviersonaten einstudieren und die musikalischen Darbietungen filmen. Das ist ein gewaltiges Unterfangen.“ Seit dem 17. Januar veröffentlicht und erläutert er auf beethoven32.com „mindestens alle zwei Wochen“ jeweils an einem Freitag eine neu aufgenommene Sonate. Geht die Planung auf, schließt der Zyklus am Neujahrstag 2021 mit der Veröffentlichung von Op. 111 aus dem Jahr 1822, zwei Wochen nach dem Finale des Jubiläums. Das ist auf den 16. Dezember terminiert, Beethovens mutmaßlichem Geburtstag.

„Ahnung einer höheren Dimension“

Boris Giltburg – Foto © Sasha Gusov

Giltburg – „Beethovens Kernaussage ist das Leben“ – begleitet sein Projekt mit der schriftlichen Dokumentation seiner Erfahrungen in diesem work of progress in Form von Tagebucheintragungen. Eine Ergänzung, die der reinen Adaption eine zusätzliche subjektive Dimension verleiht. „Obwohl ich Beethoven schon im Kindesalter gespielt habe“, notiert er am 18. April, „habe ich das Gefühl, ihn erst in den letzten Monaten wirklich zu entdecken“. Florin, der inzwischen das Adagio der Sonate 3 Opus 2 Nr.3 aufgenommen und veröffentlicht hat, sieht sich in ähnlicher Weise auf einer pianistischen Entdeckertour. „Wir hören Trauer, Resignation, Hoffnung, Wut“, beschreibt er seine Empfindungen unter dem Eindruck von Op. 10 Nr. 3, „die Ahnung von einer höheren Dimension, Trost, Frieden und Erlösung.“

Diese Sicht offenbart gleichsam als windfall profit einen innovativen Zugang zu Vita und Werk des Komponisten. Bonn und Wien, die wesentlichen Player im Gedenkjahr, klammern die transzendentale Komponente im Werk Beethovens weitgehend aus. WIENBEETHOVEN2020 will „den zugewanderten Wiener, den Aufklärer mit all seinen Werken, den Europäer“ in das Zentrum gerückt sehen. BTHVN 2020 fördert Projekte, die Beethoven als „Tonkünstler, Humanist, Visionär, Naturfreund, Bonner Bürger“ zeigen. Die spirituelle Seite, nicht mit einer religiösen gleichzusetzen, wäre auch ohne Weiteres gar nicht greifbar. Was die Suche noch erschwert – mit einer kirchlichen Affinität mag Beethoven per se nicht dienen. „Er hegte schon seit frühen Bonner Tagen“, schreibt Jan Caeyers in seiner Beethoven-Biografie Der einsame Revolutionär, „eine Aversion gegen die Institution Kirche.“ Religiöse Zeremonien seien in Beethovens Augen „nur repräsentative Schauspiele, so oberflächlich wie theatralisch, allein schon, weil er sich über die moralischen Qualitäten der hohen Geistlichkeit keine Illusionen machte.“

Eine Fülle von biografischen Daten, Impressionen, Erkenntnissen und künstlerischen Verbindungen zu und rund um Beethoven erfährt der Nutzer der App, die ein Team vom und für das Festival Alte Musik Knechtsteden entwickelt hat. Die Privatinitiative, gefördert von einer Reihe von Institutionen, darunter BTHVN 2020 und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, will Appetit machen auf die Konzertveranstaltung Beethovens Musikwelt. Ein Pasticcio. Sie soll am 22. September in der Klosterbasilika Knechtsteden aufgeführt werden. Das Projekt will überdies Web-Flaneuren auf der Suche nach Beethoven2020-Inhalten in den Kapiteln „Beethoven und seine Kollegen“, „Italiener im Norden“ und „Beethovens Bibliothek“ Anregungen vermitteln, den „Titan“ der Klassik genauer kennenzulernen und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Daniel Frosch und Michael Rathmann, verantwortlich für Konzeption, Bildredaktion und Texte, dem Webdesigner Niklas Rudolph sowie dem Illustrator Marc Trompetter, offensichtlich beflügelt durch einen Pandemie-bedingten Freiraum, sind multimediale Bausteine einer Digitalschau namens Beethoven Lab gelungen, die nicht nur instruktiv, sondern vor allem schön anzuschauen ist.

Appassionata im Autokino

Wie innovativ die Szene der nicht subventionierten Künstler auf die Unterbrechung der offiziellen Aktivitäten zu Beethoven2020 reagieren kann und wird, lässt sich vermutlich erst in einigen Wochen oder Monaten erkennen. Nicht zuletzt dann, wenn die Kulturpolitik der Länder ihren Beitrag zur wirtschaftlichen Absicherung frei agierender Künstler geleistet haben wird. Dass Corona Kreativität mobilisiert, ist bereits jetzt hier und da zu besichtigen. Der Pianist Alexander Krichel darf sich als Vorreiter eines möglichen Trends empfinden, zu einem Klavierabend ins Autokino einzuladen. So geschehen am 9. Mai in Iserlohn und im Hörfunk zeitversetzt zu verfolgen. Inklusive Hupkonzert am Ende. Das „neue Klatschen“ tituliert es die Moderatorin. Auf dem Programm des Live-Konzerts neben Werken von Franz Liszt die Beethoven-Sonaten op. 31, 2 Der Sturm und op. 57 Appassionata. Eine Geste im und zum Beethoven-Jahr, direkt oder indirekt. Für Krichel eine „riesige Freude“, wie er erzählt, das Corona-bedingte Streamen von zu Hause für kurze Zeit aufgeben zu können.

Anfänge sind gemacht, andere Projekte laufen weiter, wandeln sich, nehmen unter der Pandemie unverhofft Fahrt auf. Beethoven lebt. Kein schlechtes Fazit einer Momentaufnahme in besonderen Zeiten.

Ralf Siepmann