O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Arve Moen Bergset und Håvard Gimse - Foto © Magnus Skrade

Hintergründe

Tor zum musikalischen Norwegen

Neben der musikalischen Programmvielfalt von Folklore bis zu elektronischer Musik gefällt das Bergen International Festival, das alljährlich stattfindet, vor allem wegen der zahlreichen und interessanten Spielstätten. In diesem Jahr bietet die zweitgrößte Stadt Norwegens auch die Möglichkeit, das Festival digital zu besuchen.

Tine Thing Helseth – Foto © Johanne Karlsrod

Als „Tor zu den Fjorden“ ist die Hafenstadt Bergen bekannt und auch für das jährlich dort stattfindende Musikfestival – heuer zum 69. Mal. Pandemiebedingt wurde ein Großteil der Veranstaltungen gestreamt und somit einem weltweiten Publikum zugängig gemacht. Laut den Statistiken für das vergangene Jahr, als ebenfalls gestreamt wurde, gab es über eine Million Einschaltungen aus 122 Länder. Wegen der strikten Hygienekonzepte konnten dieses Jahr immerhin über 8.000 Karten für „echte“ Anwesenheiten zu den über 78 Veranstaltungen verkauft werden.  Nicht dazu gezählt sind eine Vielzahl von freizugänglichen Veranstaltungen in Außenbereichen.

Für dieses Jahr hat Direktor Anders Beyer „This is America?“ als Thema ausgeschrieben. Corona hat einen Strich durch die Rechnung gemacht – viele der eingeladenen Gäste aus Übersee konnten nicht nach Bergen reisen. Einzig die Komponistin Missy Mazzoli aus Brooklyn hat es als „composer-in-residence“ doch geschafft, und es wurde programmatisch auf den Kontinent über den großen Teich hingewiesen.

Eine große Vielfalt durchzog das Programm: von traditionellen Orchestern über Folk-Gruppen und Elektronik bis hin zu Mitmachaktionen für Kinder. Das Festival hat an vielen Orten stattgefunden – von der schönen Grieghalle bis hin zu uralten Kirchen und Burgsälen sowie Parks und auf den Straßen. Es ist herzerwärmend zu sehen, wie ein Festival es schafft, Tradition und Moderne zu vereinen – von Tracht und Musik, die ihre Wurzeln in jahrhundertalten Traditionen haben, über Klassik und Jazz bis hin zu grenzerweiternden Experimentaltönen. Kaum jemandem dürfte es gelingen, die fast 80 Veranstaltungen wahrzunehmen, aber ein paar Eindrücke bleiben besonders haften.

Beeindruckend ist schon der Beginn des Festivals. Die Eröffnungszeremonie mit einer Fanfare for Women, gespielt von der weithin bekanntenTrompeterin und Tochter der Stadt, Tine Thing Helseth, in traditioneller Tracht aus dem verglasten Foyer der Grieghallen. Dieser Bau, der mit viel Stahl und Glas zur imposanten Silhouette der Stadt beiträgt und wegen der guten Akustik weltweit bekannt ist, ist der Hauptaustragungsort des Festivals.

Ein Besuch lohnt auch bei der jungen norwegischen Vokalistin Karin Park, die in der Håkonshalle, einem Teil der Festung Bergenhus, auftritt. Sie schreibt ihre eigenen Lieder, die sie auf Synthesizer in einer rein elektronischen one-woman-show präsentiert – elegische Klänge, oft mit abrupten Dissonanzen durchzogen, gekoppelt mit ihrer Stimme, die melodisch über den Klängen schwebt. Allerdings stammen die Klangfarben aus einer Tonalität, die sich für den Zuhörer über das 70-minütige Konzert als ermüdend erweist.

Der Edvard-Grieg-Chor unter der Leitung von Paul Robinson präsentiert ein bewegendes Antikriegswerk des amerikanischen Komponisten David Lang. Komponiert 1984, basiert es auf dem Augenzeugenbericht eines Offiziers, der den Moment beschreibt, in dem ein Atombombenexperiment im Südpazifik stattfindet. Just in dem Augenblick, als die Bombe explodiert, sieht er einen vorbeifliegenden Albatros, der vor seinen Augen durch den Feuerball im Fluge verbrennt. Dieses Konzert findet ebenfalls in der Håkonshalle statt: Die über 750 Jahre alte königliche Residenz ist das älteste mittelalterliche Steingebäude Norwegens. Die Akustik im Saal muss überwältigend sein.

Geiger Arve Moen Bergset und Pianist Håvard Gimse bringen ein Programm von uns wenig bekannter norwegischen Komponisten, die ihre Inspiration im reichen Erbe der nativen Volksmusik finden: Geir Tveitt, Øistein Sommerfeldt, Ole Bull, Johan Halvorsen, Ludvig Irgens-Jensen and Knut Buen. Kleinode wie Mosaikstückchen, intim und sinnlich gespielt. Besonders charmant ist der Troldsaal, ein Kammermusiksaal, der sich direkt im Park neben der Grieg-Villa Troldhaugen befindet – mit bodentiefen Fenstern, die dem Zuschauer freie Sicht auf den dahinterliegenden See ermöglichen.

Die amerikanische Komponistin Missy Mazzoli ist composer-in-residence und spielt ihr Vespers for Violin am Elektronikpult mit dem Geiger Peter Herresthal als Solisten. Der bleibende Eindruck dieser Synthese von sphärischen, voreingespielten elektronischen Klängen im Dialog mit der Geige ist eher von einem kurzen Intermezzo zum Abdriften in kosmische Welten. Höhepunkt war die Welturaufführung ihres Violinkonzert Dark with Excessive Bright, gespielt von dem Bergen Philharmonic Orchestra unter der Leitung von James Gaffigan und dem Geiger Peter Herresthal. Hier verwandelt sich ein barocker Musikgeist in eine üppige Klanglandschaft, diesmal ohne jegliche Elektronik, in Harmonien, die haarscharf an Dissonanzen reiben. In der zweiten Hälfte des Konzerts wird die Symphonie Nr. 3 The Camp Meeting von Charles Ives gespielt. Durch die Verwendung traditioneller amerikanischer Hymnen aus dem 19. Jahrhundert wird in diesem Stück die Stimmung von den damaligen religiösen Lagertreffen mit starker Tonmalerei eingefangen.

Für das Galakonzert hat sich Trompeterin Tine Thing Halseth die Royal Norwegian Naval Forces Band unter Leitung von Ingar Bergby gewünscht. Sie erzählt, ohne die Gelegenheiten, die ihr solche Bands gegeben haben, wäre sie heute nicht als Trompeterin anerkannt. Mit an Bord ist Ingrid Bjørnov, in Norwegen als Spaßkönigin am Klavier bekannt. Also ist dieses Konzert in der Grieghalle mit sehr fröhlichen, fußwippenden Klängen durchzogen: Aufmunternde Melodien, um den Abmarsch in den Kampf zu erleichtern, aber auch fröhliche Wiedersehen werden hier gefeiert.

Die vielen gestreamten Veranstaltungen machen Lust auf ein persönliches Kennenlernen. Somit kann man als Fazit ziehen, dass die digitalen Angebote Hunger auf ein reales Erleben vor Ort machen.

Zenaida des Aubris