O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

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Aktuelle Aufführungen

Lebensreise in einer Stunde

100 YEARS OF DEBUSSY AND IRANIAN MUSIC
(Diverse Komponisten)

Besuch am
11. März 2020
(Deutsche Erstaufführung)

 

Piano Salon Christophori, Berlin

Einen Tag vor dem Konzert gibt es große Aufregung in Berlin. Das kulturelle Leben wird von einem Moment zum anderen in den Boden gestampft. Obwohl per Senatsverfügung eigentlich nur Veranstaltungen mit Besucherzahlen über 500 Menschen ausgesetzt werden, ziehen zahlreiche kleinere Veranstalter gleich mit.

Auch Christoph Schreiber als Betreiber des Piano Salons Christophori überlegt zwischenzeitlich, ob er die anstehenden Konzerte absagen soll. Dann aber heißt es doch: Bühne frei für das Klavierkonzert von Layla Ramezan. Die gebürtige Iranerin, die längst im schweizerischen Lausanne lebt, ist angereist, um ihr Deutschland-Debüt mit einem vollständig neuen Programm zu geben.

Während der Klavierstimmer in den letzten Minuten vor Konzertbeginn dem Imperial Bösendorfer von 1987 noch den letzten Schliff verleiht, versammeln sich etwa 70 Gäste in der ungewöhnlichen Spielstätte. In einem ehemaligen Straßenbahndepot im Stadtteil Gesundbrunnen hat eine Sammlung historischer Konzertflügel ihren Platz gefunden, umgeben von allerlei Vintage-Ausstattung. Inmitten der Ansammlung von Kuriositäten finden regelmäßig auf einem selbstgebauten Podium Klavierkonzerte, Abende für Kammermusik und Jazz statt. Eine urige, wohltemperierte Umgebung, die trotz des Lagerhallen-Flairs über eine erstaunlich gute Akustik verfügt. Freie Getränke sind im Ticketpreis eingeschlossen. Und wer schlau ist, wählt sich schon im Vorfeld des Abends einen Platz aus, denn der wird dann mit Namensschildchen reserviert. Für den Hörgenuss spielt das allerdings keine Rolle. Der ist von allen Plätzen aus gleich gut.

Layla Ramezan spielt zum Hinknien – Foto © O-Ton

Meeraj – 100 Jahre Debussy und iranische Musik hat Ramezan ihr neues Programm genannt. Meeraj bedeutet auf persisch einen nächtlichen Aufstieg, eine mystische Suche, einen Wachtraum. Der Titel ist schwer verständlich. Denn er vermittelt nicht den Ansatz des unglaublichen Programms, das die Pianistin zusammengestellt hat. Und weil sie möglicherweise dem Titel selbst nicht so ganz traut, beginnt der Abend mit einer kurzen Einführung. Ramezan selbst spricht fließend französisch, persisch und englisch. Anstatt der dämlich-diskriminierenden Frage, ob jeder Englisch verstehe, lässt sie sich kurzerhand ins Deutsche übersetzen. Und so erfährt das Publikum, dass hier nicht einfach ein paar Titel französischer und iranischer Komponisten runtergespielt werden, sondern der Hörer selbst am Beginn einer Reise steht.

Denn der Abend ist als ein einziges, zusammenhängendes Stück konzipiert, in dem die verschiedenen Komponisten kurze Auftritte haben. Die Klammer sind Texte des französischen Komponisten Blaise Ubaldini, die auf der Himmelsreise des Propheten Mohammeds – eben Meeraj –beruhen und als poetische Abstraktion daherkommen. Damit verweist Ramezan auf die enge Bindung iranischer Komponisten an die traditionelle Poesie ihrer Heimat. Für ihren Auftritt in Deutschland hat die Pianistin den Text ins Deutsche übersetzen und einsprechen lassen. Schier atemlos verfolgen die Besucher das gesprochene Wort, das Ubaldini mit elektronischen, kaum hörbaren, dafür umso wirksameren Einspielungen unterstreicht. Der erste Text stellt gleichsam die Basis für die Reise her, die Claude Debussy mit drei Préludes fortsetzt.

Des pas sur la neige, Ce qu’a vu le vent d’ouest und Le fille aux cheveux de lin gehören zu den erklärten Lieblingsstücken unter den Préludes des französischen Komponisten, der so viel Einfluss auf die iranische Klaviermusik genommen hat und damit unbedingt Teil der Reise sein muss. Die wunderbare Interpretation weicht übergangslos elektronischen Aufnahmen, ebenfalls von Ubaldini, die über zwei im Klavier aufgestellte Verstärker wiedergegeben und mit Improvisationen Ramezans an der Tastatur bereichert werden. Ubaldinis Klänge imitieren hier bewusst die Santur, ein iranisches Instrument, das dem deutschen Hackbrett vergleichbar ist. Damit verweist er auf die Anekdote, dass die Iraner nicht wussten, was sie mit dem aus Frankreich gelieferten Piano anfangen sollten und kurzerhand die Saiten im Körper wie eine Santur behandelten. Davon wurde in der Einführung erzählt, und so ist bei vielen Besuchern ein Lächeln zu erkennen.

Blick in eine ungewöhnliche Spielstätte – Foto © O-Ton

Anschließend erzählt Emanuel Melik-Aslanian vom Schmetterling, Hassan Riahi singt ein Schlaflied und Mehran Roani führt einen elegischen Tanz auf. Verbunden werden die Stücke der iranischen Komponisten ebenfalls mit elektronischen Einspielungen. Das gelingt aus einem Guss, weil Ramezan nicht nur mit größtmöglicher Virtuosität, sondern auch mit Empathie an die Werke herangeht. Inzwischen ist die Spannung zum Greifen nah, es muss jetzt weitergehen mit dieser faszinierenden Mischung aus verschiedenen Elementen, die doch ineinandergreifen und verschmelzen. Nahtlos knüpft sich der zweite Text daran an. Die Besucher lehnen sich zurück und lassen sich auf die Poesie ein, in die sich Ubaldinis La Livri mischt. Es ist seine Interpretation eines Werks, das es längst gab und von niemand Geringerem als Jean-Philippe Rameau stammt. 1741 schrieb Rameau das kammermusikalische Werk, in dem er dem Cembalo ein besonderes Gewicht verlieh. Ubaldini geizt nicht mit Zitaten, entwickelt aber durchaus ein eigenständiges Werk mit der Besonderheit, dass er die Tremoli beidhändig spielen lässt, um abermals die Santur-Spieler zu imitieren. Damit fügt er dem zeitgenössischen Repertoire des Klaviers eine neue Facette hinzu. Ramezan interpretiert das mit viel Feingefühl. Und sie stellt der neuen Komposition die ältere gegenüber, nicht ohne sie in der Tonlage zu verändern und damit Rameaus Werk einen Hauch von Nostalgie mitzugeben.

In Zeiten, in denen die Regierungsoberhäupter vieler Länder Menschen in Panik vor einem Grippe-Virus stürzen und ihre Grundbedürfnisse zurechtstutzen, ist in diesem Saal kein Hüsterchen zu hören, ja, es scheint, als atme niemand mehr hier. Nicht weniger bewirkt die zierliche Person, die ganz in Schwarz gekleidet im warmen, weichen Licht des Podiums die Tastatur des Lebens bearbeitet, mal fast zärtlich, mal mit Nachdruck, immer aber empathisch und hochkonzentriert. So lauscht sie auch dem dritten Text nach.

Als der verklungen ist, geht es noch einmal zurück in den Iran. Mit In the Skirt of Desert, Defeat und Escape aus der Komposition Sheherazade von Alireza Mashayekhi, die sie im vergangenen Jahr als gleichnamiges Album veröffentlichte, beschließt Ramezan eine Reise, die das Publikum gut eine Stunde lang von der ersten bis zur letzten Minute in ihren Bann schlägt. Im Salon Christophori braucht es einen Moment, bis die Besucher in die Wirklichkeit zurückkehren, um Layla Ramezan dann ausgiebig und langanhaltend zu feiern.

Einmal mehr hat die Pianistin gezeigt, dass ihre Werke längst in einen größeren Rahmen gehören. Ein Abend komplexer Fantasie, voll berückender Poesie und in größtmöglicher Virtuosität im Umgang mit einem alten Instrument, das es neu zu erfinden gilt, geht zu Ende, ohne in Vergessenheit zu geraten. Mehr kann man von einem Klavierkonzert wohl nicht erwarten.

Michael S. Zerban