O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Björn Hickmann

Aktuelle Aufführungen

Intelligentes Gesamtkunstwerk

ERWARTUNG/DER WALD
(Arnold Schönberg, Ethel Smyth)

Besuch am
15. Februar 2026
(Premiere am 7. April 2024)

 

Wuppertaler Bühnen, Opernhaus

Die Oper Wuppertal bietet Karnevalsflüchtlingen ein anspruchsvolles Ausweichprogramm. Neben der überragenden Produktion von Vivaldis Oper Griselda als feinste Federzeichnung barocker Musik und modernem Musiktheater den ungewöhnlichen Operndoppelabend Die Erwartung von Arnold Schönberg und Der Wald von Ethel Smyth.

Denkt der klassisch sozialisierte Stadttheaterbesucher an einen Operndoppelabend, dann denkt er spontan an Cavalleria Rusticana/Der Bajazzo. Schon ab den 1890-er Jahren begannen Opernhäuser, beide Einakter an einem Abend zu kombinieren, die stilistisch eng verwandt und thematisch ähnlich sind. Seitdem gilt die Kombination als klassischer Verismo-Doppelabend und ist bis heute eine der meistgespielten Opernpaarungen weltweit.

Seit Jahren wird im Zuge der Wiederentdeckung und Wiederbelebung unbekannter oder vergessener Opern die tradierte Verklammerung aufgebrochen und teils experimentell erweitert. So stehen auf den Spielplänen der Region in dieser Spielzeit so interessante wie ungewöhnliche Kombinationen wie Rachmaninoffs Francesca da Rimini mit Puccinis Gianni Schicchi am Musiktheater im Revier oder Trouble in Tahiti von Leonard Bernstein mit Bartoks Herzog Blaubarts Burg am Theater Krefeld Mönchengladbach.

Als Wiederaufnahme aus der Spielzeit 2023/24 gibt es jetzt an der Wuppertaler Oper noch einmal Arnold Schönbergs expressionistisches Monodram Die Erwartung, kombiniert mit Ethel Smyths romantischer Oper Der Wald. Musikalisch erscheinen die beiden Kurzopern als äußerst ungleiches Paar.

Schönbergs Opus von 1909 ist ein herausforderndes Werk, durchdrungen mit den Erkenntnissen der Freudschen Psychoanalyse. Marie von Pappenheims Libretto gibt Einblicke in die Psyche einer wahnhaften Frau und bedient zugleich das modische Interesse der Zeit an geheimnisvoller Erotik. Dabei verlässt Schönberg konsequent die traditionellen Tonarten von Dur und Moll. Die Musik ist expressionistisch, wirkt sperrig, intensiv und psychologisch aufgeladen. Das psychologische Diagramm einer innerlich zerrissenen Frau, die nachts durch einen Wald irrt und im Fieberwahn nach ihrem Geliebten sucht. Während der Suche ergießen sich ihre Assoziationen in einen expressionistischen Bewusstseinsstrom. Hoffnung und Angst zeigen sie in einem Wechselbad der Gefühle. Die alptraumhafte Szene kulminiert darin, dass sie mit den Füßen gegen eine Leiche stößt – derjenigen ihres Geliebten. Schönberg findet in seinem ersten Bühnenstück zu einer bis dahin nicht gehörten, ganz neuen Form des Musiktheaters, das dank der großen Schwierigkeiten der freitonalen Klangsprache erst 1924 in Prag zur Uraufführung kam.

Einen deutlichen Kontrast dazu bildet die zweite Oper der 1858 geborenen englischen Komponistin Ethel Smyth. In Der Wald herrscht eine durch und durch romantische Atmosphäre. Erzählt wird die Geschichte von Röschen und dem Holzfäller Heinrich, deren Beziehung am Abend vor der geplanten Hochzeit eine unerwartete dramatische Zuspitzung erfährt. Musikalisch orientiert sich das Werk deutlich an Richard Wagner, was sich unter anderem in den ausgedehnten Chorszenen und den charakteristischen, aus der Ferne erklingenden Hörnern zeigt. Die zu Lebzeiten durchaus anerkannte Komponistin versuchte vor allem in Deutschland Fuß zu fassen, was ihr mit Mühen auch gelang. Der Wald mit deutschem Libretto wurde 1902 am Königlichen Opernhaus Berlin zur Uraufführung gebracht um danach als erste Oper einer Frau an der New Yorker Metropolitan Opera aufgeführt zu werden.

Regisseur Manuel Schmitt lässt die beiden ungleichen Einakter pausenlos ineinander übergehen, macht Schönbergs Erwartung sogar zur Vorgeschichte von Der Wald. Steht und fällt eine glückliche szenische Kombination zweier Opern mit der Verklammerung, so gelingt Schmitt auf der Bühne des Wuppertal Opernhauses eine überzeugende, kreative Deutung, die beide Werke inhaltlich zusammenbringt, ohne bemüht oder überambitioniert zu sein. Elegant gelingt der Übergang, ohne eines der beiden Stücke zu strapazieren oder gar zu beschädigen. Schmitt skizziert einen imaginären Ort am Rande des Waldes als Projektionsraum von Seelenzuständen, als Metapher des inneren Wandels.

Bedingend für beide Operneinakter ist das Sujet des Waldes, das für die deutsche Ideen- und Theatergeschichte seit Beginn des 19. Jahrhunderts als Sehnsuchtslandschaft eine ganz besondere Bedeutung besitzt und im frühen 20. Jahrhundert zum symbolischen Ort der Selbstfindung, dem Abbild der Psyche erweitert wird.

Bühnen- und Kostümbildnerin Julia Katharina Berndt entwirft für den ersten Teil den symmetrischen, hufeisenförmigen Bühnenraum einer Hotellobby, an deren Stirnseite eine großformatige, expressive Waldstimmung prangt, wie von Edvard Munch oder Ernst Ludwig Kirchner geschaffen. Durch eine Projektion greift das Gemälde auf den gesamten Bühnenraum über. Licht- und Schatteneffekte sorgen für eine surrealistische Grundstimmung. Zum Finale der Erwartung zerstört die Frau mit einer Axt das Gemälde und wechselt durch die entstehenden Risse hinüber in den sich nun erweiternden Bühnenraum für den zweiten Teil des Abends. Der Blick eröffnet sich auf eine Folge von sechs weißen Bühnenportalen, die sich verjüngend bis zur Hinterbühne fortsetzen und die Spielfläche mit zahlreichen Gassen strukturieren. Die abwechslungsreichen, edlen Kostüme entsprechen in Form und Stil der Entstehungszeit beider Werke.

In der Inszenierung von Schmitt ergänzen sich die beiden Werke durch eine meisterhafte Verschränkung der Handlungsstränge zu einem einheitlichen Gesamtkunstwerk. Dabei belässt er es nicht bei einzelnen Requisiten wie einem Reh oder der Axt, sondern schickt auch die Protagonisten wohlgesteuert durch den sich verändernden Kontext.  Während mit Heinrich, dem Hausierer und dem Chor das Personal der zweiten Oper in den Verlauf des ersten Teils eingreift, besiegelt die namenlose Frau aus der Erwartung final Heinrichs Schicksal im zweiten Teil. Was aus der Ferne bemüht und konstruiert erscheint, wird zu einem komplexen Geflecht aus beiden Einaktern, gerät authentisch und überzeugend. Selten hat man eine Verklammerung so unterschiedlicher Werke so souverän gelöst und dabei Neues geschaffen. Es entsteht ein äußerst intelligentes und komplexes Spiel mit den Charakteren, Symbolen und Zitaten.

Die gelungene szenische Verflechtung bleibt auch musikalisch nicht ohne Folgen. So konträr beide Werke musikalisch erscheinen, bestimmend ist der gemeinsame hochdramatische, teils existentielle Grundton.

Unter der musikalischen Leitung von Yorgos Ziavras entfaltet das Sinfonieorchester Wuppertal in großer Besetzung eine faszinierende, opulent instrumentierte Klangwelt. Dabei wird das breite Spektrum der so unterschiedlichen Tonsprachen transparent, differenziert und vielschichtig herausgearbeitet. Von der Sprödigkeit einer akademisch entworfenen Zwölftonmusik hin zur üppigen Fülle des spätromantischen Klangrauschs.

Die anspruchsvollen Gesangspartien werden von Gästen und Mitgliedern des Ensembles exzellent gestaltet, wobei drei Frauengestalten im Fokus der Gesamthandlung stehen. Die namenlose Frau in Schönbergs Erwartung wird von Hanna Larissa Naujoks sensationell interpretiert. Mit kraftvollem Mezzosopran und klarer Diktion beherrscht sie das gesamte Spektrum der nuancenreichen Partie, die eine existentielle Ausnahmesituation musikalisch und schauspielerisch intensiv abbildet. In der Rolle des Röschen gefällt Mariya Taniguchi mit lyrischem Sopran voller Anmut und Leidenschaft. Edith Grossmann scheint die Rolle der herrisch-durchtriebenen Jolanthe mit düsterer Attitüde wie auf den Leib geschnitten. Ihr durchdringender Mezzo konturiert trefflich auch den lüsternen Charakter einer selbstbestimmten Frau.

Sangmin Jeon als Heinrich besitzt tenorale Strahlkraft und vermag der schwierigen Partie zu entsprechen. Das Duett von Röschen und Heinrich O heiliger Wald wird zur Apotheose romantischer Verklärung. Für den erkrankten David Roy übernimmt Samueol Park aus der Premierenbesetzung die Rolle des Landgrafen Rudolf und fasziniert mit balsamisch-sonorem Bariton. Als Hausierer gefällt Zachary Wilson, facettenreich im Spiel und geschmeidig im Gesang.

Opern- und Extrachor der Wuppertaler Bühnen unter der Leitung von Ulrich Zippelius beeindrucken mit einer geschlossenen und klangschönen Leistung und einer präzisen Bewegungschoreografie.

Zurecht dankt ein begeistertes Publikum mit langanhaltendem Applaus für die überragende musikalische und szenische Qualität der Produktion. Die ambitionierte Programmgestaltung der Oper Wuppertal macht Lust auf einen Besuch, nicht nur zur Karnevalszeit. Eine der wohl besten Regiearbeiten von Manuel Schmitt wird am 1. März noch ein allerletztes Mal zur Aufführung kommen.

Bernd Lausberg