Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
LA TRAVIATA
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
27. September 2025
(Premiere)
Mit einem Seelendrama, mit Verdis La Traviata, das manche Zuschauerin bis zu Tränen rührt, gelingt dem Mainfrankentheater Würzburg in der Blauen Halle ein eindrucksvoller Saisonstart. Verdis Oper von der vom Weg des Bürgerlichen abgekommenen Kurtisane Violetta, nach dem Roman von Alexandre Dumas Die Kameliendame 1853 in einem Schaffensrausch von 45 Tagen vollendet, ist heute die wohl meistgespielte Oper der Welt. In Würzburg hat der Erfolg am ehesten drei Gründe: das sehr sängerdienliche, auf feinste emotionale Nuancen der Musik eingehende Dirigat des neuen Generalmusikdirektors Mark Rohde, die exzellente Sängerriege vornehmlich in den Hauptrollen, und die lebendige, ganz auf das Geschehen und die menschlichen Konflikte konzentrierte Regie von Olivier Tambosi und Christiane Boesiger in einem schlichten, vorwiegend schwarzen, auch glitzerndem Bühnenbild mit drehbaren Stationen und wenigen Requisiten zur Andeutung der Schauplätze.

Foto © Nik Schölzel
Als Kontrast zur heutigen Kleidung im Kostümbild von Lena Weikhard gibt es im letzten Akt üppige, bunte Karnevalsmaskerade des Chors. Das Leben draußen, nach dem Tod, geht eben weiter. Alles wird bestimmt von der Krankheit Violettas. Gleich zu Anfang, während der Ouvertüre, ist Violetta zu sehen in ihrem weißen Gitterbett, noch am Infusionstropf, als Hinweis auf ihre tödliche Krankheit, die Schwindsucht. Durch die ganze Oper zieht sich ihr So jung sterben! als Aufbegehren gegen ihr unentrinnbares Schicksal. Luzid schimmernd lässt der Dirigent das fein aufspielende, aufmerksam reagierende Philharmonische Orchester Würzburg beginnen, lässt sich oft viel Zeit, breitet auch Untergründiges und Düsteres aus neben aufmunternd spritzigen Momenten, steigert, wo nötig, mit Verve.
Während Violetta sich hier bei Beginn als hinfällig Kranke präsentiert, verwandelt sie sich beim Fest in ihrem Salon zu einer eleganten Lebedame im Kreis der Pariser Halbwelt, die zusammen mit ihr begeistert das berühmte Trinklied Libiamo anstimmt. Alfredo Germont kümmert sich um Violetta, als sie einen Schwächeanfall erleidet und verliebt sich in sie. Da entscheidet sie sich für ihn und das Glück und schiebt entschlossen das Bett, also die Krankheit weg. Später, im Garten außerhalb von Paris, genießt das Paar dann selig die harmonische Zweisamkeit, bis Alfredo erfährt, dass seine Geliebte alles verkaufen will; er eilt weg, um sich Geld zu verschaffen, als sein Vater erscheint, um Violetta, die für bürgerliche Vorstellungen anrüchige Kurtisane, zum Verzicht auf Alfredo zu überreden, da sonst Heirat und Ehe der Tochter auf dem Spiel stünden. Nach innerem Kampf willigt Violetta aus Liebe ein, schreibt Alfredo einen Abschiedsbrief und flieht nach Paris.

Foto © Nik Schölzel
Im Salon der Kurtisane Flora trifft dort Alfredo Violetta wieder, die ein Verhältnis mit dem Baron vortäuscht. Alfred beleidigt sie, sein Vater aber weist ihn zurecht. Während des Karnevals neigt sich Violettas Leben dem Ende zu; Trost spendet ihr ein wenig Alfredos liebevoller Abschiedsbrief. Sie liegt in ihrem Bett, während um sie herum die Karnevalsgesellschaft feiert; todkrank sieht sie Alfredo noch einmal, hat eine letzte Freude an ihm und stirbt in seinen Armen. Dass diese innerlich packende, melancholisch stimmende Tragödie so überzeugend und menschlich ergreifend über die Bühne geht, liegt vor allem auch an den Sängern, vor allem aber an der jungen Georgierin Sophie Gordeladse. Als Violetta ist sie die ganze Oper über präsent, und ihr klarer, reiner, großer, unaufdringlich virtuoser Sopran verfügt über eine strahlende Höhe und eine subtil nuancierte Kopfstimme, vermag alle Facetten von hinschmelzender Liebe bis zu innerer Verzweiflung wunderbar auszudrücken, und ihre Arien mit locker eingebundenen Koloraturen wie E‘ strano oder das anrührende Addio el passato sind einfach ein Genuss; hinzu kommt eine bis in die kleinste Geste natürlich-lebendige Gestaltung der Emotionen.
Ihr Alfredo wird von dem jungen Ungarn Jurai Hollý bestens verkörpert als etwas impulsiver Liebhaber; sein fülliger, wohlklingender Tenor, am Anfang noch etwas kehlig-gedämpft, kann sich immer mehr steigern bis zum schönen Schlussduett. Als Flora gefällt Vero Miller mit glamouröser Ausstrahlung als Salonlöwin und kraftvoll glänzender Stimme; Barbara Schöller als besorgte Annina singt ihre Partie sehr sicher. Leo Hyunho Kim als Vater Germont, ein bärtiger, würdevoller alter Mann, gestaltet mit seinem vollen Bariton einen ehrlichen, bürgerlichen Patron überzeugend, und im Gefolge der Pariser Halbwelt bewegen sich der Baron, Daniel Fiolka, und der Doktor, Gabriel Fortunas, sowie der Marquis, David Hieronimi, stimmlich wie darstellerisch wohltuend angemessen, wobei der quirlige Gaston, Mathew Habib, durch seine Umtriebigkeit hervorsticht. Der Chor aber, gut eingebunden ins Geschehen, einstudiert von Pawel Serafin, singt wohltuend abgestuft mit rundem, weichem Klang und bewegt sich dabei lebendig.
Das Premierenpublikum im ausverkauften Haus ist völlig begeistert und feiert alle Mitwirkenden lange, laut und mit vielen Vorhängen. Eine Inszenierung, die ohne überflüssigen Zeitbezug auskommt und durch ihre innere Dramatik überzeugt.
Renate Freyeisen