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SCHACHPARTIE MIT GEORG KREISLER
(Alina Jell, Maria Haupt, Sebastian Dietl)
Besuch am
13. April 2026
(Premiere)
Tauben werden explizit erst am Schluss vergiftet – oder jedenfalls endlich davon gesungen, nachdem das bekannte Lied von Georg Kreisler zu Beginn des Abends schon instrumental zu vernehmen gewesen ist. Doch erst als Zugabe gönnen sich Alina Jell, Maria Haupt und Sebastian Dietl im Terzett diesen „Everblack“ des musikkabarettistischen Großmeisters. Bei der Handvoll Lieder Kreislers, die zuvor erklungen ist, handelt es sich aber um weniger eingängige Titel, unter denen beispielsweise Meine Freiheit, deine Freiheit den eher ernsten Anspruch des Abends besonders deutlich zum Ausdruck bringt.

Foto © Sebastian Stauss
Denn um ein Wunschkonzert handelt es sich durchaus nicht bei dem knapp einstündigen Abend auf der Studiobühne der Theaterwissenschaft München, die mitten in der Stadt zu finden und trotzdem außerhalb universitärer Kreise immer noch ein Geheimtipp ist. Der überwiegende Teil derjenigen, die hier ein Projekt präsentieren, sind noch nicht mit dem geistes- oder kunstwissenschaftlichen Studium fertig. Ziemlich ausgereifte und vielversprechende Talentproben gibt es gleichwohl immer wieder zu erleben.
In diesem Sinn zeichnet sich die Schachpartie mit Georg Kreisler vor allem auch dadurch aus, dass sich das eingangs genannte Trio nicht übernommen, sondern eine kurze und temporeiche Collage aus autobiografischen Textpassagen und Liedern von Kreisler konzipiert und umgesetzt hat. Darin wird seine Flucht aus Österreich in die USA während der Nazizeit und das Zurückkommen reflektiert, das keine tatsächliche Heimkehr sein konnte. Denn Kreisler fühlte sich politisch niemals mehr willkommen und weigerte sich auch bis zu seinem Tod, die österreichische Staatsbürgerschaft wieder zu beantragen. Dass der 1922 in Wien in eine jüdische Anwaltsfamilie geborene Kreisler schon mit dem Antisemitismus konfrontiert war, bevor er als 16-Jähriger emigrierte, findet als Zitat aus seinen Lebenserinnerungen ebenso Erwähnung wie die Verbitterung darüber, dass das unter den Nationalsozialisten begangene Unrecht nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich nicht gebührend aufgearbeitet und Rückkehrern wie Kreisler eher mit neuen Ressentiments und von politischer Seite bestenfalls anstandshalber mit Glückwünschen zu runden Geburtstagen begegnet wurde.

Foto © Sebastian Stauss
Wie auf dem Programmzettel erläutert wird, liegt dem Theaterabend als Idee das Schachspiel zugrunde, mit dem sich Kreisler auf der Schiffsüberfahrt in die USA die Zeit vertrieb, aber anders als der Autor der Schachnovelle, Stefan Zweig, sich in Amerika nicht das Leben nahm, sondern zurückschlug. Ausgehend vom einfachen Spielelement weißer Blätter auf dem schwarzen Bühnenboden bewegt sich das Bühnentrio dazu passend wie Spielfiguren der Geschichte in einem Moment synchron in Schritten, im nächsten versetzt in Sprüngen und manchmal grotesk posierend. Dass Kreisler zum Kriegsende von den Vereinigten Staaten als Dolmetscher herangezogen wurde und beispielsweise bei Verhören von NS-Politikern oder Schwerstverbrechern wie Hermann Göring oder Julius Streicher zugegen war, wird in einer der kurzen Spielszenen einprägsam gezeigt, ohne dass an Requisiten mehr als ein Stuhl vonnöten ist. Nur sehr kurz angespielt wird auf das Scheitern Kreislers, Anfang und Ende der 40-er Jahre in Hollywood zu reüssieren, inklusive der kurzen Ehe mit Philine Hollaender und dem vergeblichen Versuch, auf Arnold Schönbergs Empfehlung hin an der University of California in Los Angeles angenommen zu werden. Für solche Punkte der Biografie wären, abgesehen von den Motiven der Selbstzweifel und Selbstfindung als Künstler, vielleicht noch klarere Bezüge wünschenswert gewesen, ebenso wie bei der bloßen Nennung von Helmut Qualtinger und Gerhard Bronner als künstlerischen Weggefährten der Wiener Nachkriegsjahre, von denen Bronner später vor allem urheberrechtlich gesehen zu einem regelrechten Widersacher Kreislers wurde.
Klug ist hingegen die Entscheidung, dass niemand von den dreien auf der Bühne alleine Kreisler verkörpert oder vielmehr: dass alle drei Kreisler sind. Zwar ist Dietl der Mann am Klavier. Dort lässt er auch eine witzige Schnellmontage aus Zwölftonklängen und Swing erklingen, als Kreislers zwischenzeitliche Desorientierung in Hollywood, im Spannungsfeld von Unterhaltungsmusik und einer Bewerbung bei Arnold Schönberg als Kompositionslehrer zur Sprache kommt. Von Haupt am Kontrabass und Jell an der Ukulele kommen aber ebenso klangliche Farbtupfer hinzu wie insbesondere gesanglich bei den mit Mütterlein oder dem Kapitalistenlied mal melancholischen, mal fetzigen und durchgehend in bester Kreisler-Manier bissigen Musiknummern. Neben den zu dritt auf der Bühne, chorisch und im Wechsel gesprochenen Worten ist aus dem Lautsprecher auch die Stimme vom Theaterwissenschaftler und Radiomoderator Stefan Frey zu hören, was den autobiografischen Passagen von Kreisler über sein gespanntes Verhältnis zu Österreichs Öffentlichkeit in der Nachkriegszeit ein besonderes Gewicht verleiht.
Die bereits erwähnte Zugabe ist im intimen Rahmen schnell erklatscht, aber wohlverdient, und das Projekt könnte auch in einem größeren Zuschauerkreis und leicht ausgebauter Form bestimmt noch mehr Resonanz finden.
Sebastian Stauss