O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Geoffroy Schied

Aktuelle Aufführungen

Düsternis mit Wohlklang

FAUST
(Charles Gounod)

Besuch am
13. Februar 2026
(Premiere am 8. Februar 2026)

 

Bayeriische Staatsoper, München

Man kennt die Geschichte vom Doktor Faustus bei uns in Deutschland vorwiegend durch die Vermittlung von Johann Wolfgang Goethes Faust-Drama in der Oberstufe der Gymnasien kurz vor dem Abitur. Inzwischen gilt er als schwierig zu lesen, was dazu führt, dass er in den meisten Bundesländern in den Klassen in einfacher Sprache oder als Graphic Novel konsumiert wird. Zumindest sind die Schüler dann mit dem Stoff vertraut. Denn die Geschichte vom Doktor Faust, dem Gelehrten aus dem 15. Jahrhundert, zählt zu den bekanntesten Mythen der deutschen Literatur. Unsterblich geworden in unzähligen Werken – allein Goethe kämpfte 57 Jahre lang damit – einprägsam und unvergesslich in der Gründgens-Inszenierung von 1960 als Film auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses gebracht, erfreut sich der Stoff nicht nur immer wieder neuer Inszenierungen auf der Sprechbühne, sondern auch im Musiktheater.

Johann Georg Faustus wurde in Knittlingen geboren und studierte ab 1438 in Heidelberg. Allseits bekannt wurde er als umherziehender Astrologe, Magier, Wahrsager und Alchimist. Seine Visitenkarte erhellt das noch weiter: „Magister Georg Sabellicus, Faustus iunior. fons necromanticorum, astrologus, magus secundus, chiromanticus, agromanticus, pyromanticus, in hydra arte secundus“. Nur neun Quellen beschäftigen sich mit seinem Leben, keine berichtet von persönlichen Begegnungen, sondern greift Gerüchte auf. Er gilt als Pseudogelehrter, Schwindler und Betrüger, so teilt es die Seite der Staatsoper München mit.

Charles Gounod seinerseits lernte den Faust-Stoff 1828 durch Goethes Dichtung kennen, griff aber erst durch Michel Carrés französische Fassung Faust et Marguerite den Stoff für seine Oper auf. Zunächst als Opéra comique mit gesprochenen Dialogen verfasst, später gab es eine Fassung für die Pariser Oper mit Rezitativen, mit der Uraufführung im Jahr 1859. Allein hier folgten mehr als 3000 Aufführungen. Die Metropolitan Opera in New York wurde 1883 mit dem Werk eröffnet, der Faust gilt als eine der populärsten Opern überhaupt.

München bringt das Werk in Kooperation mit dem Theater Wielki im polnischen Poznań auf die Bühne, in dieser Spielzeit läuft es noch an sechs anderen europäischen Bühnen. In München inszeniert den Faust Lotte de Beer, derzeit Intendantin der Volksoper Wien, in Co-Regie mit Florian Hurler, mit Bühnenbildner Christof Hetzer und Kostümbildnerin Jorine van Beek.

Grau in grau erscheint am Anfang die Szene, als der gebrechliche Faust im Rollstuhl mit der Welt hadert. Die fleißig benutzte Drehbühne zeigt immer wieder eine sich nach hinten leicht hebende Schieferplatten-Ebene, die durch überhohe Metallwände nach hinten oder seitlich abgegrenzt wird. Wie geätzt scheint darauf ein unregelmäßiges Muster von Schrammen und Abnutzung, das Lichtmeister Benedikt Zehm in immer wieder veränderter Form aufscheinen lässt, kupfergold, höllenrot, schwarz-verderbt. Sehr seltsam mutet es aber an, als Méphistophélès Marguerite den angeblichen Schlaftrunk für Marthe reicht und hinter den Handelnden auf der Wand blaue Meereswogen erscheinen: ein bisschen wie schlechtes Schultheater. Manchmal sieht man eine aufwändige Dekoration nur sehr kurz, als zum Beispiel der Zuschauer ein Dorf in Miniaturgröße wahrnimmt. Kleine beschauliche Holzhäuschen mit Kirche in der Mitte, Sinnbild einer kleinkarierten Gesellschaft. Mit der Walpurgisnacht erscheint die einzige wirklich bunte Szene: eine aufsteigende Treppe, von barocken Säulen seitlich begrenzt, üppig ausgestattet mit Darstellern, die barocke Kostüme tragen, und opulenten Blumengebinden. Erreicht die rauschhafte Szene ihren Höhepunkt, lässt die Technik die überblendeten Konturen verschwimmen und verwackeln, ähnlich, wie es unter Drogenkonsum geschehen soll. Das ist ausgefeilte Bühnentechnik, wirkt aber in dem sonstigen Bühnenaufbau wie ein Fremdkörper, wie eine bunte Vignette, stilfremd.

Immer wieder gibt es an dem Abend solche Momente, in denen man gewisse Brüche in der Interpretation feststellt, wo anscheinend ein Regieeinfall, sei er vielleicht noch so attraktiv, über das Konzept gestellt wird. So ist es zunächst faszinierend, wie Mephisto das Bild der Marguerite sich aus schwarzer Tinte in Wasser entwickeln lässt, übergroß auf die Hinterwand projiziert. Wenn sich daraus aber dann die Figur eines Pin-up-Girls à la Marilyn Monroe entwickelt, wirkt das wiederum komisch. Wohl unfreiwillige Komik kommt auf, wenn Faust vom Dach von Marguerites Hütte herabsingt: „O Marguerite! À tes pieds me voici! – O Marguerite, hier lieg‘ ich zu deinen Füßen!“

Einen wirklichen Bruch findet man in der Juwelenszene. Hier schleppt Méphistophélès einem großen schwarzen Karton herein – Schmuckkästchen ade – woraus Marguerite ein weißes, barbiemäßiges Ballkleid mit golfballgroßen Perlen zieht und sich überwirft. Die große Arie singt und tanzt sie mit dem Spiegel in der Hand, während die unermüdliche Drehbühne weiterfährt zu einer Szene, die erschaudern lässt: Im Hintergrund schuften drei Kinder bei einem Holzkohleofen, und Méphisto legt zu allem Überfluss Marguerite eines tot hin. Das ist Effekthascherei.

Bei den Kostümen bringen in erster Linie die Soldaten Farbe ins Spiel, rotgerockt vervollkommnet so auch Valentin die großen Szenen, bei denen auch Kindersoldaten mit Spielzeugwaffen mitmarschieren. Ansonsten gilt ein Mix aus ländlichen Kostümen für das Volk, die im Verlauf ins Braune, Erdfarbene tendieren. Marguerite trägt anfangs ein rosafarbenes Rüschenkleidchen, später einen hellblauen, verschlissenen Rock, oben herum in den Farben des Volkes ergänzt. Faust glänzt nach seiner Verjüngung in einer goldverzierten, dunkelroten Brokatjacke. Méphisto erscheint in Schwarz, in einem seidig glänzenden Hemd mit Fledermausärmeln, schwarzem Seidenschal und langer schwarzer Mähne. Das erlaubt ihm, recht grazil zu agieren und der Figur etwas zweischneidig Elegant-Dämonisches zu geben. Der Lichtregie ist es so möglich, ihn aus einem großen Haufen heraus schillern zu lassen und verleiht ihm so die ihm zustehende prominente Rolle in Gounods Oper. Insgesamt ist alles ein Kostümmix, der recht zufällig scheint, jedenfalls auf Anhieb keine interpretatorische Linie erkennen lässt.

Méphistophélès, in Gounods Fassung des Stoffes und in dieser Inszenierung die eigentliche Hauptfigur, die alle Fäden in der Hand hat und das Geschehen immer wieder subtil und zwingend lenkt, wird von Kyle Ketelsen verkörpert, der sich den Teufel schauspielerisch wirklich einverleibt hat. Auch stimmlich lässt der Sänger keine Wünsche offen und betört mit sonorem, sehr viril eingesetztem Bass-Bariton.

Marguerite, die der Oper in der deutschen Übersetzung den Titel Margarethe einbrachte, wandelt sich vom einfachen Mädchen über die heftig Liebende zur verzweifelten und wahnsinnigen Mutter, die ihr Kind tötet. Olga Kulchynska füllt die Rolle in jeglicher Hinsicht absolut glaubwürdig aus. Sie setzt ihre lyrische Sopranstimme sehr differenziert und fein dosiert mit wunderbaren Piani ein. Ihre Juwelenarie ist atemberaubend schön gesungen trotz des Kleides, keine Selbstdarstellung einer Diva, sondern der Freudenausbruch eines jungen Mädchens.

Jonathan Tetelman wird als der Zögernde, der eher Inaktive dargestellt, der Méphisto folgen muss. Während er anfangs den alten Faust mit zurückhaltender Stimmgebung singt, blüht er später als verjüngter Liebhaber auf, wobei die ruhigeren Passagen manchmal etwas eindimensional bleiben. Bei den einschlägigen Stellen trumpft der Tenor mit gefälligem Timbre bis in fabelhafte Höhen auf. Die Arie in der Walpurgisnacht Doux nectar dans ton ivresse Tiens mon cœur enseveli – Süßer Nektar, in deinem Rausch halte mein Herz gefangen – gelingt ihm in dieser Vorstellung besonders beeindruckend.

Emily Sierra darf einen ganz weiblichen Siebel mit Lockenpracht spielen und muss als solche auch prompt vergewaltigt werden. Stimmlich wirkt sie anfangs recht blass, kann sich aber später steigern. Dshamilja Kaisers warmer Mezzo in der kleinen Rolle der Marthe kommt da tragfähiger über die Rampe. Florian Sempey gibt erst einen kehligen Valentin, kann die Stimme aber später besser, obertonreicher fassen. Thomas Mole lässt als Wagner wieder mit seinem blutjungen, schlackenlosen und kraftvollen Bariton aufhorchen, sodass man fast schon ungeduldig auf die größeren Rollen wartet.

Der Staatsopernchor begeistert unter der Leitung von Christoph Heil einmal mehr und zeigt in den verschiedenen Chören des Werkes seine Wandlungsfähigkeit. Äußerst homogen und spielfreudig tragen die Sänger wesentlich zum Gelingen des Abends bei.

Dem Bayerischen Staatsorchester steht in dieser Produktion eine der derzeit gefragtesten Dirigentinnen am Pult voran. Nathalie Stutzmann, ehemalige Altistin und Spezialistin für Alte Musik, interpretiert die Partitur durchsichtig und fein differenziert, stets darauf bedacht, die Sänger nicht zu übertönen. Exquisit und kostbar kommt der Klang aus dem Graben, bei entsprechenden Stellen verführerisch, zupackend und in der Walpurgisnacht süffig.

Das Publikum feiert die Dirigentin und das Orchester im Schlussapplaus ganz besonders, wobei sich ein langgezogener Buhruf in dieser zweiten Aufführung einschleicht. Gasttenor Tetelman wird gefeiert und auch verdientermaßen die Marguerite von Kulchynska, Ketelsen sahnt ausgiebig ab, aber auch das Ensemble wird begeistert bedacht.

Wer möchte, kann sich das Video der Premiere bei Arte Concert ansehen. In München kann man die Oper noch vier Mal live im Februar sehen, bei den Opernfestspielen im Juli übernimmt Piotr Beczała die Hauptrolle des Doktor Faust.

Jutta Schwegler