O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Bertrand Stofleth

Aktuelle Aufführungen

Musiker zu den Waffen

GUILLAUME TELL
(Gioachino Rossini)

Besuch am
7. Oktober 2019
(Premiere am 5. Oktober 2019)

 

Opéra national de Lyon

Technisch wie organisatorisch ist dieses Haus eindrucksvoll ausgestattet. Die Taschenkontrolle am Eingang ist effektiv und schnell. Und während der Scanner die Eintrittskarte erfasst, erfährt der Besucher bereits mit freundlichen Worten, wohin er sich wenden soll. Die Laufrichtung der Rolltreppen wird nach den Besucherströmen ausgerichtet. Und im Saal gibt es so viel Personal, dass nahezu jeder Gast an seinen Platz geleitet wird. Das hilft, die Reihen schnell zu füllen. Und das ist auch notwendig, denn annähernd 80 Prozent der Eintrittskarten gehen in den freien Verkauf. Zugegeben, der Schuppen ist ziemlich abgerockt. Aber es gelingt der Opéra de Lyon locker, die zweite Vorstellung einer Vier-Stunden-Oper am Montagabend auszuverkaufen. Und zwar quer durch alle Generationen. Da möchte man den deutschen Opernpalästen zurufen: Hört auf mit Eurem elitären Operngetue! Denn dass das Haus in Frankreich bis auf den nahezu letzten Platz besetzt ist, liegt mit Sicherheit nicht daran, dass alle nur auf die Kritiken der Premiere gewartet haben, um anschließend das Haus zu stürmen. Und man kann den Franzosen auch keine größere Opernbegeisterung als den Deutschen nachsagen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Auch an der Oper selbst wird diese Begeisterung nicht liegen. Denn Wilhelm Tell von Gioachino Rossini zählt heutzutage nicht mehr zu den Kassenschlagern, auch wenn sie in den letzten Jahren wieder vermehrt aufgeführt wurde. Selbst der Regisseur dürfte nicht als Publikumsmagnet dienen: Er ist Deutscher. Gut, Daniele Rustioni hat sich inzwischen einen Ruf aufgebaut. Da wird der eine oder andere sich schon mal einen Opernabend leisten, wenn der Generalmusikdirektor der Oper selbst am Pult steht. Im Zweifelsfall wird Serge Dorny, Intendant der Oper, seinen Teil dazu beitragen, indem er seit Jahren mit einem ausgefallenen und abwechslungsreichen Programm sowie einer sehr eigenen, entspannten Atmosphäre das Publikum aller Altersklassen in die düstere Höhle der Oper lockt. Kein Plüsch, kein Goldlack, stattdessen schwarze Wände, Sitze, die jeden Rückenkranken in die Flucht treiben müssten, und ein Saal, in dem man spätestens nach zwei Stunden komplett durchgefroren ist. Aber, wie gesagt: vollbesetzt. Mit der Disziplin nimmt es das enthusiasmierte Publikum dabei nicht so genau. Selbstverständlich klingelt ein Mobiltelefon, wichtige Mitteilungen werden sofort und augenblicklich an den Sitznachbarn mündlich weitergegeben, egal, was auf der Bühne passiert, und geklatscht wird, wenn es gefällt und nicht, wenn es die Situation zulässt. Das führt am heutigen Abend auch schon mal dazu, dass der Dirigent abwinkt, damit es weitergehen kann.

Applaudiert wird an diesem Abend reichlich. Dabei ist Misstrauen angesagt. Wenn die Kritiker deutscher Feuilletons anfangen, einen Regisseur mehrheitlich über den grünen Klee zu loben, lohnt es sich erfahrungsgemäß meistens, mit gesunder Vorsicht zu reagieren. Und aus deutscher Sicht lohnt es sich mindestens doppelt, den Wilhelm Tell in Lyon anzuschauen. Denn immerhin gibt es hier auch Choreografien von Demis Volpi zu sehen, dem Choreografen, der demnächst die Geschicke des Balletts der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf lenken und damit die Nachfolge von Martin Schläpfer antreten wird. Aber am Anfang einer Oper steht neben der musikalischen Bearbeitung das Konzept des Regisseurs. Wie wird Tobias Kratzer mit dem historischen Freiheitskampf in der Schweiz umgehen, möglicherweise sogar angesichts aktueller deutscher Entwicklungen? Wenn jemand aus einem Land kommt, in dem die Rechtsextremen versuchen, Einfluss auf die Kultur zu nehmen, wird das vielleicht auch etwas mit ihm machen, was Einfluss auf seine Arbeit hat. Und Kratzer liefert ab.

Die Idee: Die herrschenden Mächte versuchen, die Kultur nach ihren Vorstellungen zu ändern. Dazu dürfen sie die Kulturschaffenden auch schon mal gängeln, unterdrücken und beleidigen. Eine besondere Gruppe der Betroffenen, die sonst eher durch Stillschweigen auffällt, nämlich die Musiker, erhebt sich gegen den Machtmissbrauch und gewinnt ihre Freiheit zurück. Der Preis ist hoch. Vornehme Zurückhaltung hilft nämlich nicht weiter, und wer sich wehrt, muss selbst zu Waffen greifen – seien sie noch so ungewöhnlich. Um die besondere Gehässigkeit der Mächtigen aufzuzeigen, baut Kratzer mit seinem Kostüm- und Bühnenbildner Rainer Sellmaier auf filmische Assoziationen. Da bekommen die Mannen um Geßler das Kostüm des bösen Bandenanführers Alex aus Kubricks Kultfilm Clockwork Orange. Ebenso wie den obligaten Baseball-Schläger. Das passt gut in das Bühnenbild, das ohne Farbe auskommt. In der Mitte ist ein weißes Podest aufgebaut. Dahinter sieht man ein Foto der helvetischen Bergwelt in Schwarzweiß. Mit fortschreitender Handlung läuft Blut über das Foto. Und weil Blut auf einem Schwarzweiß-Bild schwarz ist, verdüstert sich der Hintergrund zunehmend. Das zum Showdown die Fläche vollständig geschwärzt ist, leuchtet ein. Dass sie geschwärzt bleibt, gibt Auskunft darüber, dass auch nach der Katharsis nichts mehr so rein und schön sein wird wie zuvor. Schwarze Stühle und ein schwarzer Tisch mit weißer Tischdecke komplettieren die Ausstattung. Die Geknechteten stecken in schwarzen Anzügen und Kleidern, die sie in ihrer einsamen Bergwelt würdevoll erscheinen lassen. Farbige Kostüme bekommen die Bauernleute zum Ausdruck ihrer Erniedrigung. Wer darin Trachten erkennen will, liegt sicher nicht ganz falsch. Wilhelm Tell bekommt vorübergehend ein grünes Kostüm, als er auf seinen Sohn anlegen soll. Er ist auf dem moralischen Tiefpunkt angekommen. Aus den Instrumenten, die die „Musiker“ mit sich tragen, werden Waffen. Dazu müssen sie teilweise zerstört werden – ein Bild von hoher Symbolkraft. Eine solchermaßen ausgeklügelte, minimalistisch wirkende Bühne gibt den Akteuren viel Raum zur Bewegung, lässt aber vor allem der Musik Raum zum Atmen.

Von beidem brauchen sie an diesem Abend viel. Einer der Hauptakteure ist der Chor der Oper in der wahrlich hervorragenden Einstudierung von Johannes Knecht. Sein Aux armes! ist ebenso markerschütternd, wie das Liberté im Finale unter die Haut geht. Sehr schön auch die Spielfreude, von der Kratzer ausgiebig Gebrauch macht. Weniger befriedigend wirkt die Leistung von Demis Volpi. Seine Choreografie wirkt beliebig, bietet wenig Material und wird über weite Strecken nicht sauber ausgeführt. Die Hoffnung, der Spitzentanz und ein paar Hebungen würden über die Mängel hinweghelfen, erfüllt sich nicht. Das ist umso bedauerlicher, als die sechs Tänzer außerordentliche Einsatzfreude zeigen. So, wie auch die Solisten nahezu alles geben, um das Publikum zu überzeugen. Allen voran ein kleiner, blonder Junge, der Jemmy, Guillaumes Sohn, als stumme Rolle gibt. Da darf man schon gespannt sein, wie dieser Regie-Einfall in der kommenden Spielzeit im koproduzierenden Karlsruhe umgesetzt wird. Denn es ist längst nach halb elf Uhr, als der Junge Mann das Feuersignal zum Aufstand gibt. Da kommt in Deutschland kein Kind mehr auf die Bühne. Hier in Lyon hält er tapfer bis zum Schluss durch, ohne auch nur einmal zu patzen. Ganz großes Kompliment. Seinen Gesang übernimmt Jennifer Courcier mit hellklingendem Sopran, überzeugend vor allem in ihrer Entrüstung. Auch darstellerisch wirkt das Gespann ausgesprochen schlüssig.

Nicola Alaimo verfügt über eine außerordentliche Körperfülle und ist schon von daher überzeugend als Wilhelm Tell. Als ausgewiesener Rossini-Spezialist ist der Bariton ohnehin ein Hauptgewinn. Gesanglich gleichauf ist Tenor John Osborn, der den Arnold auch darstellerisch schlüssig gibt. Wunderbar passt der schwarze Bass von Jean Teitgen zum Geßler, aus dem die Maske zudem einen echten Fiesling gezaubert hat. Mit wenigen Mitteln gelingt es ihr auch, den alten Melcthal bei seinem zweiten, stummen Auftritt ziemlich tot aussehen zu lassen. Gelitten hat Tomislav Lavoie in der Rolle ja vorher schon sehr ausdrucksvoll. Als „Ur-Mutter“ Hedwige begeistert Enkelejda Shkoza. Und Jane Archibald hinterlässt als Mathilde bleibenden Eindruck.

Wenn man hier schon bei den Sängerdarstellern von einem wahren Fest sprechen darf, gilt das wohl erst recht für die Leistung des Opernorchesters. Daniele Rustioni weiß, dass vier anstrengende Stunden vor den Musikern liegen. Das heißt es, frisch aufzuspielen. Ohne hastig zu werden, wird dynamisch zugepackt. Ja, so muss Rossini klingen, wird so mancher an diesem Abend denken. Mit viel Transparenz und ausgewogener Balance hält Rustioni die Frische und hat dabei permanent Sänger und Chor im Blick. Und dann ist es so weit. Der große Augenblick, auf den alle Mühen hinwirken: „Liberté, redescends des cieux!“ erschallt es in dieser großartigen Mischung aus Religiosität, Sehnsucht und Triumph. Die Freiheit kehrt aus dem Himmel zurück. Ein beglückender Abschluss.

Das Publikum zeigt sich den ganzen Abend über feierfreudig. Zahlreiche Szenen- und Arienapplause unterbrechen immer wieder den Fortgang. Aber nach dem Freiheitschor gibt es kein Halten mehr. Gefeiert wird ein schlüssiges Konzept, das eine glaubwürdige, heutige Geschichte erzählt und bis ins Detail sauber umgesetzt wird, eine berauschende Musik stets im Blick hält und zu Recht am Ende mit Bravos aus allen Ecken bedacht wird. Die Oper als Gesamtkunstwerk: In Lyon ist sie nicht die vielbeschworene Illusion, sondern erwacht zum Leben.

Michael S. Zerban