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Aktuelle Aufführungen
MUSIK – EINE BRÜCKE ZU GOTT
(Richard Strauss, Maurice Ravel, Frank Martin)
Besuch am
25. Mai 2026
(Einmalige Aufführung)
Was wünscht sich eigentlich ein Sänger zum Geburtstag? Blöde Frage. Einen Liederabend. Zumindest sieht das Bass-Bariton Rolf A. Scheider so. Und gern erfüllt seine Frau, Nicola Glück, ihm den Wunsch. Der Ort ist schnell gefunden. Yoerang Kim-Bachmann, Kantorin an der Tersteegenkirche in Düsseldorf, ist es ein persönliches Vergnügen, den Kirchenraum zur Verfügung zu stellen, in dem Scheider bereits mehr als einmal aufgetreten ist. Und auch Thomas Hinz, langjähriger Klavierbegleiter des Sängers, lässt sich nicht zwei Mal bitten.
Das Gute an einem solchen Konzert ist, dass der Sänger sich nicht nach den Vorgaben eines Veranstalters richten muss, weil der sein Publikum so gut kennt und sich nichts anderes als endlich mal die Aufführung der Schönen Müllerin oder der Winterreise vorstellen kann. Die Herausforderung ist, dass das Publikum „etwas Originelles“ erwartet. Die Erwartungshaltung ist also hoch, als sich die zahlreichen Besucher bei strahlenschönem Wetter am Pfingstmontag in der Kirche einfinden. Die lassen sich auch von dem Titel des Liedernachmittags, Musik – eine Brücke zu Gott, nicht abschrecken, der auf dem Zitat „Musik ist wie eine Brücke, die uns zu Gott führt“ von Papst Leo XIV. basiert. Deutlich vielversprechender ist da der Untertitel: Grenzerfahrungen im Lied.

Foto © Michael Zerban
Gleich der Auftakt will schon so recht nach einem Geburtstagsständchen klingen. Aus den von Richard Strauss vertonten Fünf Liedern nach Gedichten von Ludwig Uhland gibt es die Einkehr, die Scheider mit sichtlichem Vergnügen darbietet. Aus den Wanderliedern von Uhland stammt die Winterreise, die Strauss gleichfalls vertont hat. Unter dem Titel Bei diesem kalten Wehen erschien das düstere Gedicht 1815, das Scheider schon so interpretiert, dass es einen ein wenig frösteln lässt, wenn die letzte Zeile lautet: „Bleibt auch das Herze kalt“. Mit Heinrich Hoffmann von Fallerslebens Der müde Wandrer, den Strauss in den Jugendliedern vertont hat, geht es weiter. Schon sank die Sonne nieder überschrieb Fallersleben sein Gedicht, in dem der Wanderer sein Grab in einer Schlucht findet. Mit vierzehn Jahren entdeckte Strauss das Gedicht Du, trüber Nebel, hüllest mir von Nikolaus Lenau – und war einer von vielen, die es als Lied vertonten. Scheider gelingt es mit Bravour, die besondere Atmosphäre des Wetterphänomens zu vermitteln. 1885 lässt Strauss das Gedicht von Hermann von Gilm unter dem Titel Allerseelen erklingen, in dem das Totengedenken mit der Sehnsucht nach vergangener Liebe und schönen Erinnerungen verbunden wird. Von Adelbert von Chamisso stammt das Gedicht Laß ruh’n die Toten, mit dem Scheider die erste Gruppe von Strauss-Liedern versöhnlich abschließt, wenn er verlangt: „Laß ruhn, laß ruhn die Toten, du weckst sie mit Klagen nicht auf“.
Freunde wissen um die Liebe des Sängers und seiner Frau zur französischen Sprache, und so ist es weniger verwunderlich denn vielmehr erfreulich, dass Scheider sich im zweiten Abschnitt für Maurice Ravel entscheidet. Der hatte die Fünf griechischen Volkslieder nicht selbst komponiert, sondern 1907 im Auftrag von Michel-Dmitri Calvocoressi die Klavierbegleitung zu den anonymen Texten geschrieben. Später ersetzte Ravel drei zu kurze Lieder. Scheider bleibt bei der Originalarbeit, wenn er in schneller Folge Chanson de la Mariée, Là-bas, vers l’église, Que! Galant m’est comparable, Chanson des cueilleuses de lentisque und Tout gai! präsentiert.

Foto © Michael Zerban
Mit der dritten Gruppe gelingt Scheider der absolute Coup. Auf der Suche nach einem Text, den er für den Bariton Max Christmann vertonen könnte, stieß Frank Martin auf Hoffmannsthals Theaterstück Jedermann. Daraus wählte er sechs Monologe aus, die er 1943 für Stimme und Klavier vertonte. Martin beabsichtigte, mit seiner Musik einen psychologischen Prozess auszudrücken, vom Schrecken vor dem Tod bis zum Gebet, in dem der reiche junge Mann seine Sünden bereut und den Himmel um Vergebung bittet. Nach eigenen Worten ließ Martin sich leiten von der „vollkommenen Schönheit von Sprache und Form und dem reinen Rhythmus der Verse, die so geschmeidig in ihrer wunderbaren Monotonie und so wahrhaft mittelalterlich sind.” Scheider trägt vier der Monologe vor: Ist alls zu Ende das Freudenmahl, So wollt ich ganz zernichtet sein, Ja! Ich glaub solches hat er vollbracht und O ewiger Gott! O göttliches Gericht. Der Sänger findet hier eine ganz eigene, expressive Interpretation, die ihm nicht nur erlaubt, die ganze Bandbreite seines sängerischen Könnens einzubringen – und die ist enorm – sondern auch so manchem den Atem stocken lässt. Eine großartige Leistung, die zurecht den Mittelpunkt des Konzerts krönt.
Ein wenig Entspannung nach dem emotionalen Höhepunkt bietet abermals Maurice Ravel. Drei Lieder aus Don Quichotte à Dulcinée, nämlich die Chansons Romanesque, épique und à boire bringen noch einmal ein wenig französisches Flair in den Kirchenraum, bei dem Scheider sich den Schalk nicht ganz verkneifen kann.
Das Lächeln bleibt noch auf den Lippen der Hörer, wenn Scheider in der letzten Gruppe zu Richard Strauss zurückkehrt und mit Herr Lenz ein fröhliches Lied nach dem Text von Emanuel von Bodman vorträgt. Mit Traum durch die Dämmerung, Morgen, Nacht und Ruhe meine Seele kehren die Musiker sanft in die bekannten Gefilde des deutschen Kunstliedes zurück.
Der Applaus des Publikums will kaum Grenzen kennen. Ein Sonderlob gilt Thomas Hinz, der das ungewöhnliche Programm mitatmet, die Dramatik an den richtigen Stellen zu setzen weiß und ein hervorragendes Gefühl für die Balance beweist. Mit der Zueignung finden die beiden noch eine gelungene Zugabe. Mit seinem Programm hat Scheider nicht nur sich selbst, sondern eindeutig auch das Publikum beschenkt. Und es wäre doch mehr als schade, wenn es nicht noch auf anderen Bühnen stattfinden wird.
Michael S. Zerban