O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Michael Zerban

Aktuelle Aufführungen

Glanz der Krise

GOLD UND ASCHE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
12. Dezember 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Theatermuseum, Düsseldorf

Wer glaubt, wir lebten in turbulenten Zeiten, sollte mal einen Blick um hundert Jahre zurückwerfen. In der Weimarer Republik, also der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, ging es recht wüst zu in Deutschland. Die Lasten des Versailler Vertrags, Hunger, Arbeitslosigkeit, starke gesundheitliche Beeinträchtigungen verhinderten einen gelungenen Neubeginn. Häufige Regierungswechsel, Attentate auf Politiker, geringe Kompromissneigung und Hasspredigten vergifteten das politische Klima. Die zunehmende Inflation gipfelte 1923 in einer Hyperinflation, mit der alle Ersparnisse vernichtet wurden. Die soziale Sicherung sorgte für Linderung, allerdings verzehnfachten sich die Ausgaben dafür. Der Unterhaltungssektor erlebte ein nie gekanntes Ausmaß. Bislang unbekannte Tänze wie Charleston, Shimmy oder Black Bottom wurden nach der Aufhebung des seit dem Krieg geltenden Tanzverbots ekstatisch zelebriert. Das Kabarett erlebte seine Blütezeit. Die Suche nach dem Vergnügen, um die Beschwernisse des Alltags zu überstehen, wurde mehr und mehr zum Tanz auf dem Vulkan. Drogen wie Kokain gehörten zum guten Ton der Unterhaltung. Das gesamte System stürzte in sich zusammen im Jahr 1929, als der Börsenkrach am Schwarzen Donnerstag der Wall Street in New York für den weltweiten Zusammenbruch der Finanzmärkte sorgte. In Deutschland brachen die dunklen Jahre des Nationalsozialismus an.

Marie Oser – Foto © Michael Zerban

Obwohl sie bereits als Kind ihre Liebe zum Theater entdeckte, absolvierte Marie Oser zunächst ein Medizinstudium und wurde Psychoanalytikerin. Eine klassische Gesangsausbildung, ergänzt um Pop-Unterricht, erleichterte den Sprung auf die Bühne. Sie begann, Bühnenprogramme zu schreiben, die sich bevorzugt mit dem 1920-er und 1930-er Jahren beschäftigen. Mit Glanz und Asche tritt sie heute im Theatermuseum Düsseldorf auf. Konzept, Textbuch und Auswahl der Musikstücke liegen in ihrer Hand. An ihrer Seite Sophie Sczepanek. Sie begann im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel, studierte später Klavierpädagogik in Essen und schloss mit einem Master-Studium „Duo vokal für Pianisten“ ab. Hinter den Kulissen wirkt außerdem Alessandra Giuriola als Regisseurin und Beraterin mit. Sie hat früher am Schauspielhaus Düsseldorf gearbeitet und wirkt heute freischaffend.

Der Lore-Lorentz-Saal, so nennt das Theatermuseum den großen Saal, der auch Theateraufführungen dient, ist bis auf den letzten Platz besetzt. Einige der Gäste haben ihre Kleidung dezent der Mode der 1920-er angeglichen, was die Atmosphäre schön unterstreicht. Der Saal ist schwarz verhängt. Auf der Bühne steht ein historischer Flügel, rechts davon ein Tischchen und ein Stuhl. Hinter dem Flügel steht ein weiterer kleiner Tisch versteckt, den Sczepanek für Requisiten benötigt.

Oser betritt den Raum durch den Publikumseingang, in der Hand einen Koffer, aus dem sie allerlei Verkleidungsstücke zaubern wird. Sie ist eine Künstlerin auf der Durchreise oder besser auf einer Reise durch die Veränderungen der Zeit und deren Bedeutung für die vorgestellten Künstler. Gleich mit dem ersten Lied von Friedrich Hollaender, von dem es heute Abend viel zu hören geben wird, Wenn ich mir was wünschen dürfte, trifft Oser den Nerv des Publikums. Und schon geht es mit fake weiter. Denn Ein Tag aus Gold von Max Raabe und Annette Humpe stammt aus dem Jahr 2022 und wurde für Babylon Berlin geschrieben. Das ist die überaus erfolgreiche Kriminal-Fernsehserie, die seit 2017 produziert wird. Ebenfalls aus der Serie stammt Bis in den Mondenschein von Johnny Klimek und Tom Tykwer aus dem Jahr 2020. Zwischen den Stücken erzählen Oser und Sczepanek von den berühmten Bars, von den Künstlern, die zur damaligen Zeit Berühmtheit erlangten. Da darf zur Erheiterung auch mal eine Linie Koks geschnupft werden. Oder zur Erbauung das Gedicht Von einem, dem alles danebenging von Joachim Ringelnatz vorgetragen werden.

Sophie Sczepanek – Foto © Michael Zerban

Mischa Spoliansky ist der sensible musikalische Ästhet und Jazzer unter den das Kabarett der ersten Jahrhunderthälfte mit ihren Chansons und Revuen prägenden Komponisten. Weniger Zeitsatiriker denn exakt beobachtender Intellektueller, steht der auch als Pianist brillierende „Moische Mozart“, wie Roman Cycowski ihn nannte, für die elegant-mondäne Gesellschaftsparodie, die Moden und Trends der Roaring Twenties ironisch widerspiegelt. Das Lila Lied ist eine der beiden Kostproben von ihm, mit Mir ist so nach dir wird der Abend abschließen. Der Schwerpunkt des Abends bleibt allerdings bei Hollaender und so gehören ihm die letzten drei Lieder vor der Pause: Raus mit den Männern aus dem Reichstag, Claire Waldoffs legendärer Auftritt als Cäsar in einem römischen Streitwagen in der Revue Von Mund zu Mund, In den Abendwind geflüstert, wunderbar interpretiert von Blandine Ebinger, und Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre, ein Filmschlager aus Stürme der Leidenschaft von Robert Siodmak.

Während in der ersten Hälfte vor allem Oser durch Stimme, Haltung und Anekdoten brilliert, erwartet die Besucher in der zweiten Hälfte noch die eine oder andere Überraschung. Nach Zum Einzug in Berlin von Ringelnatz gibt es den Klassiker Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt von, na klar, Hollaender, mit dem Marlene Dietrich bis heute in den Herzen der Deutschen verankert ist. Danach wird nicht etwa der Mitsing-Teil ausgerufen, sondern ein Ratespiel. Es geht um die Filmmusiken von Werner Richard Heymann. Und die beginnen mit Ein Freund, ein guter Freund. Da braucht niemand mehr zum Mitsingen aufgefordert zu werden, das Publikum macht es einfach. So auch, wie bei den folgenden Beispielen. Man könnte es in etwa so ausdrücken: Der Saal brennt. Wunderbar. Da helfen auch die ernsteren Stücke wie Der Spuk persönlich oder Kurt Tucholskys Der Graben, vertont von Hanns Eisler, nicht mehr. Mit Lili Marleen ist dann eindeutig der Höhepunkt erreicht. Bis heute kann sich wohl kaum jemand der Gänsehaut entziehen, wenn die Stimme von Lale Andersen – oder in der amerikanischen Truppenbetreuung von Marlene Dietrich – erklingt. Und auch bei Oser klingt es authentisch, also die Seele ergreifend.

Wir sind uns lang verloren gegangen von Klimek und Tykwer und der Zeitgemäßen Ansprache von Mascha Kaléko in der Vertonung von Dota Kehr geht ein atmosphärisch dichter, mitunter humorvoller und auch nachdenklicher Abend zu Ende. Klar, dass bei der Wiederholung von Lili Marleen als Zugabe das Publikum als geschlossener Chor mitsingt. Oser zeigt, wie Unterhaltung auch vor ernstem Hintergrund auf hohem Niveau funktioniert.

Michael S. Zerban