O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Michael Rathmann

Aktuelle Aufführungen

Glanzvoller Abschluss

BAROCKE MOTETTEN AUS LEIPZIG
(Diverse Komponisten)

Besuch am
26. September 2026
(Einmalige Aufführung)

 

Klosterbasilika Knechtsteden, Dormagen

Als prachtvoller Abschluss des Festivals Alte Musik Knechtsteden stehen Barocke Motetten aus Leipzig auf dem Programm. Im Mittelpunkt steht dabei Johann Sebastian Bach. Nicht nur Bach, sondern auch die Thomaskantoren vor und nach ihm haben Motetten geschrieben. Unter Leitung von Edzard Burchards singt die Rheinische Kantorei die Motetten der Thomaskantoren. Der Chor der Kantorei ist in allen Stimmen sechsfach besetzt, also mit 24 Sängern auf der Bühne.

Bachs Vetter Johann Gottfried Walther definierte die Motette wie folgt: „Motteto … ist eigentlich eine mit Fugen und Imitationibus stark ausgeschückte, und über einen Bibelspruch bloß zum Singen ohne Instrumente (den General-Baß ausgenommen) verfertigte musikalische Composition.“ Zu ergänzen bleibt, das für Bach und die anderen Thomaskantoren der Choral ein wichtiges Element in den Motetten war.

Burchards hat sich bei seinem Programm an dem Album Love & Devotion – Deutsche Barock-Motetten aus Leipzig orientiert, die er 2025 mit der Rheinischen Kantorei eingespielt hat. Aber er hat das Programm erweitert, ist auf dem Album nur eine Bach-Motette zu hören, so hat er für das Konzert vier Motetten ausgewählt, die in einer sehr geschickten Dramaturgie im Programm platziert sind. Die Werke von Bach rahmen im ersten Teil des Konzerts drei seiner Vorgänger ein und im zweiten Teil zwei seiner Nachfolger und seinen Lieblingsschüler Johann Ludwig Krebs.

Anders als im 19. Jahrhundert wurden die Motetten im Barock nicht a cappella gesungen, sondern von Orgel und Violone, als Basso continuo begleitet, wobei die Violone dem Kontrabass in der Gambenfamilie entspricht. Burchards, der unter seinem Lehrer, dem englischen Chorleiter und Musikwissenschaftler Michael Procter, fundierte Kenntnisse der Musik von 1450 bis 1650 erworben hat, setzt auch für das Konzert in Knechtsteden die historisch überlieferte Basso-continuo-Begleitung ein. An der Orgel ist Stanislav Gres und an der Violone Frauke Hess. Gres spielt auch zwei Zwischenspiele auf der Orgel, Duetto II in F-Dur, BWV 803 und Duetto III in G-Dur, BWV 804. Beide Werke spielt Gres meisterhaft, getragen von einem tiefen Verständnis der Musik Bachs.

Eröffnet wird das Konzert mit dem Glanzstück unter den Motetten, mit der doppelchörigen Motette Singet dem Herrn ein neues Lied BWV 225. Wahrscheinlich hat Bach das Stück als Festmusik zum Neujahrstag geschrieben. Seit 1726 gehört die Mottete zum festen Kanon des Thomanerchors. Die Musik ist freudig festlich. Es erklingt eine Art Präludium mit der steten Wiederholung des Wortes „Singet“. Die beiden Chöre überbieten sich im koloraturenreichen Gesang, der von einer beschwingten Fuge beschlossen wird, die sich dann zur Siebenstimmigkeit verdichtet. Im zweiten Teil, der langsamer ist, folgt ein vierstimmiger Choralteil, der von einem polyphonen Chorlied unterbrochen wird. Der Schlussteil ist wieder schnell und tänzerisch wie der erste Teil und führt in eine vierstimmige Fuge „Alles was Odem hat, lobe den Herrn“, die in einem Halleluja ausklingt. Die Rheinische Kantorei bewältigt die Herausforderungen des schwierigen Werkes auf das Beste.

Foto © Michael Rathmann

Nach diesem festlichen Einstieg sind Motetten der Bach-Vorgänger zu hören. Tobias Michael war von 1631 bis 1657 Thomaskantor, und seine ersten 17 Amtsjahre fielen in den Dreißigjährigen Krieg. Sein Text In Angst und Not spiegelt die Schrecken dieser Zeit wider. Sein Werk ist eine fünfstimmige Aria, ein polyphones Chorlied. Für Sebastian Knüpfers sechsstimmige Motette Mein Gott betrübt ist meine Seele ist der Kontrapunkt im Kanon charakteristisch. Er war von 1657 bis 1676 Kantor. Nach Knüpfers frühem Tod wurde Johann Schelle 1677 Kantor und mit seiner Trauermottete Christus ist des Gesetzes Ende beginnt der Hochbarock. Abgeschlossen wird der erste Teil mit Bachs doppelchöriger Sterbemottete Komm, Jesu, komm BWV 229. Dreimal ruft der Chor „Komm!“, und nach dem vierten Mal löst sich die Spannung. In dem Stück werden die Müdigkeit eines Sterbenden und das eindringliche Flehen um die Gnade des Todes besungen. Der Dialog zwischen den beiden Chören entfaltet die Sehnsucht nach endgültigem Frieden. Die Rheinische Kantorei singt den Sterbenswunsch, die sehr feine Melodie Komm, Jesu, komm und die folgende Fuge Der saure Weg wird mir zu schwer unglaublich feinfühlig und kunstvoll. Danach vereinigen sich die Chöre und singen achtstimmig im Tanzrhythmus, der Sterbende hat losgelassen. Die Thomaner nannten die Motette Den sauren Weg, da sie so schwer zu singen war.

Nach der Pause geht es mit Bachs doppelchöriger Motette Der Geist hilft unserer Schwachheit auf, BWV 226 weiter. Im Anschluss sind die Nachfolger Bachs zu hören, vom Thomaskantor Johann Friedrich Doles, der im galanten italienischen Stil komponierte, über den Bachschüler Johann Ludwig Krebs, bis zum Kantor Johann Adam Hiller, dessen Motette Alles Fleisch ist wie Gras, zum Tode der Witwe des Kurfürsten, Maria Antonia, 1780 komponiert, schon in Richtung Klassik weist.

Zum Abschluss des Konzertes erklingt eine Pasticcio-Motette von Telemann und Bach Jauchzet dem Herrn alle Welt, Mottete zu acht Stimmen nach drei Kantatensätzen von Telemann und Bach, BWV Anh. 160. Telemann hat den ersten und den letzten Satz geschrieben, nur der zweite Satz stammt von Bach. Telemanns prächtiger Doppelchor ist nur durch Bachs Bearbeitung erhalten geblieben und zählt zu den großartigsten Momenten der Motettentradition.

So prachtvoll wie das Konzert in der Klosterbasilika begonnen hat, ebenso prachtvoll wird es beendet. Eine meisterhafte Gesangsleistung der Rheinischen Kantorei unter der Leitung von Edzard Burchards, selbst die Solisten stammen aus dem Chor. Das Publikum feiert die Akteure mit langanhaltendem Beifall und stehenden Ovationen. Ein würdiger Abschluss für das Festival Alte Musik Knechtsteden, ein Festival mit vielen Glanzlichtern und Höhepunkten.

Uwe Bräutigam